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Hans-Joachim Dera. Foto: Meyer
Hans-Joachim Dera. Foto: Meyer
23.12.2017

Pforzheimer im Nachtcafé – kleines Weihnachtswunder zeichnet sich ab

„Komisch“ sei es gewesen, sich selbst im Fernsehen zu sehen, erzählt Hans-Joachim Dera. Aber auch aufregend. Sein Auftritt im SWR-„Nachtcafé“ am Freitag vergangener Woche war kurz. Doch die wenigen Minuten Redezeit, in denen er über seine Einsamkeit speziell an Weihnachten sprach, reichten aus, um eine Flut an Reaktionen auszulösen.

Auf Twitter gab es nach seinem Auftritt Aufrufe, ihm Weihnachtsgrüße zu senden. Aus ganz Baden-Württemberg habe er Mails bekommen, berichtete Dera. Völlig Fremde hätten ihn für Heiligabend zu sich nach Hause eingeladen. „Das ist schon schön. Aber die Leute wohnen zu weit weg, und ich habe nicht das Geld, die Fahrt zu bezahlen“, sagt er, lächelt und blickt kurz aus dem Fenster seines kleinen Zimmers in einem Pforzheimer Pflegeheim. Ein Bett, ein Sessel, ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein Schränkchen mit Kleidung und ein Fernseher.

Das ist seit einem Jahr die Welt des 76-Jährigen. Ein Herzinfarkt im vergangenen Jahr hatte körperliche Beeinträchtigungen zur Folge. Das Laufen fällt Dera schwer, weshalb er kaum noch vor die Tür kommt.

Mit der Einschränkung kam die Einsamkeit. „Alt werden an sich ist schon nicht einfach. Aber zusammen mit Krankheit ist es besonders schwer“, erzählt Dera. Zwischen Heiligabend und Silvester sei es am schlimmsten, erklärt er. Da sehe man den Trubel im Fernsehen und werde sich der eigenen Einsamkeit erst so richtig bewusst. „Man hofft einfach, dass die Tage schnell vorübergehen“, schildert Dera, wie schon beim SWR, seine Gefühlslage während der Festtage. Auch finanziell steht der Rentner nicht gut da. Das Sozialamt muss einen Teil der Heimkosten übernehmen. Ihm bleiben 110 Euro, die er für Hygieneprodukte und den Handy-Vertrag – seine Verbindung zur Außenwelt, braucht. Über ihm hängt ein Foto der Südseeinsel Bora-Bora.

Der Fotograf ist er, das Bild entstand 1988. „Ich habe fast die ganze Welt bereist“, erzählt er. Damals heuerte Dera auf Schiffen an. Nicht, um Geld zu verdienen. Er wollte die Welt sehen. Indien, Afrika, Südamerika, Neuseeland – kaum ein Winkel der Erde, den der ehemalige Versicherungskaufmann nicht bereist hätte. Eine Familie gründete er nicht. Vor fünf Jahren zog Dera von Berlin nach Pforzheim. Wegen einer Frau, die er im Internet kennenlernte und die zu einer guten Freundin wurde. Als die Miete seiner Berliner Wohnung immer höher wurde und er zunehmend auf Hilfe angewiesen war, schlug sie ihm ein betreutes Wohnen in Pforzheim vor. „Das war günstiger als in Berlin“, erzählt Dera. Seine „Kaktusblüte“, wie er sie nennt, habe ihm beim Umzug geholfen und sei ihm noch heute eine wichtige Stütze. Da sie jedoch selbst Familie habe, könnten sie sich nicht so häufig

sehen. Öffentlich im Fernsehen über das Thema Einsamkeit im Alter zu sprechen, sei ihm nicht schwergefallen. „Früher hätte ich das nicht gemacht. Aber jetzt bin ich da offener. Vor allem aber, wollte ich mal hier raus“, sagt Dera. Rauskommen. Das ist sein sehnlichster Wunsch. Wenn er könnte, würde er zurück nach Berlin. Oder zumindest eine der Einladungen annehmen. Einer dieser Wünsche könnte bald in Erfüllung gehen – es scheint sich ein kleines Weihnachtswunder abzuzeichnen.