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Nur zur Probe mussten Rathaus-Mitarbeiter ihre Büros verlassen. Die Evakuierungs-Übung war von Erstem Bürgermeister Roger Heidt (links) und Ralf Zimmermann, stellvertretender Feuerwehr-Kommandant, angesetzt worden. © Ketterl
26.07.2010

Rathaus evakuiert: 300 Mitarbeiter lassen alles liegen

PFORZHEIM. Bei einer Brandschutzübung haben 300 Mitarbeiter des Rathauses alles stehen und liegen lassen. Zehn Minuten dauerte der Alarm. Nicht alles klappte. Die Bürgermeister zeigten sich „grundsätzlich zufrieden“.

Bildergalerie: Das Pforzheimer Rathaus wird evakuiert

„Sollen wir?“, fragt Ralph Zimmermann seinen politischen Vorgesetzten. Roger Heidt, Erster Bürgermeister und unter anderem zuständig für die Feuerwehr, nickt. Es ist halb zehn. In den Amtsstuben des Neuen Rathauses geht alles seinen gewohnten Gang. Heidts Amtskollege Alexander Uhlig sortiert seine Post, OB Gert Hager schaut auf die Uhr – in fünf Minuten soll die von ihm geleitete Dezernatsbesprechung stattfinden.

Daraus wird vorerst nichts. Denn Zimmermann, einer der beiden stellvertretenden Kommandanten der Feuerwehr und verantwortlich für den vorbeugenden Brandschutz, spricht zwei Worte in sein Sprechfunkgerät: „Leg' los!“ Das ist das Kommando für seinen Kollegen Frank Winterfeldt im Einsatzfahrzeug in der östlichen Fußgängerzone, und Sekunden später jault es durchs Rathaus – Alarm, fernausgelöst von Winterfeldt.

„Wir haben gewusst, irgend wann kommt etwas in der Art“, sagt einer der Rathaus-Mitarbeiter, der wie die vielen anderen beschleunigt die Haupttreppe hinunter eilt. Auf den Fluren haben sich Angehörige der Berufsfeuerwehr postiert, um zu beobachten, ob sich die Bediensteten vorschriftsgemäß verhalten – vom Oberbürgermeister bis zum Auszubildenden. Vier Fluchtwege, vier Ausgänge, so sieht es das Konzept vor. An diversen Sammelpunkten bietet sich eine Häufung von Rathaus-Mitarbeitern wie bei einem Betriebsausflug.

Auch Sparkassenfiliale schließt

Verdutzt steht eine ältere Frau im Foyer des markanten Gebäudes. Von der Verwaltung will sie nichts. Sie möchte in die Filiale der Sparkasse. Doch die ist zu – als die Sirene losgeht, löschen die Mitarbeiter das Licht, schließen die Vordertür und treten nach hinten den Rückzug an, wie es sich gehört. Verwirrt auch einige Bürger, die mit ihrem Anliegen vor den Amtsstuben ausharren. Man hastet an ihnen vorbei, ohne ihnen zu sagen, was los ist. Eine Übung, eine Abwechslung, ein echter Brand?

Was nicht lief, wird Bestandteil einer Nachbereitung sein, die im Anschluss an die Übung in den Räumen der Hauptfeuerwache stattfindet. Am Nachmittag äußern sich Hager und Heidt in einer Presseerklärung „grundsätzlich zufrieden“ mit dem Verlauf der Übung. Erkenntnisse würden in einem Abschlussbericht dokumentiert und in künftige Räumungen mit einfließen. Dazu dürfte auch gehören, dass sich jeder an dem Sammelpunkt einfindet, der für ihn vorgesehen ist. In mindestens zwei Fällen hätte es im Ernstfall große Konfusion um das Verbleiben von zwei Mitarbeitern gegeben.

Zehn Minuten hat der Spuk gedauert. Das einzige, das raucht, ist die Zigarette eines irritierten Bauarbeiters auf dem Parkplatz hinter den Rathäusern inmitten von Beamten und Angestellten der Verwaltung. „Gehen wir wieder an die Arbeit“, sagt Hager und reibt sich tatendurstig die Hände, „das Geschäft ruft.“

Probleme mit dem Brandschutz werden teuer

Evakuierungsübungen finden in unregelmäßigen Abständen statt – doch nachdem im April dieses Jahres offenbar wurde, dass der Brandschutz für das Neue Rathaus in katastrophalem Zustand ist und eine Sanierung der Verwaltungszentrale für 13 Millionen Euro aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist, wusste man: Feuerwehrdezernent Roger Heidt würde die Zügel anziehen und die Übung forcieren.

Eingeweiht in den genauen Zeitpunkt waren nur ein Mitarbeiter des Gebäudemanagements, die Feuerwehr und das Amt für Öffentlichkeitsarbeit, Rats- und Europaangelegenheiten. Bereits im Jahr 1971 hatte das Bauaufsichtsamt festgestellt, dass Vorgaben in Sachen Brandschutz nicht gegeben seien. 2002 warnte die Feuerwehr nach einer Brandverhütungsschau in einer Stellungnahme vor dem fehlenden Brandschutz und monierte im Juli 2003 weitere Schwachpunkte in einer Aktennotiz. Doch erst Ende 2008 wurde im Rathaus die ganze Tragweite der Mängel offenkundig. Das Wehklagen war groß – und der Ärger: Denn statt in Rathaus-Sanierung hätte man die 13 Millionen Euro lieber in die Ertüchtigung der Nordstadtschule gesteckt.

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