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Eine mutmaßlicher, unter anderem wegen Zwangsprostitution, gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung angeklagter Bordellbetreiber sitzt mit verdecktem Gesicht auf der Anklagebank.
Eine mutmaßlicher, unter anderem wegen Zwangsprostitution, gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung angeklagter Bordellbetreiber sitzt mit verdecktem Gesicht auf der Anklagebank. © Jörn Perske/dpa
21.05.2019

Razzien auch in Pforzheim: Von Thailand in deutsche Bordelle - Prozess gegen Betreiber eines Prostitutionsrings

Pforzheim. Transsexuelle, in Fernost auch Ladyboys genannt, sind jahrelang aus Thailand nach Deutschland eingeschleust und mit Zwangsprostitution ausgebeutet worden. Nun wird einer bundesweiten Gruppierung der Prozess gemacht. Es könnte aber nur die Spitze des Eisbergs sein. Durchsuchungen hatte es auch in Pforzheim gegeben.

Der Blick zurück: Es war der 18. April 2018, kurz nach 6 Uhr, als Polizisten auch vor einem Pforzheimer Bordell in der Gymnasiumsstraße gesichtet wurden. Dort sollen eingeschleuste thailändische Frauen und Transsexuelle  ihre Dienste angeboten haben. Sie wurden im Rotationsprinzip nahezu im gesamten Bundesgebiet in Bordellen eingesetzt. Insgesamt wurden bei der Großrazzia im Rotlichtmilieu mehr als 1500 Bundespolizisten 62 Orte in zwölf Bundesländern durchsucht. Am Dienstag begann nun in Hanau der Prozess.

Die Geschichten, die die Sexarbeiterinnen in Deutschland erleben und durchleben mussten, klingen alle ähnlich und verliefen nach wiederkehrendem Muster: Von Thailand aus wurden sie nach Deutschland eingeschleust und dort mehr oder minder zur Prostitution gezwungen. Angeklagt sind fünf mutmaßliche Bordellbetreiber, vier thailändische Frauen und ein Deutscher im Alter zwischen 49 und 63 Jahren. Als sie am Morgen im hessischen Hanau, von viel Presse begleitet, den Gerichtssaal betraten, verbargen sie ihre Gesichter und hielten sich Aktenordner oder Mappen vor den Kopf.

Sexarbeiterinnen per Flugzeug und mit Touristen-Visa nach Deutschland eingeschleust

Als Hauptbeschuldigte gelten ein 63-Jähriger und eine 60-Jährige - ein ehemaliges, deutsch-thailändisches Paar aus Siegen (Nordrhein-Westfalen), das dort drei Bordelle betrieb. Gemeinsam mit den anderen Angeklagten und weiteren, gesondert verfolgten Mittätern, sollen sie die Sexarbeiterinnen per Flugzeug und mit Touristen-Visa nach Deutschland eingeschleust haben. Unter anderen handelte es sich laut Anklage um Männer, die sich einer Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzogen hatten.

Die Prostituierten arbeiteten laut Anklage in Bordellen zunächst in Siegen und dann in einem Rotationsverfahren bundesweit an weiteren Orten, darunter Maintal, Rodgau und Gießen in Hessen, Rastatt (Baden-Württemberg), Speyer (Rheinland-Pfalz), Saarbrücken, Hannover, Bremen und Gotha (Thüringen). Nachdem sie Wochen oder Monate in einem meist als Massagesalon getarnten Etablissement tätig waren, wurden sie weitergeschickt.

In den Bordellen wurde ihnen laut Staatsanwaltschaft der Reisepass abgenommen. Meist seien sie eingesperrt worden, hätten das Gebäude nicht verlassen dürfen und unter Zwang anschaffen müssen. Teilweise seien sie geschlagen oder mit dem Tode bedroht worden. Neben physischem sei auch psychischer Druck ausgeübt worden. Es sei ihnen auch angedroht worden, dass ihren Angehörigen Schlimmes widerfahre. Einige seien auch zum Sex ohne Kondom gezwungen worden. Ihre Einnahmen hätten sie abgeben müssen, um die Schleuserkosten abzuarbeiten. Zwischen 15 000 und 23 000 Euro seien von ihnen verlangt worden, zuweilen bis zu 36 000 Euro.

Taten zwischen Juli 2012 und April 2018

Vorgeworfen wird den Angeklagten Zwangsprostitution, gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung. Es geht um Taten zwischen Juli 2012 und April 2018. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wird in dem Komplex insgesamt gegen 49 Beschuldigte ermittelt - darunter aber keine Prostituierten. Verfahren gegen fünf Beschuldigte wurden an Staatsanwaltschaften in Baden-Baden und Saarbrücken abgegeben.

Beim Prozess in Hanau wurden über Stunden Dutzende von Einzelfällen referiert. Doch das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass es noch eine hohe Dunkelziffer an Fällen gibt. Der Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, Alexander Badle, rechnet mit mindestens 150 bis 200 Fällen.

Wie die mutmaßlichen Täter vorgehen, welcher finanzieller Schaden entstand und wie die mutmaßlichen Täter aufflogen, lesen Sie am Mittwoch in der "Pforzheimer Zeitung".

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