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Das Geschirr packt er selbst: Manfred Lindholm verlässt mit Hilfe eines Umzugsunternehmens nach 28 Jahren die Siedlung Unteres Enztal und zieht zu seiner Familie in den Norden.
Überrascht: Manfred Lindholm erhielt vor einigen Monaten Post von seiner Tochter – nach 25 Jahren. © Archiv
05.03.2010

Rentner zieht dank Spenden vom Unteren Enztal weg

PFORZHEIM. Die ersten Umzugskartons stehen in der kleinen Wohnung von Manfred Lindholm. In einer guten Woche erfüllt sich sein Traum: Er wird nach 28 Jahren der Siedlung Unteres Enztal den Rücken kehren und seine Freundin mitnehmen.

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Lindholm lebt von einer kleinen Rente in einer der Notunterkünfte aus den 50er-Jahren, seine Freundin wohnt ebenfalls in der Siedlung. Er ist einer der wenigen Bewohner, die einen Mietvertrag haben. Die meisten der 150 Bewohner sind zwangseingewiesen worden und leben schon seit vielen Jahren dort.

Das Geschirr packt er lieber selber ein, den Rest überlässt er dem Umzugsunternehmen. Immer mal wieder muss er innehalten, weil er schlecht Luft bekommt. Lindholm, den alle nur den „Hamburger“ nach seinem Geburtsort nennen, wird sich nicht von seinen Nachbarn verabschieden. Dem einen oder anderen hat er zwar über die Jahre die Türen ausgebessert oder mal einen Schrank gerichtet. Aber die Kontakte sind nach und nach abgebrochen.

Er hat eine kleine Hobby-Werkstatt, in der er arbeitet. Nicht allzu lange am Tag, denn Lindholm ist schwer lungenkrank. Mit seinem Roller fährt er bei anständigem Wetter umher. „Dann kann ich raus, ohne mich anzustrengen“, sagt der 68-Jährige. Die Ruhe werde ihm schon fehlen, sagt der Rentner. Und die guten Einkaufsmöglichkeiten. Aber er freut sich auf die neue Wohnung mit Zentralheizung, denn durch seine schwere Krankheit, kann er sein Holz nicht mehr für den Ofen zurechtschneiden. Dafür fehlt ihm die Puste.

Die „Pforzheimer Zeitung“ hatte in ihrer Weihnachtsausgabe darüber berichtet, dass Lindholm zwei seiner Töchter nach 25 Jahren durch Zufall wiedergefunden hat – und ihm das Geld für den ersehnten Umzug nach Cuxhaven fehlte. Beides sind Kinder aus seiner zweiten Ehe – zwei von sieben Kindern. Als seine zweite Frau vor vielen Jahren mit 40 starb, war er ohne Arbeit und mit einem Haus verschuldet und hatte nach eigenen Worten keine Wahl: Er ging in den Süden nach Pforzheim, um bei einer Hochbaufirma auf der Wilferdinger Höhe in Pforzheim zu arbeiten. Die Kinder wuchsen in Heimen und in Pflegefamilien auf. Der Kontakt brach ab. Er heiratete ein drittes Mal und verlor auch diese Frau.

Keine Perspektive mehr

Gerne möchte der Rentner seine Zeit mit seinen Töchtern Carola und Elfriede und seinen Enkeln verbringen. Allein im Unteren Enztal – das ist für ihn keine Perspektive mehr. Der Verein „Menschen in Not“ unterstützt Lindholm mit insgesamt 1700 Euro für den Umzug, darin enthalten sind auch einige Hundert Euro an Spenden von Lesern der „Pforzheimer Zeitung“. Den Rest würden das Sozialamt und er drauflegen, sagt Lindholm. Zwischendurch hatte der gelernte Maurer befürchtet, alles zurücklassen zu müssen. Zu teuer erschien der Umzug, den einerseits die zu fahrende Strecke von über 800 Kilometern kostspielig macht, aber auch der Umstand, dass Schränke, Werkzeuge und der Roller mitsollen.

Seine Tochter Carola hat bereits ein neues Zuhause für ihren Vater am Rande Cuxhavens gefunden. Lindholm wird seine jetzt 38 Quadratmeter große Wohnung gegen eine 55 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung tauschen und sie mit seiner Freundin und dem Mischlingshund Lobo teilen. Carola wird am 15. März trotz Prüfungen im Rahmen einer Umschulung nach Pforzheim reisen, um ihren Vater mit dem Wagen abzuholen.Und während die Profis vom Umzugsunternehmen Schränke, Stühle, Werkzeug und Bett zusammenpacken werden, um dann nachts gen Cuxhaven zu fahren, wird Lindholm ein paar Tage bei seiner Tochter unterkommen, die nur eine Viertelstunde mit dem Wagen von seiner neuen Wohnung entfernt mit ihrer Familie lebt. Er bleibt dort solange, bis alles an seinem Platz steht.

Jede Menge Familienanschluss

Eine halbe Stunde nur, und er ist an der Elbe. Auf dieses Ausflugsziel freut er sich besonders. Auf Lindholm wartet jede Menge Familienanschluss. Sieben Kinder, 25 Enkel und acht Urenkel leben im Norden Deutschlands. „Wenn ich alle auf einmal sehen will, muss ich ein Lokal mieten“ , schmunzelt er. Martina Schaefer

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