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Roland Jahn wurde 1983 wegen seiner oppositionellen Haltung vom DDR-Regime nach Westdeutschland abgeschoben. Foto: BStU
Roland Jahn wurde 1983 wegen seiner oppositionellen Haltung vom DDR-Regime nach Westdeutschland abgeschoben. Foto: BStU
16.10.2015

Roland Jahn zum DDR-Museum: „Verstehen, ohne zu verharmlosen“

Wenn am Sonntag das DDR-Museum seine neue Dauerausstellung eröffnet, wird auch Roland Jahn in der Buckenbergschule sein. Der frühere Bürgerrechtler und Journalist ist seit Januar 2011 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Im PZ-Interview spricht Jahn darüber, warum es 25 Jahre nach Ende der deutschen Teilung Einrichtungen wie das DDR-Museum braucht – und wie sie die Demokratie unterstützen.

PZ: Herr Jahn, wie wichtig sind Einrichtungen wie das Pforzheimer DDR-Museum ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung?

Roland Jahn: Wir stehen immer vor der Frage, warum wir uns mit Geschichte beschäftigen. Einrichtungen wie das Museum in Pforzheim geben eine klare Antwort darauf. Es geht darum, Erfahrung der vergangenen Generationen zu nutzen, um unsere Gesellschaft hier und heute zu gestalten. In diesem Sinne leistet das DDR-Museum einen Beitrag dazu, deutlich zu machen, dass Freiheit und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern dass es immer darum geht, Demokratie auch zu leben. Ich habe den Gründer Klaus Knabe noch persönlich kennengelernt. Es ist mir ein Bedürfnis, das Museum zu besuchen.

PZ: Das neue Konzept wurde besonders mit Blick auf ein jüngeres Publikum entwickelt.Wie schwierig ist es, diese Zeit Jugendlichen nahezubringen?

Roland Jahn: Geschichte zu vermitteln, ist eine Herausforderung. Wichtig ist, dass die Angebote so angelegt sind, dass die jungen Leute eine Chance haben, etwas mitzunehmen für die Fragen, die sie in ihrem Alltag haben. Ich habe die Ausstellung noch nicht gesehen, aber das Konzept wahrgenommen. Daher bin ich zuversichtlich, und hoffe, dass das gelingt.

PZ: Wie groß ist das Interesse heute an Themen wie DDR und Staatssicherheit?

Roland Jahn: Wir verzeichnen ein sehr waches Interesse an diesen Themen. Immer noch mehr als 5000 Bürger pro Monat stellen Anträge zur persönlichen Akteneinsicht. Auch bei unseren Angeboten zu Forschung und Bildung besteht ein großes Interesse, zum Beispiel bei unserer Wanderausstellung, die gerade in Nürnberg Station macht. Ich sehe, dass die Menschen die Aufarbeitung der Deutschen Teilung als gesamtdeutsche Aufgabe wahrnehmen.

PZ: Wissen die Deutschen Bescheid? Ist ihr Bild authentisch?

Roland Jahn: Wer die Gelegenheit wahrnimmt, sich zu informieren, hat alle Möglichkeiten, die Dinge einzuordnen. Es ist ein Angebot, dass die Menschen sich selbst ein Bild machen können. Wir wollen kein Geschichtsbild vorgeben, sondern Informationen bieten.

PZ: Wie gelingt das?

Roland Jahn: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Historische Orte wie die Stasi-Zentrale oder das Gefängnis Hohenschönhausen und authentische Gegenstände sind besonders wirksam. Gerade davon gibt es im Pforzheimer Museum viele. Wenn das mit Dokumenten und Berichten verbunden wird, sind wir auf einem guten Weg. Die Schilderungen von Zeitzeugen geben besonders die Gelegenheit, die subjektiven Empfindungen beim Erleben einer Diktatur zu vermitteln.

PZ: Beim Zugang zum Thema gibt es ganz unterschiedliche Voraussetzungen in Ost und West. Der Diskurs war lange Zeit westdeutsch geprägt.

Roland Jahn: Wir sind alle zusammen herausgefordert, einen differenzierten Blick zu bekommen. Dabei ist mir wichtig, klar und deutlich zu benennen, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist, ein System, das die Menschenrechte mit Füßen getreten hat. Und es ist auch wichtig, zu sehen, dass die meisten Menschen, die dort gelebt haben, ihre Lebensleistung haben.

PZ: Was bedeutet das für Westdeutsche?

Roland Jahn: Gerade im Westen Deutschlands geht es darum, sich einzulassen auf die Erlebnisse der Menschen, Respekt zu haben vor der Biografie der vielen Ostdeutschen, die versucht haben, unter diesen Umständen ihren persönlichen Weg zu finden. Mit der Bereitschaft zum Zuhören, nicht gleich abzuurteilen, versuchen zu verstehen, warum sie sich wie in der Diktatur verhalten haben, um ihr Leben zu gestalten, kann das gut gelingen – verstehen, ohne zu verharmlosen.

PZ: Wo stehen wir bei diesem deutsch-deutschen Dialog?

Roland Jahn: Die Feierlichkeiten zu 25 Jahren Deutsche Einheit haben wieder gezeigt, dass wir in Deutschland doch viel geleistet haben in Sachen Aufarbeitung. Dass wir jetzt ein Klima haben, in dem Ost und West zueinandergekommen sind. Die junge Generation etwa denkt nicht in Ost-West-Kategorien, sondern gesamtdeutsch und setzt die Maßstäbe. Wichtig ist doch, dass Menschenrechte in der Demokratie gewährleistet sind, so dass wir unsere Gesellschaft bestmöglich gestalten können.

PZ: Bei der Haltung zu Flüchtlingen und Zuwanderung wird mitunter ein neuer Ost-West-Konflikt diagnostiziert.

Roland Jahn: Ich denke, es hilft in der Sache nicht, den Schwarzen Peter zwischen Ost und West hin- und herzu schieben und etwa die Zahl der brennenden Flüchtlingsheime zu vergleichen. Es geht darum, dass wir gesamtdeutsch deutlich machen, was die Werte unserer Gesellschaft sind. Dass wir Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und Versammlungsfreiheit haben, es aber auch klare Grenzen gibt, wo Gesetze nicht geachtet werden – dass es nicht akzeptabel ist, wenn zum Beispiel zur Gewalt aufgerufen wird.

PZ: Sie haben die in ihren Auswirkungen weit weniger katastrophale deutsche Diktatur des 20. Jahrhunderts zu verwalten. Lässt sich deren Dramatik angesichts des Nationalsozialismus überhaupt transportieren?

Roland Jahn: Unrecht ist immer konkret. Es ist schwierig, das gegeneinanderzusetzen. Wichtig ist doch, dass wir mit dem Blick in die Vergangenheit, mit dem Erkennen von Unrecht, das geschehen ist, unsere Sinne dafür schärfen, wo unsere Freiheit heute bedroht ist. Deshalb ist es durchaus hilfreich, aktuelle Diskussionen in dem Wissen zu führen, wie die Stasi gearbeitet hat, wie Diktatur funktioniert hat. Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten.

PZ: Ist die Beschäftigung damit auch einmal belastend für jemanden, der das selbst miterlebt hat und gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen?

Roland Jahn: Nein. Ich stehe stellvertretend für viele Menschen, die das erlebt haben, die Repression erlebt haben. Das ist ein guter Antrieb, seine eigenen Erfahrungen einzubringen.