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Im Zentrum der Stadt versammeln sich mehrere Hundert Menschen, um vor dem Hintergrund der Zerstörung Pforzheims der Toten des 23. Februars 1945 zu gedenken und mit einem Friedenslicht ein Zeichen für Toleranz, Freiheit, Solidarität und Versöhnung zu setzen.  Foto: Ketterl 

Rund 400 Menschen bei Gedenkfeier an 23. Februar auf dem Marktplatz

Pforzheim. Genau 22 Minuten läuten die Glocken – so lange, wie vor 74 Jahren rund 400 Bomber der Royal Air Force ihre tödliche Fracht über Pforzheim entluden. Über 17.000 Menschen starben in jener Nacht.

Ihrer, der Überlebenden und der Hinterbliebenen gedenken an diesem Samstagabend auf dem Marktplatz rund 400 Menschen, fast alle eines der vor dem Rathauspavillon ausgegebene Friedenslichter in der Hand. Nur das Läuten der Glocken aller Pforzheimer Kirchen ist zu hören. 22 Minuten können lang sein – doch wie unendlich länger muss es denen vorgekommen sein, über denen die Bombenhölle losbrach, fragt rhetorisch die evangelische Dekanin Christiane Quincke.

Hilflosigkeit, Todesangst – „ich möchte mir nicht vorstellen müssen, wie es ist, seine Familie nicht beschützen zu können“, sagt Oberbürgermeister Peter Boch in seiner kurzen Rede, bevor er den Schauspielern Sophie Lochmann und Markus Löchner für Lesungen aus den Werken von Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Wolfgang Bochert und Mahatma Gandhi die Bühne überlässt. Sie blicken – wie nach dem Ausklingen des Geläuts die Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften und Konfessionen – hinab auf ein Lichtermeer, das heller leuchten soll als die Fackeln der „Mahnwache“ der Ewiggestrigen auf dem Wartberg. Der gespenstische Aufzug der Neonazis sei schwer zu ertragen, sagt Boch – „aber wir müssen sie als Demokraten tolerieren“. Er zitiert die letztjährige Reuchlinpreisträgerin, Professorin Barbara Stollber-Rillinger, die in ihrer Dankesrede die Bedeutung der Toleranz betont habe: Diese sei „gerade gegenüber dem gefordert, was man selbst gerade nicht teilt, sondern für sich selbst ablehnt“.

Doch so, wie „jene Verblendeten“ das Recht hätten, ihre Fackeln abzubrennen, hätten die Menschen „hier in der Mitte der Stadt“ das Recht, sich zu versammeln „und für unsere Werte einzustehen, um gemeinsam ein Zeichen für Demokratie, Vielfalt und Toleranz zu setzen“, so Boch.

Trauer und Mahnung

Für all’ die Opfer, die der von Deutschland entfesselte Bombenkrieg heimgesucht habe – ob in Pforzheim oder Coventry, Warschau oder Rotterdam, Leningrad oder Hamburg und Dresden –, habe man sich im Herzen der Stadt, einem Ort, an dem man vor 74 Jahren keine Überlebenschance gehabt hätte, versammelt, „um ein friedliches, leuchtendes, stilles Meer des Gedenkens, der Trauer, der Erinnerung und der Mahnung“ zu bilden.