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Saacke-Carré als Vorbild im Städtebau.
Saacke-Carré als Vorbild im Städtebau © privat
15.09.2010

Saacke-Carré als Vorbild im Städtebau

Eine Welt für sich – so hat der große Pforzheimer Heimatforscher Oskar Trost (1882–1972) einst in einer Veröffentlichung „Die gärtnerischen Anlagen in Pforzheim und ihre Geschichte“ den Saacke'schen Park beschrieben. Dabei ist er regelrecht ins Schwärmen geraten ob „dieses prächtigen Gartens mit dem feinen, stilreinen Gartenpavillon“.  

Um das Jahr 1790 entstanden, reichte der Besitz der Familien Wohnlich, dann Kiehnle und schließlich Saacke bis weit über die spätere Bahnlinie hinaus. Stück für Stück sei dieser schöne Park dann im Laufe der Jahrzehnte von den Bedürfnissen des Verkehrs angenagt worden, stellt Trost bedauernd fest. Dennoch sei er „bis zu der großen Zerstörung am 23. Februar 1945 ein Stück Alt-Pforzheims gewesen, in dem man den Pulsschlag einer vergangenen Zeit spürte“. Das Gebiet nördlich der bestehenden Stadt hatte sich mit dem Bau der Eisenbahnlinie Mühlacker–Karlsruhe, sie war im Jahr 1861 eingeweiht worden, zunächst nur langsam verändert. Die Güterstraße mit ein paar Wohngebäuden wurde angelegt, der neue Friedhof „Auf der Schanz“ (eröffnet 1877), an der Hachelallee standen fünf Häuser (1875) und schließlich wurde auch oberhalb der Bahnlinie gebaut. Bereits im Jahr 1863 war die Luisenstraße durch den Park gelegt worden, der nun in zwei Teile zerschnitten war. Vier Jahre später kaufte die Württembergische Bahnverwaltung den nördlichen Teil für die Strecke nach Wildbad und Calw. 1877 erwarb die Postverwaltung ein großes Areal an der Luisenstraße für ihr Kaiserliches Reichspostamt. Abgesehen vom Verkauf kleinerer Bauplätze erfolgte der letzte große Eingriff im Jahr 1929 mit der Kiehnlestraße und einem erneuten „Zugriff“ der Post für ein neues Fernsprechamt.

„Noch immer war der Rest des Parks ein stattliches Besitztum und eine wahre Insel des Friedens inmitten des Treibens der großen Stadt. Immer gebieterischer aber drängten die Erfordernisse des anschwellenden Verkehrs zu einer Neugestaltung der Bahnhofstraße. Da brachte der verhängnisvolle 23. Februar 1945 eine furchtbare Wendung. Innerhalb weniger Minuten wurden sämtliche Gebäude dieses Blockes in Schutt und Asche gelegt. Der schöne Park war zu einer Wüstenei geworden, in welcher kaum mehr ein Baum zu sehen war“, hat Oskar Trost in einem Beitrag „Werden und Vergehen der grünen Insel im Stadtzentrum“ für die PZ (1953) geschrieben.

Und weiter: „Aber nun war die Möglichkeit gegeben, diesen wichtigen Zugang vom Bahnhof zur Innenstadt in großzügiger Weise zu gestalten. In kurzer Zeit wird, wenn einmal die um das Doppelte ihrer früheren Breite erweiterte Bahnhofstraße durchgeführt sein wird, und wenn die modernen Häuserblocks, welche von den Saacke'schen Grundbesitzern errichtet werden, fertiggestellt sind, das Bild dieser großstädtischen Durchgangsstraße in nichts mehr an den alten Zustand erinnern.“

Damals, Anfang der 1950er-Jahre, hatte sich das „Sozialwerk“ mit Sitz in Baden-Baden – es hatte sich als Gründung der beiden großen Kirchen und der Arbeiterwohlfahrt den gemeinschaftlichen Aufbau von Trümmergrundstücken zur Aufgabe gemacht – auch den Aufbau der Erbengemeinschaft der Saacke-AG betreut. „Das Bau-Experiment an der Bahnhofstraße“ titelte die PZ im August 1953. Denn: „Wohl keines der großen Pforzheimer Bauvorhaben der Nachkriegszeit löst so lebhafte Widersprüche aus wie die Bebauung des Dreiecks zwischen Bahnhofstraße, Poststraße und Kiehnlestraße. Der Plan eines lose aufgelockerten Wohnblocks entlang der Bahnhofstraße, die als repräsentativer Zugang zum Stadtzentrum städtebaulich besonders exponiert ist, hat von vielen Seiten lebhafte Kritik gefunden.“ Anders als beispielsweise in Freiburg, wo man das Alte kopiert hat, hatten die Bauherren der Saacke'schen Erbengemeinschaft auf Vorschlag des „Sozialwerks“ den renommierten Architekten Prof. Otto Bartning (Karlsruhe, Berlin, Darmstadt) den Auftrag erteilt, eine moderne Lösung zu wählen. „Bartning hat sich von allen traditionellen Auffassungen des vergangenen Städtebaus getrennt, insbesondere von dem Wahn, Straßen müssten steinerne Schluchten sein, die auf beiden Seiten von einer gleichbleibenden hohen Häuserwand eingefasst sind“, war von Seiten des „Sozialwerks“ in einer Stellungsnahme betont worden.

Statt einer hochgeschossigen Fassade entlang der Bahnhofstraße lasse Bartning drei schräggestellte Blocks nur mit der Ecke der Schmalseite an die Straße stoßen und ziehe dadurch die Sonne in alle Winkel des gesamten Blocks bis zu den rückwärtigen Gebäuden – ohne spitze Dächer mit ausgebauten Dachgeschossen, die doch nur ungenügenden Wohnraum bieten würden, ohne Erker und Giebel. Bartning und sein Kollege Otto Dörzbach schlossen an die erwähnten drei schräggestellten Baublocks jeweils einen kurzen, vierstöckigen Bau an, denen eine zweistöckige Ladenbebauung folgte. Das sollte die Architektur von einer „schweren Körperlichkeit der Masse befreien, die Fassade aufgliedern und lockern, wie es bisher im Städtebau selten erreicht worden ist“, so die Bauherren damals. Wobei noch angemerkt wurde: „ Es bleibt zu hoffen, dass die einzige Teilparzelle in dem gesamten Block, der nicht der Familie Saacke gehört, durch das Verständnis der Eigentümer und im guten Einvernehmen mit der Baubehörde sich beim Wiederaufbau in den Rhythmus der Gesamtkomposition harmonisch einfügt.“

Dies gelang, denn auch die Badische Bank (heute BW-Bank) wählte das Architekturbüro Bartning/Dörzbach für seinen Neubau, der Ende 1957 fertiggestellt war und schon beim Richtfest als „Krönung eines modernen Bau-Dreiecks“ gepriesen wurde. Aber alles ist vergänglich und so ist auch der Wunsch von Oskar Trost, „dass das Saacke'sche Anwesen, dieser einst unvergleichlich schöne, idyllische Familienbesitz, damit in ein neues, hoffentlich endgültiges Stadium eintritt“, nicht in Erfüllung gegangen. Der Bartning-Bau ist abgebrochen worden, bis Ende 2011 wird die BW-Bank an seiner Stelle ein neues, repräsentatives Domizil erstellen. Thomas Frei