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Pforzemer Mess

Hinten die Wilde Maus, davor ein Tischchen, auf dem der pensionierte Lehrer Rainer Single den Schaustellerkindern neue (Gesteins-)Welten eröffnet. Fotos: Meyer
Beengt, aber familiär geht es zu in dem Container, in dem die frühere Lehrerin Annie Rathke mit Kindern unterschiedlichen Alters arbeitet.
Die Mess macht eben auch Schule: Unterm Vorzelt lösen Michael Widmann, Anthony (7), Lenard (7) und Rainer Single vereint die kniffligsten Aufgaben (von links).
22.06.2018

Schausteller-Kinder lernen auf der Mess fürs Leben

Pforzheim. Morgens, wenn die Mess noch schläft, müssen die Kinder der Schausteller schon hellwach sein. Rund um einen kleinen Container brüten sie über Mathe-, Deutsch- oder Englisch-Aufgaben – der Siebenjährige neben der Elfjährigen oder dem 14-Jährigen. Die Pforzemer Mess setzt auch bei der schulischen Bildung des Nachwuchses Maßstäbe.

Unter alles andere als alltäglichen Bedingungen sind außergewöhnliche Leistungen möglich, wie ein eben erzielter Erfolg bestätigt.

Michael Widmann heißt der Mann, der hier Regie führt und dem Tränen in den

Bildergalerie: Schulalltag für die Kinder der Mess

Augen stehen. Eben hat er per Handy die Sprachnachricht eines jungen Mannes erhalten, den er über Jahre begleitet hat. Timmy berichtet, auch die letzte Prüfung zur Mittleren Reife bestanden zu haben. Widmann ist in der Beschulung von Kindern Reisender erfahren. Aber seit er diesen Beruf ausübe, sei dies das erste Schaustellerkind in Baden-Württemberg, das einen solch hohen Schulabschluss geschafft habe, berichtet der Bereichslehrer. Nun möchte er Timmy überzeugen, weiterzumachen. „Ich will mal bei einer Abiturfeier sitzen“, sagt der 55-Jährige. Solche Botschaften motivieren. „Sie haben sich immer für die Schaustellerkinder eingesetzt“, hat Timmy ins Handy gesprochen, „ich habe sehr großen Respekt vor Ihnen.“

Respekt ist das Wort, das das Miteinander an diesem „außerschulischen Lernort“ trefflich beschreibt. Schausteller wie Christina Gronen, die selbst die Tücken einer weniger gut strukturierten Schulzeit erleben musste, hat Respekt vor der Leistung der hier tätigen Lehrkräfte. Seit zwei Jahren ist Gronen im Stuttgarter Schaustellerverband für die Kooperation mit Schulen zuständig. Der Grund- und Hauptschullehrer Widmann, der einst am Wildberger Bildungszentrum unterrichtete, hat Respekt vor allen, die ihn bei der Herausforderung unterstützen, Schülern aus ganz Deutschland auf der Durchreise Wissen zu vermitteln.

Angefangen vom städtischen Marktamt über die Leitung der Osterfeldschulen, der diese „außerunterrichtliche Maßnahme“ zugeordnet ist, bis hin zur Feuerwehr, die den eigentlich für Sicherheitswachen genutzten Container zur Verfügung gestellt hat und auch mal zur Beseitigung übler Gerüche die Büsche daneben abspritzt, wenn dort wieder mal nächtliche Mess-Besucher wild ihr kleines Geschäft verrichtet haben. Ehrensache, dass die Schulkinder auch mal den Wasserschlauch halten dürfen. „Die Feuerwehr hat uns richtiggehend adoptiert“, sagt Widmann. Allen voran Armin Reisert, eigentlich Chef der Gefahrenabwehr, macht für die Kinder vieles möglich. „In einer Stadt muss man zusammenhalten und sich helfen“, sagt Kommandant Sebastian Fischer.

Respekt zeigen aber vor allem die Kinder vor ihren Lehrern, die großteils ihre Freizeit opfern. Widmann zur Seite stehen etwa Annie Rathke, eine frühere Kollegin aus Wildberg, und der Pforzheimer Rainer Single, einst Realschulleiter in Weilheim an der Teck. Unentgeltlich stellen sie sich der Aufgabe, die Kinder je nach Alter und Wissensstand individuell zu fordern und zu fördern. Deren Schulpflicht decken zwei Unterrichtsstunden pro Tag ab, die es dementsprechend in sich haben. Der Stoff wird anhand von Lernplänen vermittelt, die akribisch fortgeschrieben werden. So wissen die Lehrer dort, wo die Kinder mit ihrer Schaustellerfamilie in der Folge Station machen, genau um den aktuellen Kenntnisstand. Ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zum andernorts immer noch aktuellen Modell, Schaustellerkinder am jeweiligen Standort für wenige Tage in die Klasse irgendeiner Schule zu stecken, wo sie als vermeintliche Außenseiter oder Exoten untergehen.

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