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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Das bin ich

„Das ist eure neue Klassenkameradin“ sagte Frau Hartmann, „Ich möchte nicht, dass ihr sie auslacht, aber sie ist ein Flüchtling“, beendete sie ihren Satz.

Nun an mich gewandt sagte sie: „Setz dich bitte neben Anika, sie sitzt hier in der zweiten Reihe“. Peinlich berührt lief ich wie ein watschelnder Pinguin zu Anika und setzte mich auf den leeren Platz neben sie. Während ich das tat, lachten die anderen leise, aber immer noch laut genug, dass ich es hören konnte. Es war nicht nett, aber was sollte ich dagegen tun? Ich konnte nicht mal gut Deutsch. ln der Hoffnung, dass sie das Lachen überstimmen konnte, stellte sich Anika vor. Sie erzählte etwas von der Schule, ihrer Familie und ihren Freunden. Aber ich hörte gar nicht zu. Ich starrte nur aus dem Fenster und hoffte, dass irgendein Wunder das Lachen beenden könnte. Und das Wunder kam.

Als ob Frau Hartmann Gedanken lesen könnte, unterbrach sie das Gelächter. Eine richtig nette Lady, dachte ich jedenfalls. Es war doch nicht so ganz ein Wunder, denn als alles ganz leise war, bat sie mich vor an die Tafel und ich sollte etwas von mir erzählen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also sagte ich das, was ich dachte. „Ich heiße Ayshe, bin 13 Jahre alt, bin mit meinem Vater aus Syrien hierher geflüchtet. Niemand anderes aus der Familie konnte mitkommen, darüber bin ich traurig“, sagte ich beinahe wie ein Roboter. Rasch schob mich Frau Hartmann auf meinen Platz. Sogar aus dem Augenwickel konnte ich sehen, dass schon wieder die ganze Klasse flüsterte. Ob ich mich hier wohlfühlen könnte, konnte ich nur bezweifeln. Den Rest des ganzen Schultages starrte ich also nur aus dem Fenster. Als dann die Glocke klingelte, war ich die Erste, die aufsprang und das Klassenzimmer verließ.

Rasch lief ich ins Flüchtlingsheim, das ganz in der Nähe liegt. Aber auf dem Weg merkte ich, dass sehr viele Kinder in die gleiche Richtung gehen müssen wie ich und so sehe ich viele Klassenkameraden, sogar Anika. Wie sich herausstellt, wohnt sie nur eine Straße vom Flüchtlingsheim entfernt und wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich sie eigentlich ziemlich nett. Sie hatte nämlich nicht über mich gelacht und vielleicht werden wir mal gute Freunde. Als ich dann im Flüchtlingsheim ankomme, fällt mir auf, dass Pa gar nicht da ist.

Deswegen beginne ich ihn zu suchen. Im gleichen Moment passiert in meinem Körper was. Ich glaube ich habe Angst – Angst allein zu sein, Angst niemanden zum Reden zu haben, niemanden, bei dem ich immer sein kann. Aber auf einmal war die ganze Angst weg. Ich sah ihn, er sitzt mit Peter auf der Bank gleich fünf Meter vor mir. Aber über was reden sie denn? Heimlich schleiche ich mich also an und versuche zu hören, was Pa sagt: „Ich möchte nicht gehen. Wieso muss ich gehen aber Ayshe nicht? Das ist nicht gerecht. Sie wird alleine auskommen müssen, das will ich ihr nicht antun.“ Mein Herz klopfte wie wild. Ich konnte hier nicht allein bleiben. Mit Angst, dass Pa mich entdecken könnte, lief ich mit Tränen in den Augen zurück ins Haus. Ich lief hoch in den obersten Stock, wo ich und Pa mit 15 anderen auf kleinen Matratzen schlafen. Wie soll ich nur alleine klarkommen, ich bin doch erst 13?

Verzweifelt ließ ich mich auf meine Matratze fallen und starrte nur an die Decke, gefühlte 6 Stunden lang, auch wenn es in Wirklichkeit nur 2 Minuten waren. Lautes Getrampel riss mich aus den Gedanken. Schnell sprang ich auf und lief zur Treppe. Dort ist Pa, ich wollte aber nicht mit ihm reden, also lief ich einfach an ihm vorbei. Ich wusste nicht, wohin ich gehen soll, also lief ich zu Anika. Sie hat ein schönes Zuhause. Ihr Zimmer ist mit vielen Blumen geschmückt, es war ungewöhnlich, aber schön. Sie ist so nett. Sie ließ mich einige Tage bei ihr übernachten. Trotzdem sagte sie mir öfters, dass ich zurückgehen soll, zurück zu meinem Vater. Irgendwann schaffte sie es, mich dann doch zu überreden zurückzugehen, also tat ich das. Als ich im Flüchtlingsheim ankam, stand Pa vor der Tür und wartete auf mich. Anika hat ihn wohl angerufen. Er nahm mich nur in den Arm und flüsterte in mein Ohr:

„Ich muss bald weg, bitte geh nicht wieder. Lass uns die restliche Zeit zusammen sein, bitte“. Als er fertig geredet hat, schaute er mich an und wir gingen, ohne ein Wort zu sagen, in den Park. Etwas später gingen wir dann wieder ins Flüchtlingsheim. Ich war so froh, dass ich die letzte Zeit mit Pa genießen kann. Er muss nur gehen, weil er keine Staatsbürgerschaft bekommen hat. Es ist so ungerecht. Wieso denken die Leute, die das entscheiden, nicht an mich? Ich muss ohne Vater hier bleiben. Ich werde allein sein und mit diesen Gedanken schlief ich ein. Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt. Mein Vater sagte mir, dass er schon heute gehen muss. Mit Tränen in den Augen winkte ich Pa hinterher, als sein Flugzeug zurück nach Syrien startete. Er konnte nicht mal meinen 14. Geburtstag erleben,der in vier Tagen war. Es ist so unfair! Ich würde mit ihm zurückfliegen, aber Pa sagt, hier bin ich sicher und er wird versuchen, mit allen anderen aus meiner Familie zurückzukommen, spätestens an meinem Geburtstag. Ich hoffe nur, dass er es schafft. Die restlichen Tage saß ich nur auf dem Bett von Anika und starrte an die Decke und jeden Tag sagte sie mir wie viele Tage es noch bis zu meinem 14. Geburtstag sind. Als sie dann sagte, dass er morgen ist, schob sie mich regelrecht ins Flüchtlingsheim. Dort wartete sie mit mir einen ganzen Tag, bis ich Geburtstag habe. Sie brachte mich runter und da war meine ganze Familie. Ich konnte nur weinen vor Freude. Es war unbeschreiblich.

Jeder Flüchtling, der hier her kommt, braucht eine beste Freundin, ein kleines Wunder aber auf jeden Fall. Jemanden der an ihn glaubt. Einfach nur Zuneigung.