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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Der Herr in Himmelblau

Nicht weit weg von hier gab es einmal ein Dorf, das nannten alle nur „den Ort“. Dort lebte ein alter Mann. Sein Name war Herr Gräuel, und er wohnte zusammen mit seiner Frau in einem Fachwerkhaus am Dorfrand.

Die beiden waren sehr verschlossen und spazierten oft allein durch den Dorfpark. Sonst sah man sie selten. Sie wussten Gesellschaft nicht wirklich zu schätzen, dennoch waren die beiden sehr kinderlieb. Im Sommer spendierte Herr Gräuel den Jungen oft ein Eis, seine Frau brachte den Mädchen das Stricken bei. Damit waren viele Eltern eigentlich nicht einverstanden. Sie misstrauten dem Ehepaar.

Irgendwann geschah etwas Unerwartetes: Frau Gräuel trennte sich von ihrem Mann und zog in den Norden. Herr Gräuel war tief betroffen. Von da an konnte den Mädchen niemand mehr Stricken beibringen, und wenn ihn die Knaben um ein Eis baten, lautete Herrn Gräuels Antwort: „Wollt ihr mich ausbeuten, ihr Bengel?“ Herr Gräuel entwickelte sich zu einem echten Griesgram. Er regte sich über alles auf und wurde noch seltener gesehen. Er verkaufte sein Haus und zog in ein verwittertes Anwesen auf einem nahegelegenen Berg. Manchmal ging er noch in den Ort, um Vorräte zu kaufen. Die Dorfbewohner mochten ihn nicht, denn immer, wenn er sich mit ihnen unterhielt (was selten vorkam), sprach er über den Krieg, Naturkatastrophen und anderes Elend. „Nach einem solchen Gespräch ist einem die Laune gründlich verdorben“, bezeugten die Leute. Doch das sollte sich bald ändern.

Als Herr Gräuel eines Morgens ganz allein im Esszimmer des Anwesens saß, ganz allein die Unfallmeldungen in der Zeitung las und sich ganz allein darüber ärgerte, dass der Kaffee so süß schmeckte, klopfte es an der Tür. „Ich kaufe nichts!“, rief Herr Gräuel durchs Haus. Stille. Er lauschte kurz, trank dann aber weiter seinen süßen Kaffee. Es klopfte wieder. Erbost stand Herr Gräuel auf, lief zum Eingang und öffnete. Er sah sich um. Niemand war zu erblicken.

„Ähem“, sagte jemand. Herr Gräuel blickte nach unten. Dort stand ein kleiner Mann mit Brille, himmelblauem Hut, himmelblauem Koffer und himmelblauem Anzug. „Sind Sie Herr Balthasar Gräuel?“ „Äh .. .Ja, der bin ich. Und ich kaufe nichts!“, brummte Herr Gräuel, der verblüfft den kleinen Mann musterte. „Aha“, sagte dieser. „Mir wurde gesagt, Sie haben ein Problem.“ „Bitte was?“, unterbrach ihn Herrn Gräuel. „Ich habe kein Problem. Also, auf Wiedersehen. Wenn die Welt bloß keine Staubsaugervertreter geschaffen hätte!“ „Sie sind ein Schwarzseher und ein Griesgram. Das wird sich ändern.“ „Das reicht!“ „Übrigens bin ich kein Staubsaugervertreter.“ Wut stieg in Herrn Gräuel auf. Er zischte: „Was wollen Sie eigentlich? Verschwinden Sie!“ „Meine Aufgabe ist es, Ihnen zu zeigen, wie schön die Welt eigentlich ist.“ „Das ist ja die Höhe! Verlassen Sie mein Grundstück!“, rief Gräuel mit rotem Gesicht. „Sonst zeige ich Sie an!“ „Das wird leider nicht möglich sein. Ich komme von der europäischen Regierung. Ich habe den Auftrag, Ihnen zu zeigen, dass man die Welt positiv sehen kann. Weigern Sie sich, werden Sie angezeigt. Und das wird teuer. Sie sollen von mir offenbart bekommen, dass vieles besser ist, als es scheint“, sagte der himmelblaue Herr, als redete er mit einem Kleinkind. „Dafür machen wir am besten einen kleinen Spaziergang. Danach sind Sie ein anderer Mensch. Kommen Sie?“ Herr Gräuel antwortete nicht. Die Drohung der Anzeige hatte ihn erschreckt. „Na gut“, sagte er nach einigem Überlegen. Der blaue Mann grinste und sprach: „Geht doch.“ Herr Gräuel ging ins Haus, nahm seinen Mantel und trat wieder in den Vorgarten hinaus. Sie wollten gerade durch die Gartenpforte gehen, als er stehenblieb. Er zeigte auf seine Apfelbäume. „Das gibt es doch nicht!“, schimpfte Herr Gräuel. Der Grund für seine Aufregung waren die Äpfel, die im Gras vor sich hinfaulten. „Gerade heute wollte ich ernten! Diese Dinger taugen ja nicht mal mehr zum Mosten!“ Der blaue Herr sah verwundert zu ihm auf. „Freuen Sie sich doch! Diese Äpfel geben fruchtbaren Boden, und nächstes Jahr wächst der Baum umso besser. Ist das nicht praktisch?“ Daran hatte Herr Gräuel bislang gar nicht gedacht. Er war verblüfft, dass ihm diese Erkenntnis nicht früher gekommen war. Sie liefen weiter in Richtung Ort. Da klagte er wieder: „Das ist ja teuflisch heiß heute.“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Freuen Sie sich doch, dass die Sonne scheint“, erwiderte der blaue Herr lächelnd. Bald waren sie im Ort angekommen. Das erste Haus war ein Metzgerladen, an dessen Tür ein Pappschild hing: „Wegen Kundenmangels geschlossen“. Herr Gräuel war empört: „Wo soll ich denn jetzt meine Wurst herbekommen?“ „Halb so wild. Da hinten hat gerade ein viel größerer Metzger eröffnet. Erst schauen, dann nörgeln.“ Irgendetwas regte sich in Herrn Gräuel, und er wusste nicht, was er sagen sollte. „Kommen Sie jetzt?“, sagte der blaue Herr. Sie gingen weiter und setzten sich auf eine Bank im Park. „Ist es nicht wunderschön? Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern .... „freute sich der Mann im himmelblauen Anzug. Als er in die Augen von Herrn Gräuel blickte, sah er dort eine winzige Träne schillern. „Hier bin ich immer mit meiner Frau spazierengegangen“ sagte dieser bedrückt. „Vor sieben Jahren hat sie mich verlassen. Warum hat sie das getan? Was habe ich falsch gemacht?“ Herr Gräuel kämpfte mit den Tränen. „Was Sie falsch gemacht haben, weiß niemand. Aber ich weiß, was Sie besser machen können“, sprach der hellblaue Herr. „Versuchen Sie, das Gute in der Welt zu sehen, und Sie werden der glücklichste Mensch auf Erden. Ihre Frau wird nicht wiederkommen. Doch wollen Sie deshalb den Rest Ihres Lebens als unglücklicher Mann verbringen? Denken Sie darüber nach.“ „Ich werde es versuchen.“ Ein leichter Nieselregen ging auf den Park nieder. „Dann ist es nun Zeit, Abschied zu nehmen. Ich glaube an Sie. Auf Wiedersehen, Herr Gräuel.“ „ Auf Wiedersehen. Und danke für alles,“, sagte Herr Gräuel. Der himmelblaue Herr nahm den Hut ab, nickte ihm zu und verschwand vor Herrn Gräuels Augen im Regen. Der Herr in Himmelblau würde nicht wiederkommen, dass wusste er. Er stand auf, holte tief Luft und ging lächelnd nach Hause.