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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Ein Buch kann man nicht nach dem Umschlag beurteilen

Ein ganz normaler Tag an der Harley-Schule: Die oberschlauen Streber sitzen auf der verrotteten Bank und lesen in Biologiebüchern, die vom Rumblättern schon ganz zerfallen sind.

Jüngere Schüler werden wie jeden Tag von der Schläger-Crew verhauen. Die Sport-Freaks dehnen sich und essen schweißgebadet ihre Fitness-Riegel. Auf dem Mädchenklo schminken sich laut kichernd die Beauty-Queens ...

Es gongt zum Unterricht, und der Pausenhof leert sich langsam. Im Klassenzimmer der 7c wird mal wieder das angesagteste Mädchen der Klasse umringt: „Bella, deine blonden Haare glänzen heute mal wieder so schön, und deine neue Bluse ist echt der Hit, deine Schuhe erst, die waren bestimmt nicht billig, oder?“ Das Anhimmeln der Klassenkönigin wird unterbrochen von Miss Hilton: „Setzt euch bitte auf eure Plätze, ich möchte euch eure neue Klassenkameradin vorstellen.“ Ein mittelgroßes Mädchen mit schulterlangen, braunen Haaren tritt vorsichtig in das Klassenzimmer und gibt ein leises „Hallo“ von sich. „Das ist Anna, sie ist mit ihren Eitern gerade zu uns in die Stadt gezogen. Willst du dich nicht selber vorstellen, Anna?“ „Ja gerne, ich heiße Anna und komme aus Brighton, meine Hobbys sind malen, lesen und segeln, denn mein Vater ist Segellehrer“, erzählt das Mädchen schüchtern.

Leises Tuscheln herrscht in der Klasse, denn Anna hat leider die größten Segelohren, die man sich vorstellen kann. Der vorlaute Benni lacht lautstark: „Willkommen, Anna Segelohr!!!“ Die ganze Klasse bricht in ein albernes Gelächter aus, nur die schöne Bella sitzt stocksteif auf ihrem Stuhl und lacht nicht mit, denn Bella hat ein großes Geheimnis. Von nun an hat Anna ihren neuen Namen „Anna Segelohr“. ln den nächsten Wochen versucht Anna, Freundschaften zu schließen, was ihr jedoch leider nicht gelingt. Vielleicht ist sie zu schüchtern, vielleicht ist sie ein bisschen anders als die anderen, vielleicht hat jede schon eine Freundin, oder vielleicht liegt es auch an ihren sehr auffälligen Segelohren. ln den Fluren werden ihr komische Blicke zugeworfen, Kinder tuscheln hinter ihrem Rücken, und immer wieder hört sie den Namen „Anna Segelohr“. Irgendwann gibt sie die Hoffnung auf und sitzt jede Pause traurig und alleine auf dem kahlen Boden und starrt ins Nichts. Nur Bella wirft ihr ab und zu ein nettes Lächeln zu, jedoch traut sie sich nicht, Freundschaft zu schließen, da sie Angst hat, ihre Beliebtheit zu verlieren. Und Anna? Anna leidet, Anna leidet jeden Tag, sie leidet unter dem Mobbing, sie leidet, weil sie keine Freundin hat, sie leidet unter ihrer Schulangst, sie leidet unter ihrem Aussehen, sie leidet, leidet, leidet. Bis zum Tag, als in der Cafeteria der fiese, gemeine Finn eine Wasserflasche nimmt und sie einfach zum Spaß über Anna leert und triumphierend brüllt: „Hier hast du noch ein bisschen Wasser zum Segeln, Anna Segelohr!“ ln dem Moment nimmt die hübsche Bella all ihren Mut zusammen, stellt sich auf einen Stuhl und beginnt ihr Geheimnis zu lüften: „Ganz ehrlich, ihr seid alle so dumm, ihr mobbt ein Mädchen nur, weil es Segelohren hat, ihr kennt sie doch gar nicht. Das Äußere ist doch nicht wichtig, was wichtig ist, ist das Innere.“

Keiner gibt einen Laut von sich. Bella guckt Anna aufmunternd an und führt fort: „Ein Buch kann man nicht nach dem Umschlag beurteilen! Ihr wollt mit Anna nicht befreundet sein, weil sie Segelohren hat, aber mit mir, weil ich anscheinend so hübsch bin. Es ist echt so lächerlich. Ich bin gar nicht so hübsch, wie ihr alle denkt.“ Bella beginnt langsam mit zitternden Händen und unter Tränen ihre unechten Augenbrauen und Wimpern abzuziehen, nimmt ein Tempo aus ihrer Tasche und entfernt damit ihre Schminke und zum Schluss reißt sie sich ihre blonde Perücke ab. Da steht sie nun, mit kahlem Kopf und blassem Gesicht. ln der Cafeteria herrscht Totenstille, und alle starren sie mit großen Augen an. Mit wackeliger Stimme spricht Bella weiter: „Seht ihr jetzt, was ich meine? Das vorher war nicht ich, das bin ich. Ich habe eine sehr seltene Krankheit, bei der man alle Haare verliert. Wollt ihr jetzt noch mit mir befreundet sein?“

Bella steigt mit weichen Knien von ihrem Stuhl und geht, befreit von ihrer Last, zur triefend nassen Anna. Die beiden Mädchen lächeln sich vorsichtig an und gehen unter erstaunten Blicken zusammen aus der Cafeteria ... Von dem Zeitpunkt an gab es an der Harley-Schule keine Lästereien mehr, keine komischen Blicke oder Mobbingaktionen. Was es aber gab, war eine wahre Freundschaft!!!