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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Fatih - Stell Dir vor, Du bist ein Flüchtlingskind

Dunkelheit. Da vorne ist ein Lichtschimmer. Wieder nur eine Lichtung? Oder endlich das Ende des Waldes? Äste und Blätter schlagen mir ins Gesicht. Zerkratzen die dreckige Haut. Gräser und Dornen zerschneiden mir die Füße. Ich stolpere über Wurzeln, aber ich haste weiter. Vater sagte, ich solle immer geradeaus laufen.

Und mich nicht umsehen. Bis der Zaun kommt. Ich renne und renne schon seit einer Ewigkeit. Ich komme dem silbernen Licht immer näher. Es ist Vollmond, aber hier im Wald sieht man davon nichts. Ich jage weiter durch die Dunkelheit auf das Licht zu. Und endlich breche ich aus dem Wald heraus. Es ist das Ende der Bäume. Ich stürze in das kalte Licht des Mondes, und da sehe ich ihn. Der Zaun glitzert im Mondschein. Der Stacheldraht grinst mir entgegen. Scharfe, kalte Dornen, die erbarmungslos durch die Haut schneiden, wenn man sie berührt. Ich habe Angst, aber laufe weiter. Ich bremse abrupt ab und suche das Loch, das rettende Loch, das mich in Sicherheit bringt. Dieses silbern glänzende Metall ist alles, was mich von einer Heimat, einem Zuhause, Sicherheit und Geborgenheit trennt. Von einer Welt ohne Krieg. Ich untersuche alles genau und starre auf den Draht, bis mir die Augen brennen. Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich endlich das Gesuchte. Ich schlüpfe durch den geweiteten Draht. Mein Herz klopft so laut, dass es bestimmt auch die Grenzsoldaten hören können. Die metallenen Dornen schneiden durch meine Kleidung und ritzen meine Haut auf, während ich versuche, zwischen ihnen hindurchzukriechen. Nach einer Sekunde gebe ich es auf, ihnen auszuweichen. Es nützt ohnehin nichts. Selbst für mich ist dieser Durchgang eigentlich zu klein. An den Dornen bleibt meine Haut hängen. Ich blute aus Tausenden Wunden, mein ganzer Körper schmerzt, aber ich krieche weiter. Endlich bin ich durch den Stacheldraht hindurch. Der Maschendrahtzaun ist jetzt kein Problem mehr. Der starke Draht um das schon geschnittene Loch fällt meiner Zange zum Opfer. Und plötzlich stehe ich auf der anderen Seite.

Überglücklich bleibe ich kurz stehen. Ein Zögern, das uns alles wieder nehmen könnte. Ich ermahne mich streng, gebe das Zeichen und verstecke mich im Gebüsch. Meine Geschwister krabbeln wie ich durch den Zaun, und wir treffen uns im Gebüsch. Vater und Mutter zuletzt und meine kleinste Schwester mit ihnen. Lautlos spurten sie in den Wald, in dem wir warten. Wir haben es tatsächlich geschafft. Gerade noch rechtzeitig. Da hinten sehe ich schon die nächste Patrouille. Ich sehe Waffen, als sie vorbeifahren. Sturmgewehre. Geladen. Und Pistolen. Sie erinnern mich an die letzten Tage in Ar-Raqqa. Die vielen Waffen. Die Schüsse. Die Explosionen. Die Angst, Todesangst, wenn Kämpfer in der Straße sind. Aber so etwas werde ich nie wieder erleben müssen. Hoffe ich. Die Soldaten entdecken uns nicht. Wir sind unglaublich glücklich und umarmen uns und weinen auch ein bisschen. Dann machen wir uns schnell wieder auf den Weg. Wir laufen weiter. Immer nach Norden. Nach Deutschland, dort werden sie uns hoffentlich aufnehmen. Und hoffentlich werden wir dort eine neue Heimat finden.