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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Heimweh - So stelle ich mir die Welt im Jahr 2050 vor!

15.03.2051 12:03 „In der Fotosynthese wird die Strahlungsenergie der Sonne, mithilfe von H²0 und C0², in chemische Energie umgewandelt.“ Die ersten drei Minuten der Biostunde waren erst verstrichen, als ich mich schon nicht mehr konzentrieren konnte.

Ich seufzte leise in der letzten Reihe und ließ mich tief in meinen Stuhl sinken. Ich starrte hoch zur Digitaluhr, die gigantisch über der Tafel thronte. Noch 41 Minuten und 53 Sekunden. Was für eine Zeitverschwendung. Was brachte es einem denn noch, zur Schule zu gehen. Was sollte man hier denn noch lernen?

Ich schnaubte verächtlich bei diesem Gedanken. Ein paar Schüler vor mir drehten sich zu mir um. Ich schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Tick, Tack. Die Zeit läuft. Die Lehrer unserer Schule versuchten, uns krampfhaft etwas beizubringen, was man vor vielleicht fünfzig Jahren noch gebraucht hatte. Sie hielten an Dingen fest, versuchten uns daran zu erinnern, was jetzt eh nicht mehr zählte.

Bäume wuchsen hier nicht mehr in ihrer natürlichen Umgebung. Sie werden zur Sauerstoffproduktion in hoch gesicherten Gewächshäusern hoch gepäppelt. Aber ihr Anblick erinnerte einen keinesfalls an die schönen anmutigen Pflanzen, die einst die Erde mit ihrer Anwesenheit beehrten und heute nur noch als Abbildungen in Schulbüchern zu finden waren.

Ja richtig, wir erhielten Sauerstoff nicht mehr über die Luft, das war unmöglich, sondern über Sauerstoffflaschen oder eine Art Klimaanlage, wenn wir uns in Räumen aufhielten. Vor einigen Jahren war der Nordpol rasant geschmolzen und hatte das gesamte Ökosystem auf den Kopf gestellt. Die Ereignisse kosteten vielen Menschen und Tierarten das Leben. Aber das war ja zum Glück vorbei. Der Mensch hatte das gemacht, was er am besten konnte: weglaufen und sich aus der Verantwortung ziehen.

Wir hatten uns schon von Anfang an in einer Abwärtsspirale befunden. Es war die Natur des Menschen, alles kaputt zu machen. Das wussten wir, aber es interessierte uns einen Dreck, weil es nichts gab, was wir daran ändern könnten, und wenn ich so darüber nachdachte, hatte es auch die Leute vor fünfzig, sechzig Jahren nicht interessiert. Bäume wurden gefällt, Ölquellen ausgepumpt, Tierarten ausgerottet, und noch immer schien keiner kapiert zu haben, was eigentlich los war. Der Pausengong erlöste mich endlich von meinen Qualen.

Meine Klassenkameraden erwachten aus ihren eigenen Tagträumen, All-Phones verschwanden blitzschnell in der Schultasche, und andere legten schnell ein Schulbuch über ihre Tischkritzeleien. Ich grinste fast darüber, dass ich nicht die einzige Person war, die den Biounterricht von Frau Lechner mit Desinteresse strafte. Ich schulterte meinen Ranzen und stapfte wild entschlossen auf die Tür zu. Die Aussicht auf ein lauwarmes Mensaessen war nun wirklich nicht sehr glänzend, aber immerhin besser, als bei einem Vortrag über die Fotosynthese vor Langeweile und Müdigkeit fast vom Stuhl zu kippen. „Bören Fäscher! Würden Sie bitte noch einen Moment dableiben.“ Ich hielt mitten in der Bewegung inne, als meine Lehrerin meinen Namen auffordernd durch das Klassenzimmer rief. Jetzt war ich dran, dachte ich mir, jetzt würde sie mich auf meine mangelnde Aufmerksamkeit ansprechen. Ich blieb an der Tür stehen. Meine Klassenkameraden drückten sich an mir vorbei und warfen mir mitleidige Blicke zu. „Kommen Sie doch näher, Herr Fäscher!“ Frau Lechner beugte sich ein wenig vor und wühlte in ihren Unterlagen auf dem Pult. Noch immer misstrauisch, schlich ich zu ihr nach vorne. Draußen hörte ich das Geplapper und Lachen der anderen. Wie gerne wäre ich jetzt bei ihnen.

„Ah, da ist er!“ Frau Lechner zog ein kleines Kuvert hervor und überreichte es mir. „Der ist heute für Sie in der Schule abgegeben worden.“ Skeptisch nahm ich den Brief entgegen. So etwas Altmodisches kannte ich nur aus den Geschichtsbüchern. Briefe verschickte man doch heutzutage nicht mehr, es sei denn, es handelte sich um ein wichtiges Dokument, dass der Überwachung des elektronischen Postverkehrs entgehen sollte. Bören Fäscher, stand in gedruckten Lettern auf dem Umschlag.

„Na dann, viel Spaß noch“, meinte Frau Lechner. Ich hörte, wie sie schnellen Schrittes den Raum verließ. Mein Blick ruhte noch immer auf den zwei Wörtern. Ein Brief für mich? Wer schrieb mir denn einen Brief? Fünf Minuten später stand ich mit einem Tablett in der Mensa in der Schlange der wartenden und hungrigen Schüler. Den Brief hatte ich ungeöffnet in meinen Schulranzen gepackt. Warum ich ihn nicht sofort öffnete, wusste ich nicht so genau. Vielleicht aus Angst, das Papier vor Aufregung zu zerreißen. Während sich meine Gedanken gegen jeden Willen ununterbrochen um den Brief drehten, starrte ich auf den Bildschirm über der Essensausgabe, der mit bunten Bildchen die Speisen des Tages anpries. Hawaii-Toast, Pasta und Pudding zum Nachtisch. Mir floss das Wasser im Mund zusammen. Inzwischen wusste jeder in unserer Schule, dass die Kochkünste der Kantinenangestellten mangelhaft waren, aber wenn wir an Haferbrei und Astronauten-Kost von vor einer Woche zurückdachten, war uns bei Weitem ein labbriges Toast und wabbeliger Pudding lieber. Denn solches Essen gab es hier noch nicht so lange. Endlich war ich an der Reihe. Eine griesgrämige Bedienung war vor einigen Jahren einem hochmodernen und intelligenten Computer gewichen. Ich hielt mein All-Phone über den blinkenden Scanner. All-Phones waren die neueste Generation von Handys. Sie ersetzten alle anderen elektronischen Geräte. Fernseher, Laptop, Radio, alles in einem flachen Gerät. Außerdem boten All-Phones einen immensen Speicherplatz für Apps aller Art. Apps zum Hausaufgabenmachen, Apps, um den Besuch beim Arzt zu sparen, Apps für einfach alles. All-Phone eben. ‚Sie haben ihren wöchentlichen Kalorienbedarf bereits überschritten!“ Die elektronische Stimme des Mensacomputers, den wir liebevoll Amy nannten, riss mich aus meinen Gedanken. WIE BITTE!!! Ein Robotergreifarm stellte eine Schüssel Salat auf meinem Tablett ab und tat noch ein Glas Wasser dazu. Ich beobachtete den Vorgang voller Entgeisterung.

„Das gibt es doch nicht!“, fluchte ich und nahm mein All-Phone und das Tablett entgegen, „Ich hab dafür bezahlt!“ Ich warf den leckeren Speisen auf dem Bildschirm einen wehmütigen Blick zu, ehe ich zu einem freien Platz ging. Ich wollte ungestört sein, denn beim Anblick meines Mittagessens verging mir der Appetit. Ich zog nun doch den Brief, den mir Frau Lechner gegeben hatte, heraus. Bören Fäscher, stand noch immer auf dem Umschlag. Mit vor Aufregung zitternden Händen öffnete ich den Brief. Ein letzter Blick durch die Mensa versicherte mir, dass niemand zu mir herübersah. Dann faltete ich das Papier, das im Kuvert gesteckt hatte, auf. Ich konnte mich kaum auf die einzelnen Worte konzentrieren.

Bestätigung...Aufnahme bestanden... Mitglied der Erdeinheit, waren die einzigen Textstellen, die ich brauchte, um den Inhalt zu verstehen. Ich atmete tief durch. Konnte es denn wahr sein?

Vor einiger Zeit hatte ich mich bei der Erdeinheit beworben, doch die Plätze waren rar, man nahm nur die Besten mit. Ja, verdammt! Ich hatte es geschafft! Bald würde ich hier weg sein. Bald würde ich die Entwicklung der Erde erforschen, ihre Beschaffenheit, ihre Erholung. Bald...

Die Gedanken flogen wild durch meinen Kopf. Alles begann, sich zu drehen. Ich brauchte dringend Bewegung. Schnell war ich aufgestanden und stolperte zur Tür. Einige Schülerinnen wichen mir erschrocken aus, als ich an ihnen vorbeistürmte. Ich rannte durch die Schulgänge. Am Ausgang hatte ich mich so weit beruhigt, dass ich ohne zitternde Hände meine Sauerstoffflasche vom Haken nehmen konnte, doch mein Herz raste noch immer vor Freude. Ich setzte mir die Maske über Nase und Mund und trat an die große Glastür der Schule. Sie öffnete sich, und ich lief hinaus in die rote Wüste. Ich begann, zu rennen. Ich rannte, ohne anzuhalten. Nichts konnte mich jetzt noch aufhalten. Auf einer Anhöhe blieb ich schließlich schnaufend stehen. Gierig sog ich den Sauerstoff in mich ein. Bald würde ich diese schwere Metallflasche nicht mehr mit mir rumschleppen müssen. Ich blickte in die Richtung, in der die Erde in diesem Moment stehen müsste. 56 Millionen Kilometer von mir entfernt. Nur ein winziger Punkt im All.

Ich würde die Erde als Erster wieder betreten. Ich würde sie wiedersehen.