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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Ich bin ein Flüchtlingskind

Alles ist zerstört, nichts ist mehr da, alle meine Freunde sind weg, niemand ist mehr da. Nur der IS, der dafür verantwortlich ist, dass hier alles in Schutt und Asche liegt. Immer mit Angst durch die Straßen gehen, Angst vor einem Selbstmordattentäter, Angst vor einem Eurofighter.

Aber irgendwann ist das auch vorbei, und es wird Zeit, dass man flieht. Also heißt es: alles zusammenpacken und aus dieser schlimmen Stadt Damaskus verschwinden. Aber es heißt auch: laufen und nochmal laufen – und das ziemlich lange. Mindestens 200 Kilometer lang, und das wird sehr anstrengend, aber es lohnt sich. Danach muss man vor Flugzeugen keine Angst mehr haben. Also machen wir uns auf den Weg in eine bessere Zukunft.

Und irgendwann ist es dann so weit: Man ist endlich dort angekommen, wo man unbedingt hinkommen wollte, nämlich im besten aller Länder, in Deutschland. Aber es ist schwierig, sich zu verständigen, denn die Menschen dort sprechen nicht meine Sprache. Wenn man Pech hat, lassen sie dich gar nicht im Land bleiben, sondern schieben dich ab. Und dann heißt es wieder: Angst haben vor den Angriffen des IS. Mein größtes Glück wäre es, bleiben zu dürfen, Deutsch zu lernen und auch wieder Freunde zu finden. Vielleicht, mit viel Glück, trifft man auch die alten Freunde aus der Heimat wieder.

Aber das passiert fast nie, das müsste ein sehr großer Zufall sein. Oft werden nicht nur Freunde, sondern ganze Familien durch die Flucht auseinandergerissen. Es ist dann völlig ungewiss, ob und wann man sich wiedersieht. Aber vielleicht hat man ja in ein paar Jahren ein bisschen Deutsch gelernt und kann sich verständigen. ln der Schule kann man dann nachholen, was man zu Hause versäumt hat. Die deutschen Kinder wissen gar nicht, wie gut sie es haben, wenn sie täglich in die Schule gehen können. Später möchte ich eine gute Ausbildung haben, vielleicht auch studieren. Mein Vater hat in einer Bank gearbeitet, so eine Chance möchte ich auch bekommen. Vielleicht kann ich auch studieren und danach unser Land wieder aufbauen.

Mein Haus in Syrien ist völlig zerstört. Im Moment lebe ich in einem Wohncontainer, von meiner Familie ist nur meine Mutter bei mir. Wir haben Wasser, können kochen, die Heizung funktioniert. Hoffentlich gibt es den IS bald nicht mehr, dann könnte ich daran denken, wieder in meine Heimat zu gehen und dort neu anzufangen. Ich müsste keine Angst mehr haben vor Bomben und Explosionen. Jeder könnte wieder so leben, wie er will, keiner würde mehr unterdrückt werden. Jeder könnte wieder ohne Angst seine Meinung äußern. Der IS hat den Menschen verboten, Musik zu hören oder Fußball zu spielen, damit wäre dann Schluss. Der IS hat seine eigenen Vorstellungen vom Islam und kämpft gegen alles und jeden, der diese Regeln nicht akzeptiert. Manchmal hat man den Eindruck, dass keiner mehr weiß, worum es bei den Kämpfen überhaupt geht, jeder gegen jeden. Ist man noch ein Mensch oder nur ein Kämpfer für den Islam?

Oder ist man wie ein Roboter, der für den IS kämpft und sich radikal in die Luft sprengt oder in eine Konzerthalle geht und wahllos auf Menschen schießt oder ein Fußball-Länderspiel zu Bombendrohungen benutzt. Diejenigen, die dumm und blindlings einem Anführer folgen und einfach nur das machen, was er möchte, sind wie Angehörige einer Sekte, die nicht mehr selbst nachdenken.

Es wird ziemlich lange dauern, bis die Menschen den Terror vergessen können und wieder ihren Traum leben können. Ich träume von einem eigenen Haus, vielleicht auch einem Garten und einem kleinen Teich – obwohl es in Syrien eher heiß und trocken ist. Das wäre wie ein Wunder, wie eine Welt ohne den IS.