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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Spiegelbilder

Die Welt ist geordnet, Kriege gibt es nicht mehr. Klimawandel, das war gestern, und Löcher in der Ozonschicht sind Märchen.

Die Städte sind ein Ausbund von Sauberkeit und Ruhe. Kein lärmender Straßenverkehr, kein Smog, der die Luft verpestet. Jeder hat und geht einer Arbeit nach, Demonstrationen sind Vergangenheit. Weder Rassismus noch Nationalismus und Anarchie sorgen für Streit oder Blutvergießen. Die Welt scheint endlich am Ziel zu sein, ein Leben im Einklang aller Menschen. Krankheit und Verletzungen haben keine Macht mehr über den menschlichen Körper. Internationaler Austausch ist keine Frage und jedes Land hat dieselbe Währung, auch wenn das Wort „Land“ keine Bedeutung mehr hat. Grenzen sind den meisten schon ein Fremdwort. Eigentlich ist die Welt ein einziges großes Land, das von einem Rat regiert und geleitet wird.

Doch ist diese Harmonie, dieser Friede die Wahrheit oder besser gesagt: Ist das wirklich das Ziel? Die Vollendung des menschlichen Werkes? Oder vielleicht konkreter: Ist dies das, was wir wollen?! Von außen sieht alles toll und vollkommen aus. Doch gehen wir einmal der Annahme nach, dass es Menschen geben würde, die nicht in dieser „Harmonie“ leben. Menschen, die diese Verwandlung der Welt von außerhalb beobachtet haben. Menschen, die behaupten, dass die Erde sich nicht zu einem besseren Ort gewandelt hat. Solche, die sagen, dass diese Einheit, diese weltliche Verbundenheit nichts anderes ist, als die ausgeklügelste Idee eines Kontroll-Staates!? Dass der normale Mensch nichts weiter als ein Roboter ist, ein manipuliertes Wesen ohne freien Willen. Ein „Ding“, das durch perverse Medientechnik, die sich über die Jahre hinweg in ihre Gehirne eingeschlichen hat, zu einem willenlosen Geschöpf gemacht wurde. Ich bin einer dieser Menschen. Einer derjenigen, die glauben, dass die Welt auf eine Katastrophe zufährt. Dass der „Mensch“ nichts weiter ist, als ein Sklave. Ein Sklave, der nicht weiß, dass er nie sein eigenes Leben gelebt hat. Ich weiß nicht, wie viele es von uns gibt, ich meine, Menschen wie mich. Leute, die nicht in ihrem auf holografischen Bildschirmen aufgezeichneten Leben dahin vegetieren. Ich meine die Freigeister, die sich nicht diesem neuen Regime fügen, die den Medien und der Medizin entkommen konnten. Wir nennen uns „The lost souls“, kurz „LS“. Den Namen haben wir uns nicht selbst gegeben, er entsprang der Feder eines Philosophen, der meinte, eine „geistreiche“ Anekdote über die „Verlorenen“ zu schreiben. Wir tragen diesen Namen, um uns daran zu erinnern und niemals zu vergessen, was wir sind und was unsere Aufgabe ist. Für die allgemeine Bevölkerung sind wir das Übel dieser Welt, die Radikalen, die sich gegen die Justiz verschrieben haben. Abends, wenn die Nachrichten ausgestrahlt werden und eine 3D-Holografie des Nachrichtensprechers die Vergiftung vorantreibt, entstehen auch die Gräuel-Taten der „LS“. Doch sie wissen es nicht, sie können es nicht wissen. Sie sind es, die den Namen „verloren“ verdienen! Medikamente und futuristische Impfungen haben das menschliche Immunsystem soweit geschwächt, dass es ihnen völlig unmöglich ist, ohne sie zu leben. Kinder spielen auf sorgsam desinfizierten Teppichen; Natur kennen die doch nur noch aus dem Internet. Ja den Kontakt zur Natur, den betrieben die Barbaren vor 34 Jahren noch. Schließlich weiß man heutzutage, dass an jedem Baum eine heimtückische Krankheit lauern könnte. Pflanzen jeglicher Art findet man nur noch in Parks, die in Stunden-Routine abgespritzt werden. Vor 30 Jahren war da der Skandal, das Gerücht, die Vermutung des Überwachungsstaates. Heute braucht man so etwas nicht mehr, denn wen sollten sie denn auch überwachen?! Sie haben den „normalen Menschen“ zu einem dumm gehaltenen Wesen gemacht, ohne eigene Initiative. Wir sind der Rest der freien Menschen, wir sind die Letzten, die noch kämpfen und wir werden gewinnen. Nicht heute, nicht morgen, wir werden es auch nicht mehr erleben. Es ist nun mal kein Film, es gibt kein Happy End, keinen Verlierer und keinen Sieger. Das hier ist die Realität, meine Realität! Es ist ein Kreislauf und vielleicht ist der Weg des Menschen hier zu Ende, dass er Platz schaffen muss für etwas Neues. Vielleicht begreift er es einmal, dass er sich selbst vernichtet. lrgendwann. Vielleicht.