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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Wenn Bomben auf ein Leben fallen - Stell Dir vor, Du bist ein Flüchtlingskind

Zwei Jahre sind schon vergangen. Wir haben uns hier eingelebt, und die Leute haben sich etwas an uns gewöhnt. Ich habe Menschen gesehen, die mich dafür beschuldigt haben, dass ich hier bin. Als ob ich diesen Krieg angestiftet hätte. Ich habe aber auch Menschen gesehen, die gegen diese weltlichen Vorurteile ankommen konnten und mich herzlich umarmt haben.

Sogar auch mal mit mir geweint haben. Meine Mutter geht in einen Deutschkurs, und ich besuche eine Schule, wo auch ein Deutschunterricht für syrische Kinder stattfindet. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen werde, aber ich vermisse die Schule. Ich vermisse meine Lehrer, meine Klassenkameraden. Ich kann nicht sagen, ob ich von Glück sprechen soll, wenn so viele Menschen ums Leben kamen. Ich kann keine Worte mehr dafür finden.

Deutsch ist eigentlich nicht so schwer. Nur mit den Artikeln habe ich so meine Probleme. Der Auto. Der Schule. Wenn es nach mir geht, dann würde ich am liebsten für alle Namenwörter das „der“ benutzen, aber ich weiß, dass das nicht geht. Ich lerne fleißig jeden Abend meine Vokabeln, damit ich das Gymnasium beenden und dann studieren kann. Meine Mutter kann vielleicht wieder ihren Beruf weitermachen, aber ich glaube, bis dahin wird es noch eine Weile dauern.

Am nächsten Tag in der Schule umarmt mich meine nette Freundin Jasmin, die mich in diesen schweren Zelten als Klassenkameradin und Freundin in Deutschland unterstützt hat. Am Anfang war die Unterhaltung sehr schwierig. Mit brüchigem Englisch sind einige Missverständnisse entstanden, als Jasmin statt, „I like you!“ „I mag you!“ gesagt hatte. „Wie geht es dir heute?“

Es war ein wunderschöner Morgen. Die Vögel zwitscherten. Zwischen den Jalousien prallte die Sonne in mein Zimmer. Ich reckte mich und wollte nicht aufstehen. Mein Hund Buttercup hüpfte auf mich und leckte mein Gesicht. „Hey, Kleiner!“ Vor Freude wedelte er mit dem Schwanz und bellte, ich hielt die Hand vor den Mund, um ihm zu zeigen, dass er nicht mehr bellen soll. Immerhin war es nicht meine Absicht jemanden aufzuwecken, aber ich merkte, es war schon zu spät. Meine Mutter, die als Ärztin in einem Krankenhaus arbeitete, war schon seit Jahren eine Frühaufsteherin. „Schatz, Zeit für die Schule!“ Ich seufzte. Ich wollte nicht zur Schule und außerdem kam ich mit meinen Klassenkameraden nie klar. Der Gedanke an sie ließ mich schaudern. Bloß weil meine Mutter Ärztin ist, und in einer toleranten Familie aufwuchs, sah man mich mit ganz anderen Augen. Bevorzugt, so nannten mich meine Klassenkameraden ständig. Ich war die Bevorzugte. Es war hier unüblich, dass eine Frau ihre Unabhängigkeit genoss. Meine Mutter klopfte energisch an die Tür „junge Dame!“ Ich konnte nicht anders als die Augen zu verdrehen. „Ja, Mama!“ Mit Mühe und Not hievte ich mich aus dem Bett und zog die Jalousien hoch. Es war sommerlich, aber noch nicht ganz so warm. Die Sonne blendete mich, so dass ich blinzeln musste. Alles war friedlich. Der Blick auf die Uhr verriet mir, dass meine Anwesenheit in der Schule in zwanzig Minuten fällig ist. „Oh Gott!“ Schnell zog ich meine Hose, mein Sweatshirt an und raste die Treppen runter.

Mein Vater, der sich heute freigenommen hatte, backte uns eine von seinen leckeren Spezialitäten – „Herzchen-Croissants“. Ich wusste nicht, wie er das machte, aber es war ein Kunstwerk für mich. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und klaute ein Croissants. „Guten Morgen, Papa!“ „Und, bist du fit für deinen ersten Schultag?“ Oh je, die Sommerferien rasten vorbei, wie ein Wasserfall. Mir graute es davor, dass ich noch ein Jahr warten musste, bis es wieder soweit war. „Naja, so fit wie man als total motivierte 15-Jährige sein kann!“

Mein fleißiger Papa backte seine Spezialitäten fertig und brachte sie zu uns an den Tisch, wo meine Mutter, meine kleine Schwester und ich saßen – und natürlich Buttercup, der mit seinen glänzenden braunen Augen artig neben mir wartete. Wir kamen ganz nach meinem Vater, der mit Nutella-Pfannkuchen und den Herzchen-Croissants mit Apfelmus ein morgendliches Ritual entwickelt hatte. „Ich habe euch schon so oft gesagt, dass ihr morgens etwas Vernünftiges essen solltet! Es ist nicht gut für eure Gesundheit morgens gleich mit etwas Süßem zu starten!“ Tja, meine Mutter hatte eben auch ein morgendliches Ritual, ihr Ich-bin-Ärztin Ritual, wo sie uns ab und zu wirklich schöne Vorträge über irgendwelche chemischen Vorgänge im Körper und über ihr umfangreiches anatomisches Wissen hielt. Ich würde ihr gerne zuhören, aber da piepste mein Handy. „Wann treffen wir uns?“ Ich lief leicht rot an, denn Amir, mein Schwarm aus der Schule, hatte mir eine SMS geschrieben. Ich verschluckte mich und zog damit die ganze Aufmerksamkeit auf mich. „Alles okay?“

Mein Vater schenkte in ein sauberes Glas Wasser ein. Ich konnte nur nicken. Seit Wochen schrieb er mir. Ich war zu schüchtern, um ihm zu antworten. Aber er war ziemlich hartnäckig und leider auch ziemlich gutaussehend. Wieder ersparte ich ihm eine Antwort. Meine kleine Schwester hatte schon ihren Teller verputzt und wollte sich über einen zweiten Nutella-Pfannkuchen hermachen. Meine Mutter kam ihr zuvor und schnappte sich den Teller. „Zahra, es reicht Schatz, ja?“ Zahra war nicht überzeugt von ihrem Vorschlag, aber sie war schlau genug, um ihr kleines Mündchen zuzuhalten, welches voll bekleckert mit Nutella war. Es war schon 7.30 Uhr und in 15 Minuten würde die Schule beginnen. Das war das Stichwort für Mutter. „Los, beeil dich, Rana, wir müssen los, ich habe heute mehrere Patienten zu behandeln!“ Es war ein stressiger Job, das sah man ihr an, aber sie tat es gerne.

Meine Schwester war der Glückspilz. Mit ihren vier Jahren musste sie natürlich nicht mit nervigen Pickeln, hübschen Jungs und natürlich Schule kämpfen. Ich stand auf und putze schnell meine Zähne, nahm meinen Rucksack und rannte an den Tisch, wo mein Vater und meine kleine Schwester saßen. Zahra lächelte mich mit ihrem immer noch Nutella beschmierten Mund an. Sie hatte ein paar Zahnlücken, die sie wirklich süß aussehen ließen. Ich küsste ihr Bäckchen und tat dasselbe bei meinem Vater. Noch eine kleine Umarmung, und schon musste ich weg. Meine Mutter war schon im Auto, und ich wusste, dass wir es eilig hatten, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte.

Etwas war nicht in Ordnung. Als ich meinen Fuß vor die Tür setzte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Buttercup, mein Hund bellte wie verrückt. Er wurde so unruhig, dass ich auf dem Weg kehrtmachen wollte. Mein Vater hielt mich davon ab. „Anscheinend braucht der junge Mann ein Frauchen!“ Er lachte über seinen Witz und winkte mir zu. Ich warf einen letzten Blick auf meine Schwester, meinen Vater und Buttercup. Meine Mutter wurde ungeduldig. „Rana, los jetzt. Wir müssten schon längst auf dem Weg sein!“ Mit einem merkwürdigen Druck auf der Brust zog ich die Türklinke zu und schmiss meinen Rucksack auf den Rücksitz. Meine Mutter fuhr los. Gott sei Dank war die Strecke eine gerade Strecke. Kaum Kurven. Nach ein paar Hundert Metern hörte Ich einen lauten Knall, der mich zusammenzucken ließ. Ich merkte nicht, dass ich schrie. Ich merkte nicht, dass ich mich vorgebeugt hatte, wie es die Leute bei Flugzeugabstürzen tun müssten. Meine Mutter bremste mit voller Wucht, und wir rasten in einen Baum. Wir fuhren nicht so schnell, dass wir zu Schaden gekommen wären, aber trotz allem war es ein Schock. Ein paar Sekunden lang war alles ruhig. Totenstille im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Hände zitterten. Mein Mund wurde trocken. Ich blieb ein paar Minuten in dieser Stellung, um mich wieder zusammenfassen zu können.

„Schatz, ist dir etwas passiert?“ Mit besorgtem Blick und ebenfalls zitternder Hand umfasste sie mein Kinn, um mich anschauen zu können. Ich lehnte mich an die Rückenlehne und atmete tief ein. „Ich glaube, wir sollten ins Krankenhaus.“ Ich nickte nur. Kaum waren wir aus dem Auto herausgestiegen und wollten einen Krankenwagen holen, bis uns einer entgegen fuhr. Nein, er raste vorbei. In die Straße, wo wir wohnten.

Am Anfang habe ich es nicht verstanden. Aber dann sahen wir die große Menschenmenge, die eben genau in unsere Straße rannten. Ich kam immerhin auf den Gedanken, den Horizont anzuschauen und sah den dichten dunkeln Rauch. Verdammt! Unsere Straße! Meine Mutter sah auch das, was ich sah und zitterte am ganzen Leib. Nein, das kann nicht sein. Meine sportlichen Leistungen erwiesen sich wieder als ziemlich nützlich. Meine Ohren wurden taub, ich hörte niemanden. Meine Augen wurden blind, ich sah niemanden. Es gab nur ein Ziel, was ich jetzt verfolgen konnte. Nachschauen, ob bei uns daheim alles in Ordnung war.

Meine Mutter rief nach mir, aber ich hielt nicht an. Ich rannte und rannte, bis ich nach wenigen Minuten vor unserem Haus stand. Alles zu Asche, es brannte, und dicker Rauch bildete einen dunklen Kontrast zu dem schönen hellen Wetter. Die Leute um mich herum schrien vor Angst. Ich schrie vor Trauer. Ich schrie vor einem Schmerz, der mir beinahe die Brust herausgerissen hätte. Mehrere Quadratmeter waren zu Asche geworden. Ich musste zu meinem Vater, zu meiner Schwester, zu Buttercup. Es war nicht der richtige Moment, um nachzudenken, denn ich musste handeln. Ich musste sie herausholen, Ich war mir sicher, meine Mutter würde sie heilen, wie sie mir immer Sturzwunden geheilte hatte. Knapp vor dem Haus blieb ich stehen, als die Feuerwehr mit einem Leichensack herauskam. Ich wusste nicht, was um mich herum geschah. Meine Knie wollten mich nicht mehr tragen. Mein Körper wollte sich nicht mehr tragen lassen. Mit meinen letzten Nerven rannte ich in das brennende Objekt, das mal unser Haus war. Ich musste sie retten, sie konnten mich nicht verlassen. Ich hatte sie erst vor drei Minuten gesehen.

Fast hätte ich es geschafft. Ich war so nah am Ziel, als mich der Feuerwehrmann am Arm nahm und mich von dem brennenden Objekt wegzerren wollte. „Ich muss rein, verdammt, sehen Sie das nicht? Ich muss meine Familie retten!“ Ich wollte mich losmachen, ich setzte immerhin alles daran. Ich kickte um mich herum, ließ mich zu Boden zerren. Ich hörte auf zu zappeln, als ich die Feuerwehr sah, die nochmal mit einem Leichensack herauskam. Das Zittern nach dem Unfall war nichts im Vergleich zu jetzt. Der Schock war nichts. Im Vergleich zu dem jetzigen Schock. Über den Schmerz wollte ich nicht mal nachdenken. Ich ließ mich auf die Knie fallen und schrie mir alles aus dem Leib. Ich hielt mir die Ohren zu, um die beruhigenden Worte nicht anhören zu müssen. Ich trat um mich. Tränen flossen von meinen Wangen. Die Luft in meiner Brust wurde immer enger. Bis alles um mich herum schwarz wurde. Ich versuchte nicht mehr meine Tränen zu halten, denn ich hatte allen Grund dazu. Die Wunden sind nie geheilt, und sie werden es auch nie tun. Ich habe die drei wertvollsten Personen, Buttercup gehört für mich auch zur Familie, verloren und somit auch alle Art Freude, Hoffnung und Liebe.

Meine Mutter ist immerhin bei mir. Seit diesem Vorfall haben wir nur uns beide. Der Krieg hat begonnen, nimmt aber leider keine Ende. Es ist alles nur der Anfang. Deutschland ist friedlich, so ruhig. Früher habe ich von schönen Klamotten, von Stars, von Make-up, von allem Sinnlosen geträumt. Jetzt wage ich es nicht mehr zu träumen. Ich kann es nicht mehr. Ich will nur Frieden. Ich habe keinen Vater mehr, der mich anlächelt, der mir über die Wangen streicht. Ich habe keine Schwester mehr, die mich umarmt und mit ihrem süßen Lächeln den Tag verschönert. Ich habe keinen Hund mehr, der die treuste Seele gewesen ist, die ich jemals kennengelernt hatte. Treuer als jeder Mensch, den ich bis jetzt kennengelernt habe. Mein Blick wandert zu meiner Mutter. Die schlaue und hübsche Frau, die in einen ruhigen Schlaf vertieft ist. Meine Hand wandert zu meiner rechten Hosentasche, wo ich unser Familienfoto heraushole. Das einzig Wertvolle, was mir noch übrig geblieben ist. Der Krieg hat mir meine Familie weggenommen, aber meine Erinnerungen, meine ewige Leibe und das schmerzliche Vermissen werden sie niemals wegnehmen können. Das Foto ist ein wahrer Schatz für mich. Wir haben alles in Syrien gelassen. Ich kann nicht mal das Grab von meiner Familie besuchen. So gesehen haben sie nicht mal ein Grab, dort ist alles zu Staub zerfallen. Alles wurde niedergeschmettert. Mit meiner Seele sieht es auch nicht anders aus. Die ersten Tag nach dem Vorfall habe ich mich geweigert zu sprechen. Ich habe nicht mal einen Bissen runter bekommen, und als ich gesehen habe, dass sie uns Pfannkuchen anboten, habe ich mir beinahe die Haare gerauft und konnte kaum Atmen. Erst nach wenigen Wochen war ich wieder soweit, mich ansatzweise wie ein Mensch zu verhalten, statt wie eine Leiche. Ich streiche noch kurz über das Bild und stecke es wieder zurück in meine Hosentasche. Seit einer Woche irren wir umher. Mit dem Schiff in eisigem Wetter nach Griechenland und von dort aus hierher nach Deutschland. Ich denke nicht daran zu schlafen und schaue aus dem Fenster. Der Busfahrer gähnt und trinkt einen großen Schluck Kaffee. Nach einer knappen Stunde sind wir in Berlin angekommen. Wir sind knapp davor auszusteigen, als wir die Polizei sehen, die mit mehreren Einsatzwagen vor dem Bus angehalten hatten. Bestimmt sind sie für uns gekommen. Um nachzuschauen, ob wir unsere Pässe mit dabei haben. Ich habe mich geirrt, denn vor den Bus kommt eine große Menschenmenge mit Plakaten und wütendem Gesichtsausdruck. Ich kann kein Deutsch, aber es ist nicht schwer zu verstehen, was damit gemeint wird. Wir sind hier unerwünscht. Die Polizei stellt sich direkt vor den protestierenden Leute und redet mit ihnen. Der wütende Mann schreit den Polizisten an, woraufhin der Polizist mit ruhiger Stimme etwas erklärt. Die Bustür ist immerhin offen, sodass wir die Stimme, vor allem ihre Tonlage, klar und deutlich mitbekommen. Ich schaue meine Mutter an, die nur traurig nickt und sich dann wieder abwendet. Sie ist so stark, nur durch sie finde ich immer wieder die Kraft aufzustehen, wann immer ich gefallen bin. Die Polizei braucht mehrere Minuten, um die Leute zu beschwichtigen. Zum Glück ist alles mit Frieden ausgegangen, sodass wir raus gehen dürfen. Unsere Pässe werden kontrolliert. Eine junge, nette Polizisten schenkt mir ein nettes Lächeln, sodass mir warm ums Herz wird. Nach Wochen bin ich jetzt bereit dieses Lächeln zurückzuschenken, Ich verlange kein Essen, nicht mal ein Dach über dem Kopf, sondern nur ein warmes Lächeln, das mich daran erinnert, dass das Leben nicht nur aus Trauer und Schmerz besteht. Und da stehen wir schon vor unserem Unterkunft. Ein schönes, kleines Häuschen, welches auch bunt gestrichen worden ist. Ein neues Haus zu betreten, ist der nächste schwierige Schritt für mich. Erst habe ich meine Familie verloren, sie haben nicht mal einen Grab, dann habe ich meine Heimat verlassen müssen, und jetzt bin ich in einem Land, dessen Sprache ich nicht kann. Ich fühle mich wie ein Eindringling. Ich will nicht, dass die Leute hier Angst vor mir haben. Ich will mich nicht schuldig fühlen, weil ich ihre gewohnte Ordnung störe, aber wir haben uns das nicht ausgesucht. Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen, wir sind Leute, die vor dem Tod fliehen müssen. Ich hoffe, dass uns einige Menschen verstehen können, niemals möchte ich, dass jemand das Gleiche durchmacht wie ich. Kein Wiewort kann das beschreiben. Meine Mutter unterbricht meine Gedanken und hält mich an der Hand. Für sie ist es auch nicht einfach, und ihre Augen füllen sich mit Tränen, aber sie weint nicht. Sie bleibt stark für mich, und ich bin es Ihr schuldig. Ich umfasse mit beiden Händen fest ihre Hand und folge ihr. Es ist Luxus pur. Wir haben Betten, eine Küche, Toiletten. Das habe ich früher immer als selbstverständlich angenommen, aber wenn man einmal ganz tief unten ist, dann ist alles Luxus.

Mir ist es nie gut gegangen, seitdem dieser Krieg begonnen hatte, aber ich bin friedlicher geworden. Ich weine nicht mehr jeden Tag. An meine drei verstorbenen Familienmitglieder denke ich aber jeden Tag, wenn ich im Bett bin. Und die Träume haben auch etwas nachgelassen, seitdem ich mit einer Psychotherapeutin gesprochen habe, die hier aufgewachsen ist, aber auch arabisch sprechen kann. Sie hat eine sehr ruhige Stimme, und es tut gut, endlich mit jemandem offen über all das, was ich in mir gehalten habe, zu sprechen. Wenn ich bei ihr bin, darf ich aussuchen, ob ich heute Lust habe, etwas zu malen, zu sprechen oder oder etwas zu spielen.

„Alles okay! Danke und dir?“ antwortete ich hier nach mehreren Sekunden. „Ich bin etwas aufgeregt heute. Du weißt schon!“ Die Kindergartenkinder werden heute zu Besuch kommen. Unsere Lehrerin meint, dass das Zusammenarbeiten mit Kindern viel Vergnügen bereite. Die Kinder werden eine Woche nach uns eingeschult, und wir haben die Ehre mit ihnen zusammen Schultüten zu basteln. Wir eilen ins Klassenzimmer und begrüßen unsere Lehrerin im Stehen. Sie ist sehr nett und behandelt mich auch gut. Als ich nach hinten schaue, sehe ich kleine Stühle, wo die Kindergartenkinder sitzen. Sie sind alle ziemlich süß, aber ein kleines Mädchen bekommt meine ganze Aufmerksamkeit. Sie schaut mit ihren großen Augen nach draußen. Für ihr Alter scheint ihr Blick weiter zu reichen. Dann fange ich an ganz leicht zu zittern, denn ich sah das, was ich in meinen Augen sehe, wenn ich in den Spiegel schaue. Trauer. Tod. Albträume. Angst. Ich weiß, dass dieses Mädchen ein Waise ist. Eine Bestätigung brauche ich nicht. Sie wendet ihr Gesicht zu mir und lächelt mich an. Dann bin ich mir sicher geworden, wenn sogar sie lächeln kann, dann besteht doch noch eine Hoffnung. . .

Als die Einwanderung der Leute hier begonnen hat, habe ich mich sehr oft gefragt: Was wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre? Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich dasselbe empfunden hätte, wie Rana. Deshalb habe ich meine Vorstellung als syrisches Kind in ihrem Namen geschrieben. Diese Gefühle kann man nicht mit Worten beschreiben, denn das einzige Gefühl, das vorhanden ist, ist Trauer. Trauer um seine Heimat. Trauer um unschuldige Menschen, die ums Leben kamen. Trauer um die Welt, welche zum Teil von Vorurteilen und Hass geprägt ist. Diese Menschen haben unzählige seelische Wunden erlitten. Sie haben nicht nur ihre Heimat verloren, sondern auch ihre Kinder, Väter, Mütter. Ich glaube auch nicht, dass die Kriminalität von diesen Menschen abhängt, denn Vergewaltigungen, Belästigungen gab es schon immer, und diese Menschen haben nicht die Schuld, dass ihre Lage von solchen bösen Menschen ausgenützt wird. Unter allen Menschen kann es gute und schlechte Menschen geben. Wir nehmen auch vieles als selbstverständlich. Sei es das Essen, sei es unsere Familie und somit unser ganzes Leben. Man sollte die Lage mal als Mensch mit Gefühlen betrachten, denn niemand weiß, was morgen passieren wird.