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01.07.2016

Schreibwettbewerb: Wir sind sicher - Stell Dir vor, Du bist ein Flüchtlingskind

Aleppo, Syrien: Das war meine Chance. Der Ball rollte nur wenige Meter vor mir. Ich raste los, meine Gegner saßen mir tief im Nacken, doch das war mir egal. Wichtig waren nur der Ball und das Ziel.

Als ich die runde, lederne Kugel vor mir hatte, zögerte ich keine Sekunde, sondern holte mit meinem Bein so weit aus, dass ich beinahe befürchtete, dass es sich von mir losreißen würde, und schmetterte den Ball mit voller Wucht in Richtung Ziel. TOOOOORRRR! Mit einem Freudenschrei ließ ich mich in den weichen, heißen Sand fallen, von dem eine feine Staubwolke aufwirbelte. Ich wischte mir den Schweiß von meiner Stirn und sog den warmen, frühen Abendduft tief ein. Es roch so gut nach Sommer. Ich schloss meine Augen. Die Sonne brannte auf meiner nackten Haut und meiner schweißnassen Kleidung. Es fühlte sich toll an, zu gewinnen. Hier zu liegen und sich einfach von der Wärme behutsam umarmen zu lassen. Einfach perfekt. Doch da hatte ich mich getäuscht, denn schon war dieser Augenblick vorbei. Ein monströses, ohrenbetäubendes Krachen, wie ein Donner, nur tausendmal lauter, dröhnte in meinen Ohren, und gleichzeitig zitterten die Sandperlen unter meinem Körper. Sofort hielt ich mir meine Ohren zu, die wie mit Watte ausgestopft waren und in denen ein schmerzhaft hoher Ton entstand. Meine Augen zu öffnen, wagte ich nicht.

Stattdessen kniff ich sie nur noch fester zusammen, bis sie zu tränen begannen. Es dauerte einige Augenblicke, bis sich alles wieder klärte und ich meine Augen schließlich aufschlug. Von all denjenigen, mit denen ich gerade noch so vergnügt und unbekümmert Fußball gespielt hatte, war keine Spur mehr. Ich war ganz alleine. In der Luft schwebten feine Partikel, wie vorhin, als ich mich voller Freude über meinen Erfolg in den Sand geworfen hatte. Doch jetzt machten sie mir Angst. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Was war hier nur los? Ich wollte einfach nur zu meinen Eltern, zu meiner Schwester. Nach Hause.

Dort wäre ich bestimmt sicher. Also rannte ich los. Durch alle möglichen Gassen und Straßen. Zum Glück kannte ich den Weg in- und auswendig. Plötzlich kam wieder dieses markerschütternde Donnern, welches mich ein weiteres Mal betäubte. Eine unsichtbare Hand ließ mich zu Boden stürzen. Etwas hatte mich an der Schulter getroffen. Ich schrie vor Schmerz auf und fasste an die betroffene Stelle. Sie blutete. Ich begann zu weinen und rollte mich auf dem Boden zusammen. Ich wollte nichts mehr sehen. Ich sehnte mich nach der wohligen, warmen Dunkelheit, die mich aufnahm und die mir so willkommen war. Doch vor meinem inneren Auge sah ich meine Familie, die zu Hause auf mich wartete. ln Sicherheit.

Ich wischte mir die Tränen von meinem Gesicht und hob meinen Kopf. Alles war wieder totenstill. Um mich herum lagen Steine, zerbrochene Holzleisten und Trümmer von Häusern. Alles andere war nicht zu sehen. Die Sonne war verdeckt; der Himmel nicht einmal zu erahnen. Alles um mich herum schien von einem dicken Rauchmantel umhüllt zu sein. Die Luft war viel zu trocken und voller kleiner Sandpartikel, die sich in meiner Lunge absetzten und mir allmählich den Atem raubten. Langsam stand ich auf und tastete mich vorsichtig voran, doch alles kam mir so verzerrt und surreal vor, als wäre ich gerade aus einem Karussell gestiegen. Alles drehte sich. Ich wusste gar nicht mehr, wo ich war. Taumelnd und hustend wankte ich in irgendeine Richtung. Die Sicht wurde immer spärlicher, das Atmen immer schwieriger und unerträglicher. Es kam mir so vor, als würde ich direkt in die Arme des Monsters laufen, das all das hier verursacht hatte. Ich hielt mir Mund und Nase zu, doch es half nichts. Obwohl ich wusste, dass mich niemand hören würde, schrie ich um Hilfe. Ich flehte, bettelte, hoffte, dass alles nicht wirklich sei. Wider meine Erwartung erhielt ich eine Antwort. Aber keine erfreuliche. Das vertraute Rumpeln, das durchdringende Schreien, das ohrenzerreißende Krachen, die tödlich nahe Explosion entgegnete mir ihre mächtige Klaue und schleuderte mich zu Boden. Stille. Dunkelheit. Ich sah nichts mehr. Ich hörte nichts mehr. Ich fühlte nichts mehr. War ich tot?

Plötzlich fuhr ich mit einem tiefen Schnauben hoch. Ich konnte atmen. Frei atmen. Der süße, beruhigende Duft von Schweiß lag in der Luft. Aber wo war ich? Panisch sah ich mich um. Es war dunkel, doch ich konnte Menschen erkennen. Viele Menschen, die seelenruhig schliefen. Meine Mutter hielt mich fest in ihren Armen umschlossen. Ich befand mich in einem Bus, und zwar in dem Bus, der meine Mutter und mich nach Deutschland bringen sollte. Erleichtert atmete ich tief durch. Es war wieder ein Albtraum gewesen. Derselbe, den ich jede Nacht habe, der mich immer wieder aufs Neue an die Geschehnisse in meiner Heimatstadt Aleppo erinnern sollte. Dort, wo ich meinen Vater und meine Schwester verloren habe, die bei den Bombenangriffen ums Leben kamen. Dort, wo nun alles in Trümmern liegt.

Dort, wohin ich vielleicht nie mehr zurückkehren kann. Ich drückte mich noch fester gegen die Brust meiner Mutter. Wir hatten nichts mehr. Alles, was wir hatten, war zerstört worden. Es gab nur noch meine Mama und mich. Nur uns und die Chance auf ein neues Leben, weit weg von unserer Heimat, in das Unbekannte. Ich hatte Angst davor, aber es war eine ganz andere Angst. Es war die Furcht vor dem, was kommen wird. Doch davon ließ ich mich nicht unterkriegen. Es zählten nur meine Mutter, ich und das Ziel. Deutschland. Sicherheit.