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26.10.2009

Sechs Jahre Haft nach Geiselnahme im Gefängnis

PFORZHEIM. Die Auswärtige Jugendkammer des Landgerichts Karlsruhe in Pforzheim hat am Montag unter Vorsitz von Richter Hermann Meyer zwei geständige Angeklagte zu mehrjährigen Jugendstrafen wegen Gefangenenmeuterei und Körperverletzung verurteilt. Unter Einbeziehung einer früheren Strafe in Höhe von zwei Jahren und vier Monaten bekam der 21-jährige Haupttäter sechs Jahre Haft.

Der gleichaltrige Mitangeklagte mit geringerer Tatbeteiligung wurde unter Einbeziehung einer früheren Verurteilung in Höhe von zwei Jahren zu einer Gesamt-Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt.

Das Verfahren gegen einen dritten Mitbeschuldigten, der nach Angaben der Kammer der Initiator der Gefangenenmeuterei in der Pforzheimer Justizvollzugsanstalt vom 8. November 2008 gewesen sei (die PZ berichtete), wurde abgetrennt. Für ihn wird auf Antrag der Verteidigung ein zweites psychiatrisches Gutachten eingeholt.

„Horrortrip und Albtraum“

Der Ausbruchversuch der drei Angeklagten, die mit Hilfe eines selbst gebastelten Messers aus einer Zahnbürste und Rasierklingen einen 59-jährigen Beamten als Geisel nahmen, wurde durch das Eingreifen weiterer Mitgefangenen verhindert. „Für diesen Vollzugsbeamten war die Geiselnahme, bei der er ein Messer an seinem Hals spürte, Horrortrip und Albtraum zugleich“, sagte Meyer in seiner Urteilsbegründung. „Seine psychischen Verletzungen werden länger andauern als die Haftstrafen der Angeklagten“, so Meyer. Erhebliche kriminelle Energie sei bei dieser Gefangenenmeuterei, Geiselnahme und gefährlichen Körperverletzung aufgewendet worden. „Das Gericht sieht nicht den Schlag ins Gesicht des Beamten, sondern das Halten des Messers an den Hals des Opfers als schwerwiegender an, auch wenn letztendlich hier keine Verletzungen entstanden“, erklärte Meyer. „Die Angeklagten hatten es nicht in der Hand, wenn durch eine ungeschickte Bewegung im Gerangel Schlimmeres passiert wäre“, sagte er. Für diese gemeinsam begangene Tat müssten alle drei Angeklagten gleich haften für das, was sie getan hätten – egal, ob der eine nur den Schlüssel an sich genommen, der andere die Geisel festgehalten und der dritte das Messer an den Hals des Beamten gesetzt habe.

Dieser gemeinsam geplante Ausbruchversuch der zur Tatzeit 20-jährigen Angeklagten könne allerdings noch mit dem milderen Jugendstrafrecht geahndet werden. Aufgrund der Lebensläufe der beiden Angeklagten hätten sich massive Entwicklungsdefizite ergeben. Der eine habe als Kind miterleben müssen, wie nahestehende Verwandte im Balkan-Krieg getötet worden waren. Umso unverständlicher sei es aber, dass er bei einer früheren Jugendstraftat einen bewaffneten Wohnungseinbruch mit einer Beute von 100 Euro begangen habe.

Der andere Angeklagte habe durch den Tod seines Vaters und wegen seiner für ihn nicht existierenden Mutter, die sich für den Lebenspartner anstelle des Sohnes entschieden habe, viel durchgemacht: Pflegefamilie, Psychiatrie, eine betreute Jugendwohngruppe, keine Ausbildung – auch nicht im Vollzug, wo er rund 40 deutsche Gefängnisse von innen kennengelernt habe.

Diese Jugendstrafe sei die letzte Chance, die die beiden 21-Jährigen erhalten würden, so der Richter. „Nach Erwachsenen-Strafrecht wäre die Gefangenenmeuterei mit Geiselnahme zwischen fünf und 15 Jahren geahndet worden“, so Meyer.