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12.07.2015

Seltene Einblicke in ein Juwel der Geschichte

Pforzheim. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Durch Pforzheims Museen geführt“ hat die Löbliche Singergesellschaft von 1501 gestern Nachmittag eine Führung durch das älteste erhaltene weltliche Gebäude der Stadt angeboten. Rund 15 Besucher hatten diese Gelegenheit genutzt und folgten der Kunsthistorikerin Christina Klittich durch die Gemäuer des ehemaligen markgräflichen Archivbaus am Schloßberg hinauf in den zweiten Stock in die sogenannte Landschaftsstube, die einst als Tagungsraum für markgräfliche Verwalter diente.

Das turmartige Gebäude wurde Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut. Ganz genau, so Klittich, lasse sich das allerdings nicht mehr nachvollziehen. Am Gebäude seien zwei verschiedene Jahreszahlen gefunden worden, nämlich 1553 und 1561. Womit auch zwei Erbauer in Frage kämen: der immer wieder im Zusammenhang mit dem Gebäude erwähnte Markgraf Karl II. oder dessen Vater Markgraf Ernst. Sicher ist, dass das Gebäude über den Wehrgang der Ringmauer sowie zwei weitere Zugänge betreten werden konnte. Jener erste Zugang war allerdings dem gebührlichen Auftritt des Markgrafen oder dessen Vertretern vorbehalten. Verhandelt wurden an diesem Ort meist Fragen finanzieller und politischer Belange. Beispielsweise die Umverteilung der aufgelaufenen Schulden für die aufwendige Hofführung Karls – die sich schon mal auf 400 000 Gulden belaufen konnten – auf die Schultern der Landtagsmitglieder.

Wappen und Skizzen

Die wiederum ließen sich ihre Belastung mit politischen Zugeständnissen vergelten. Nachdem der Markgraf Pforzheim den Rücken gekehrt und in Durlach ein neues Schloss hatte errichten lassen, fanden im vielleicht ältesten noch erhaltenen deutschen Parlamentsgebäude nur noch Ausschusssitzungen statt.

Nachdem im Archivbau ab den 1920er-Jahren bis nach dem Zweiten Weltkrieg das Museum Johannes Reuchlin untergebracht war, befinden sich heute einige erhalten gebliebene Adelswappen und Skulpturen, Fotos und Skizzen der zerstörten Schloßkirche und eine Dokumentation über die Geschichte der „Stiftung der Freunde der Schloßkirche“ in dem Gebäude. Dass dieses kleine Juwel der Stadt meist verschlossen ist und nur zu besonderen Gelegenheiten geöffnet wird, liege daran, so Klittich, dass es zum einen keinerlei Toiletten im gebe, zum anderen, dass es unabhängig von der Jahreszeit fast immer eiskalt darin sei. ila