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In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv (links Angelika Müller-Tischer vom Kulturamt) haben Brigitte und Gerhard Brändle die Ausstellung mit Skizzen aus dem Internierungslager Gurs konzipiert.   Foto: Seibel
In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv (links Angelika Müller-Tischer vom Kulturamt) haben Brigitte und Gerhard Brändle die Ausstellung mit Skizzen aus dem Internierungslager Gurs konzipiert. Foto: Seibel
16.10.2015

Skizzen aus der Hölle: Ungarischer Künstler zeichnete das Grauen von Gurs

Niemand weiß, wie viele Skizzen Sigismond Kolos-Vari in den zwei Jahren, in denen er interniert war, im Lagers Gurs am Nordrand der Pyrenäen gefertigt hat. Dem Historiker, ehemaligen Lehrer und Bürgermedaillenträger Gerhard Brändle und seiner Frau Brigitte ist es zu verdanken, dass die Faksimiles einiger dieser Skizzen für zwei Wochen im Wandelgang des Alten Rathauses zu sehen sind. Offiziell wird die Ausstellung mit starken Pforzheimer Bezügen am Montag, 19. Oktober, um 17 Uhr im Lichthof eröffnet. Sie ist Bestandteil des Gedenkens an die Deportation von pfälzischen, saarländischen und badischen Juden am 22. Oktober vor 75 Jahren nach Frankreich – darunter 195 Pforzheimern.

Unter den Augen der Öffentlichkeit waren sie mit Lastwagen zum damaligen Hauptgüterbahnhof in der Nordstadt gekarrt worden. Zur Erinnerung daran stehen heute am Kreisverkehr der Anshelmstraße ein Prellbock und ein Gedenkstein und in den Boden verlegte Wackersteine der christlichen Pfadfinder. Am Donnerstag kommender Woche findet ab 12.30 Uhr an historischer Stätte die offizielle Gedenkveranstaltung statt.

Eineinhalb Jahre hat das Ehepaar Brändle recherchiert. Unmöglich gewesen wäre die einzigartige Ausstellung ohne die Quäkerin und Fotografin Alice Resch, die dem ungarischen Juden Kolos Vari und seiner Frau Matyi im Jahr 1943 zur Flucht verhalf und in den Besitz der Skizzen kam. Sie übergab die kleinformatigen Zeichnungen Gerhard Brändle. Der stellte das ansonsten unzugängliche Material – das so gar nichts mit dem späteren Oeuvre des Malers zu tun hat – in den historischen Kontext, ergänzte die Skizzen durch Fotografien, zitiert Lagerinsassen. So etwa den Pforzheimer Hellmuth Wolff, einen der 55 überlebenden Internierten: „Essgeschirre gab es erst im Mai 1941. Bis dahin aß man aus Konservenbüchsen“, erinnerte sich der Vater der mit 108 Jahre gestorbenen damals ältesten Pforzheimerin Käthe Schulz.

Die hatte in einem PZ-Interview geschildert, wie die Pforzheimer Juden mit einem Köfferchen an den Hauptgüterbahnhof gebracht wurden. Drei Tage sollte die Fahrt dauern – in ein Lager mit unvorstellbaren hygienischen Verhältnissen, Krankheiten, Hungerrationen. „In den Bas-Pyrenäen gibt’s einen Ort, wo nur Baracken stehen, kaum ein Baum steht dort. Da muss nur der hinein, der kein Recht hat, auf der Welt zu sein. Und wer den Ort betrat, den trennt von der Welt ein Stacheldraht“, reimte ein unbekannter Lagerinsasse. Der Wiener Jude Leonhard Märker vertonte das Gedicht – und singen wird es am Montag der Chor der Osterfeld-Realschule.