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Auch das iranische Staatsfernsehen veröffentlichte die Falschmeldung. Dort ist zu lesen: „Vier Menschen wurden bei einem mutmaßlichen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im deutschen Pforzheim getötet.“
Auch das iranische Staatsfernsehen veröffentlichte die Falschmeldung. Dort ist zu lesen: „Vier Menschen wurden bei einem mutmaßlichen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im deutschen Pforzheim getötet.“ © Screenshot: Walter
21.06.2017

So landete eine Pforzheimer Feuertragödie in der Terror-Datenbank

Warum ist Deutschland im Sicherheitsranking des Weltwirtschaftsforums um 31 Plätze auf Rang 51 abgestürzt? Dieser Frage ist die PZ nachgegangen – und in Dillweißenstein gelandet.

Denn einer der Gründe ist eine Falschmeldung, die ihren Ursprung in der dortigen Hirsauer Straße hat: Dort löste ein Heizlüfter in der Nacht auf den 20. Oktober 2015 einen Wohnungsbrand mit vier Toten aus. Eine Tragödie – die jedoch als Terroranschlag in die Erhebung einfloss.

Um dies zu verstehen, müssen die Säulen betrachtet werden, auf denen die Statistik des Weltwirtschaftsforums steht: Umfragen unter Geschäftsleuten, der Mordrate, dem Vertrauen in die Polizei und schließlich – das ist die wackelige Säule – terroristische Ereignisse. Im Terrorindex, der vor dem Anschlag mit 13 Toten in Berlin erstellt wurde, liegt die Bundesrepublik unter 136 untersuchten Ländern nur auf Rang 100. Diese Tabelle basiert im Wesentlichen auf der Global Terrorism Database der US-amerikanischen Universität Maryland. Demnach waren in Deutschland im Jahr 2015 sechs Tote bei 50 Anschlägen zu beklagen – vier davon in Pforzheim, als am 3. November 2015 eine Flüchtlingsunterkunft in Brand gesetzt worden sei. Als Quelle wird die australische Internetseite www.news.com.au genannt.

Auf der australischen Seite ist zwar nur noch eine Verlinkung zu einem - inzwischen gelöschten - Video zu finden, das ursprünglich von RT Ruptly stammte. Auf Youtube ist deren Video aus Dillweißenstein – mit identischem Vorschaubild – noch zu sehen. Bis zur PZ-Anfrage stand unter dem Video: „Am frühen Dienstagmorgen wurden bei einem mutmaßlichen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Pforzheim, nördlich von Stuttgart, vier Menschen getötet und vier verletzt.“ Die Bewegtbilder, die dazu laufen, wurden wirklich in Pforzheim aufgenommen: der brennende Dachstuhl in der Hirsauer Straße, Floriansjünger im Einsatz. Und tatsächlich kamen dabei vier Männer ums Leben, auch der Tag (20. Oktober 2015) ist hier korrekt angegeben. Alle anderen Informationen, die unter dem Video zu lesen waren, waren aber falsch: Das Haus war keine Asylunterkunft, das Feuer brach nicht durch Brandstiftung aus, der Vorfall war kein Anschlag – und Pforzheim liegt nicht nördlich von Stuttgart. Nach der PZ-Anfrage wurde die Überschrift und die Beschreibung geändert:

Auch der iranische staatliche Auslandsfernsehsenders Press TV machte in einem Beitrag über fremdenfeindliche Straftaten in Deutschland die Pforzheimer Tragödie zu einem Terroranschlag. Dessen Video - das im folgenden zu sehen ist - wurde zwölf Stunden nach dem Ruptly-Beitrag hochgeladen.

Wer die weiteren 49 Einträge betrachtet, die in der Global Terrorism Database als Terroranschläge gewertet wurde, macht zwei weitere Beobachtungen: Zum einen gibt es weitere Vorfälle - etwa der am 31. Dezember 2015 in Hannover - bei denen nicht geklärt ist, ob es sich tatsächlich um einen Anschlag handelte. Zum anderen, dass viele Einträge Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte behandeln. Im Sicherheitsranking ist Deutschland also auch deshalb so deutlich abgerutscht, weil die Zahl der Übergriffe auf Asylbewerber zugenommen hat.

Mehr Hintergrundinformationen über die folgenreiche Falschmeldung lesen Sie am Donnerstag in der "Pforzheimer Zeitung".

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