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Willi Walther, Meister vom Stuhl (rechts), begrüßt mit dem Gästebeauftragten  Roland Klink den Freimaurer-Meister und Philosoph Klaus-Jürgen Grün sowie PZ-Chefredakteur  Magnus Schlecht (von links) im Pforzheimer Logenhaus.
Willi Walther, Meister vom Stuhl (rechts), begrüßt mit dem Gästebeauftragten Roland Klink den Freimaurer-Meister und Philosoph Klaus-Jürgen Grün sowie PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht (von links) im Pforzheimer Logenhaus.
26.05.2016

So ticken die Freimaurer: Reuchlin-Loge lädt zur Infoveranstaltung

Pforzheim. Was in Freimaurer-Logen vor sich geht – kein Uneingeweihter weiß das genau. Viele Mythen ranken sich um die Bruderschaft, die mit der Johannis-Freimaurerloge Reuchlin auch in der Pforzheimer Villa Becker einen Sitz hat.

Auch wenn dunkelblaue Samtvorhänge die Fenster verdunkeln – so geheimnisvoll fühlt es sich dort am Mittwochabend nicht an, als sich rund 50 Personen zur Veranstaltung „Was ich über die Freimaurerei schon immer wissen wollte“ versammeln. Warum die Bruderschaft ihr Logenhaus und sich selbst nun der Öffentlichkeit präsentiert, erklärt Gästebeauftragter Roland Klink: Man wolle es nicht allein den Medien überlassen, was über sie berichtet werde. Vor allem aber plagt den Bund das gleiche Problem wie viele andere Vereine: Nachwuchssorgen.

PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht hat dem Philosophie-Professor und Meister der Freimaurer-Forschungsloge Quatuor Coronati in Bayreuth, Klaus-Jürgen Grün, auf dem Podium zu entlocken versucht, worum es bei der Freimaurerei eigentlich geht:

Antrieb und Ziel: Durch geistige Entfaltung soll eine sittliche Lebenshaltung entwickelt werden, die sich auch im Alltag auswirkt. Dadurch seien Freimaurer nicht die besseren Menschen, sagt Grün, „aber wir erinnern uns, dass wir besser werden können.“ Selbsterkenntnis und -vervollkommnung stehen im Mittelpunkt der sogenannten Tempelarbeit. „Viele erwarten etwas Großartiges“, sagt Grün, am Ende entdecke man aber, dass unter den schönen Bildern, die man sich von sich selbst gemacht hatte, vielleicht etwas Zerbrechliches oder gar Dunkles stecke. „Ich kann mir nichts darauf einbilden, was ich bin“ – so werde Egoismus zur sinnlosen Vergrößerung des allgemeinen Leidens. Aus dieser Einsicht nicht Resignation, sondern Hoffnung zu gewinnen – darauf komme es an.

Stufen und Titel: Drei grundlegende Stufen gibt es: Lehrling, Geselle und Meister. Daneben sind von einst über 90 noch 33 Titel übriggeblieben, sagt „Generalinspektor“ Grün. Ob der „Ritter vom Rosenkreuz“ oder der „souveräne Großkommandeur“ – die „leichte Übersteigerung“ der Titel sei einst eine Anmaßung gewesen – heute reines Symbol; der Titel als „äußerliche Zustandsbeschreibung, hinter der sich gar nichts Mystisches verbirgt“.

Zugang: Nicht jeder kann Freimaurer werden – ein Zeichen dafür, dass sie sich als elitären Kreis begreifen, will Schlecht wissen. Es handle sich um einen Bildungsauftrag, sagt Grün. Um dazuzugehören, muss Leistung erbracht werden. Doch wie passt es zu Grundsätzen wie Toleranz, Gleichheit und Humanität, dass Frauen keinen Zugang haben? „Männer können anders Gefühle zeigen, wenn Frauen nicht dabei sind. Sonst fangen sie an zu gockeln“, so Grün, der es darum vorzieht, in einer reinen Männerloge zu sein – auch wenn es mittlerweile gemischte sowie Frauenlogen gebe und er dies befürworte.

Rituale: Nur wenig lässt Grün zu den mythenumwobenen Ritualen, die in den sogenannten „Alten Pflichten“ manifestiert sind, durchblicken. So streift er, wie er als angehender Lehrling mit verbundenen Augen in den Tempel geführt wurde, rituelles Essen beim Brudermahl, Kleidung aus längst vergangenen Tagen. Nur Eingeweihte könnten die rituelle Arbeit verstehen, nur für den, der es gewohnt sei, werde sie zu einer sinnhaften Tätigkeit. „Würde man es nur erzählen, würde es lächerlich klingen.“ Dass über die Rituale geschwiegen wird, sei eine Bildungsanforderung: in der Lage sein, etwas für sich zu behalten.

Veränderung: Ob der Bruderbund sich grundlegend verändern muss, um weiter zu bestehen, will Schlecht wissen. Dass die Freimaurerei ganz verschwinden wird, kann sich Grün nicht vorstellen. Stattdessen glaubt er an eine Entwicklung – eine „zeitverzögerte, schleichende Evolution“. Die antiquierte Erscheinung sei nicht ganz falsch, „aber sie überdeckt, dass wir es hier mit etwas Hochmodernem zu tun haben.“ Dies treffe schon auf die fünf Grundsätze der Bruderschaft zu: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – vor allem jetzt vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise. Dennoch, in der Freimaurerei, sagt Grün, gebe es keine „Pflicht zu helfen“, es sei nicht festgelegt, was genau diese angestrebte „bessere Gesellschaft“ genau ist. „So ist jeder mit sich allein, seinen Anspruch an sich in seiner täglichen Arbeit so einzusetzen, dass er sich darin wiedererkennt.“