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29.09.2008

Stefan Aust mit "Der Baader Meinhof Komplex" im PZ-Forum

Er hat das Standardwerk „Der Baader Meinhof Komplex“ geschrieben. Er war selbst im Visier der Terroristen und hat die Vorlage zu dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger und Uli Edel verfasst. Stefan Aust (59), Ex-Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ stellt sein Buch heute im bereits ausverkauften PZ-Forum vor. Zuvor stellten ihm die PZ-Redakteure Sascha Aurich und Michael Schenk einige Fragen. 

Pforzheimer Zeitung: Herr Aust, wer steckt Ihrer Vermutung nach hinter dem Anschlag auf die Fassade ihres Wohnhauses?
Stefan Aust: Ach, das weiß ich nicht. Und es ist mir auch gar nicht so recht, dass das so hoch gehängt wird.

PZ: Nach über 20 Jahren legen Sie Ihr ergänztes Standard-Werk zur ersten Generation der RAF neu auf. Was waren die wesentlichen neuen Erkenntnisse seit Mitte der 80er-Jahre?
Aust: Ich habe das Buch umfangreich ergänzt mit Dingen, die ich in der Zwischenzeit gefunden und recherchiert habe. Also zum Beispiel mit Passagen aus Interviews mit Beteiligten und Augenzeugen, mit Politikern, mit Passagieren in der Lufthansamaschine Landshut ; ich habe also das Buch um den Blickwinkel von Beteiligten erweitert.
Vor allem durch die Augenzeugenberichte ist es viel authentischer und lebendiger geworden. Das ist das eine und das Wesentliche. Das andere ist ein zusätzliches Kapitel am Schluss, das erzählt, was in den Jahren nach dem Selbstmord in Stammheim und dem Mord an Schleyer 1977 zum Teil an schrecklichen Dingen passiert ist, was für Leute das waren, was mit den Aussteigern in der DDR passiert ist. Erst 1998 hat sich die Gruppe ja per Dekret aufgelöst – fast wie eine Behörde.

PZ: Hat sich dadurch Ihre Sichtweise auf die Terrorgruppe geändert?
Aust: Nein, sie hat sich eigentlich nicht verändert, aber sie hat sich natürlich enorm geschärft. Was sich mir schon damals angedeutet hatte, dass bei einzelnen Leuten weniger eine politische Motivation als vielmehr ein geradezu – sagen wir mal – religiöses Sendungsbewusstsein vorhanden war. Das ist mir jetzt noch deutlicher geworden. In dieser Geschichte werden geradezu Archetypen menschlichen Verhaltens deutlich. Die Parallelen zum islamistisch geprägten Terrorismus der heutigen Zeit, mit dem Wunsch Märtyrer zu werden, sind unübersehbar.
All dieses habe ich stärker herausgearbeitet. Dann gab es noch einen wesentlichen Punkt: Die Gefangenengespräche, die abgehört wurden. Es verdichteten sich die Indizien dafür, dass weniger die Gespräche mit den Anwälten abgehört werden sollten, was ja auch außerordentlich problematisch ist, sondern die Gespräche der Inhaftierten untereinander und zwar speziell dann, wenn irgendwo eine Geiselnahme vorgenommen worden ist. Und da stellt sich die Frage als die Geiselnahme Schleyer erfolgte und die Entführung der Lufthansamaschine auf dem Flug nach Frankfurt: Hat man Gespräche der Gefangenen abgehört? Was ich in der damaligen Situation durchaus nachvollziehen könnte. Und: Was hat man damals eigentlich mitgekriegt? Und: Warum hat man das so viele Jahre vertuscht? Ich will deutlich sagen: Ich weiß das nicht. Es gibt Indizien dafür. Aber ich will nicht damit andeuten, dass bei dem Selbstmord in Stammheim vielleicht doch jemand anders die Finger im Spiel hatte. Das war ein glasklarer Selbstmord. Die Frage ist nur, ob man das nicht möglicherweise hätte wissen müssen.

PZ: Der Journalist Christoph Schwennicke hat auf „Spiegel-Online“ die „Rundumvermarktung“ von Baader-Meinhof angeprangert. Was entgegnen Sie dem?
Aust: Also wissen Sie, wenn Journalisten, die ja auch interessiert daran, sein müssen, dass sich ihre Zeitung verkauft, von Vermarktung reden finde ich das vollkommen absurd. Ich denke auch „Spiegel“-Redakteure müssen ein Interesse dran haben, dass sich der „Spiegel“ verkauft.
Ich finde es ehrlich gesagt dreist und unehrlich – wenn man dann noch unter anderem eine Titelgeschichte über den Film macht. Das ist dann keine Vermarktung oder wie? Ich finde es eine heuchlerische , unehrliche und wirklich billige Art der Argumentation. Ich habe den Schwennicke selbst mal eingestellt und halte wirklich viel von ihm als Journalist. Aber das finde ich wirklich daneben. Man kann ja einen Film kritisieren, aber sich auf so eine billige Ebene zu begeben, aber – na gut.