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15.06.2008

Steilwandfahrer rast noch mit fast 70 Jahren durchs steile Holzrund auf der Mess

Hugo Dabbert ist hart im Nehmen: 42 Knochenbrüche kann er in seiner Krankenakte vorweisen, davon ein Unfall, bei dem er sich gleich 13 Knochen und die Schulter auf einmal gebrochen hat. Alle Unfälle hat sich Hugo Dabbert auf dem Motorrad zugezogen, was auch nicht verwundert, denn seit rund 50 Jahren ist er Steilwandfahrer.

Auch heute noch mit annähernd 70 Jahren legt sich Dabbert ab 42 Stundenkilometer in die Kurve, gibt weiter Gas und fährt schließlich parallel zum Boden auf der Steilwand. Je nach Zuschauermenge gibt er auch heute noch 10 bis 15 Vorstellungen am Tag. Doch das Geschäft, so sagt er, rechne sich heute nicht mehr so gut wie früher: „Ich habe als junger Mann nach einer Möglichkeit gesucht, auf schnelle Art möglichst viel Geld zu verdienen. Ich habe so ziemlich alles probiert.“

Auf der Nase gelandet

Nach seiner Ausbildung als Schlosser und Schweißer arbeitete er nicht lange in diesem Beruf, sondern fuhr im Fernverkehr. Durch diesen Job kam er indirekt zu seiner lebenslangen Leidenschaft. Auf einem Volksfest in Heilbronn sah der gebürtige Waren-Müritzer zum ersten Mal eine Steilwand. „Die Besitzer forderten sämtliche jungen Männer in der Gegend auf, es doch einmal zu probieren. Wer zehn Runden am Stück schaffte, sollte 500 Mark bekommen“, sagt Dabbert und schaut dabei etwas mürrisch drein. „Natürlich hat das kein einziger geschafft. Ich auch nicht. Ich bin nach ein paar Metern genauso auf der Nase gelandet, wie alle anderen auch“, platzt es aus ihm heraus.

Obwohl er nicht viel weiter gekommen war als seine Konkurrenten und sein Körper grün und blau war, fragten ihn die holländischen Schausteller, ob er bei ihnen bleiben wollte. „Ich war deren Mann. Ganz klar“, sagt Dabbert heute nicht ohne Stolz. Sein damaliger Chef lehrte ihn das Fahren, was beim offensichtlichen Talent des jungen Mannes recht schnell vonstatten ging. 1959 fuhr er das erste Mal beim Heilbronner Volksfest auf einer Steilwand, nur ein Jahr später gehörte er zur festen Truppe.

Ans Aufhören denken

„Damals gab es noch viele Steilwandfahrer. Allein in Deutschland rund 15“, erinnert er sich. Er habe sich deshalb auch nicht lange auf einen Arbeitgeber festgelegt, sondern habe bei mehreren angeheuert.
1977 verschlug es den damals 38-Jährigen für ein Jahr nach Kanada. Auch dort waren seine Künste an der Bretterwand stark gefragt. Inzwischen hat Dabbert jedes europäische Land bereist und seit 1984 sein eigenes Unternehmen.

1980 stellte er sogar einen Weltrekord im Steilwandfahren auf: Sechs Stunden, sieben Minuten und 39 Sekunden fuhr er parallel zum Boden durch den zylinderförmigen Verschlag. Dass er sich schon so ziemlich alle Knochen gebrochen hat, lässt Dabbert fast kalt. Doch so langsam mache sich das Alter auch bei ihm bemerkbar. Obwohl der 69-Jährige noch alle Vorstellungen mitfährt, denkt er inzwischen ans Aufhören.

Einen Nachfolger hat Dabbert noch nicht gefunden, aber sein Schüler Jagath Perrera aus Sri Lanka hat auch schon einiges auf dem Kasten. Bei den Shows fährt Dabbert zuerst eine Begrüßungsrunde, dann unterhält Perrera die Zuschauer mit Akrobatik auf einer „Indian Scout“ aus dem Jahr 1928. Bei den anschließenden Überholungsrennen an der Steilwand wird so manchem Zuschauer öfter mal schwindlig. Und einzigartig auf der Welt ist, wie Dabbert stolz betont , Perreras Freihand-Fahrt auf einem Formel-V-Wagen. Da scheint der Flitzer richtig an der Wand zu kleben.