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Peter Schäfer trägt sich unter den Augen Gert Hagers in das Goldene Buch ein.
Oberbürgermeister Gert Hager überreicht Peter Schäfer die Plakette zum Preis.
Großes Interesse an einem traditionsreichen Ereignis: Das Theater ist gut gefüllt.
Thomas Holstein hält die Laudatio. Der Biologe ist seit diesem Jahr Präsident der Akademie der Wissenschaften.
18.10.2015

Streiter für einen Dialog auf Augenhöhe: Judaist Schäfer bekommt Reuchlinpreis

Die Verleihung des Reuchlinpreises 2015 war ein Festakt im doppelten Sinn. Am Samstag wurde im Theater zum einen ein großer Wissenschaftler geehrt, zum anderen auch das 60-jährige Bestehen des Preises selbst gefeiert.

Bildergalerie: Verleihung des Reuchlinpreises an den Judaisten Peter Schäfer

Bevor er dem Judaisten Peter Schäfer Preis und Plakette überreichte, erinnerte Oberbürgermeister Gert Hager an die Anfänge 1955, als die Stadt ihrem Sohn Johannes Reuchlin zum 500. Geburtstag dieses ganz besondere Geschenk machte, ihm ein Denkmal setzte, so Hager, der auch die Diskussionen nicht unerwähnt ließ – etwa 1957, als der Ansatz der Entmythologisierung, die der evangelische Theologe Rudolf Bultmann vertrat, hohe Wellen schlug. Auch dass es drei Jahrzehnte dauerte, bis mit Leiva Petersen die erste Frau zu Ehren kam, verschweigt der Oberbürgermeister nicht.

Solche Fragen sind im Jahr 2015 fast vergessen. Heute verkörpert der Johannes Reuchlin, der sich als Christ das Hebräische aneignete und gegen die Verbrennung jüdischer Schriften stritt, die die Verbindung von geisteswissenschaftlicher Brillanz und Toleranzdenken. Welche Ähnlichkeit es zwischen dem großen Humanisten und dem diesjährigen Preisträger gibt, zeigt unter anderem die Laudatio Thomas Holsteins.

Neubeginn nach der Shoa

Der Biologe und amtierende Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften betont Peter Schäfers Bedeutung für die deutsche Judaistik – nicht nur nach dem Mord an den europäischen Juden im Nationalsozialismus, sondern als Wissenschaft auf Augenhöhe insgesamt, fernab christlicher Überlegenheitsgefühle, wie sie nicht nur für Reuchlin noch selbstverständlich waren. In seiner wissenschaftlichen Arbeit hat der emeritierte Professor und heutige Direktor des Jüdischen Museums in Berlin die Einflüsse der beiden ältesten monotheistischen Religionen aufeinander untersucht und sich ausführlich mit der mystischen Tradition der Kabbala beschäftigt, die der Allgemeinheit am ehesten in Verbindung mit der Popsängerin Madonna bekannt ist – und die von einem weiteren Reuchlinpreisträger für die Judaistik wiederentdeckt worden ist: Gershom Sholem.

Wie das „dreisprachige Wunder“, wie Regierungspräsidentin Nicolette Kressl in ihrem Grußwort im Auftrag der Landesregierung Reuchlin nennt, wollte auch Schäfer an die Quellen. Doch anders als seinen Lehrern galt ihm das Hebräische nicht als tot. Davon berichtet er später auch im Reuchlinhaus, wo er gemeinsam mit dem Reuchlin-Beauftragten Christoph Timm und Kurator Matthias dall’Asta die Schau „Anwälte der Freiheit“ besucht. Er sei vor der Mentalität und Unterrichtsmethoden der deutschen Judaistik nach Israel geflohen – um die Sprache des Judentums als jene lebendige Sprache zu lernen, die es ist. Spätestens da war das Studium der katholischen Theologie Geschichte, eine außergewöhnliche Karriere begann.

Säkulare Disziplin

Schäfer lässt in seiner Dankesrede keinen Zweifel daran, was die Judaistik für ihn ausmacht. Er beschreibt in seiner Standortbestimmung mit Rückblick auf die Anfänge als „Wissenschaft des Judentums“ die Komplexität und Vielschichtigkeit einer Kombination etwa kultur-, sprach- und historischer Methoden von säkularem Selbstverständnis – nicht als Teilbereich etwas der jüdischen Theologie oder der Geschichte. Entsprechend kritisch betrachtet er mit Phänomenen, die sich davon entfernen, etwa Jüdische Studien oder anderweitig ausgelagerte Seminare. „Die Judaistik muss an der Universität bleiben, um sich entfalten zu können“, betont Schäfer. „Dafür haben die Väter der Wissenschaft des Judentums gekämpft, und dafür kämpfen wir heute.“