nach oben
Foto: Symbolbild
Foto: Symbolbild © dpa
09.11.2016

Strenggläubiges Opfer fast zum Sex genötigt - Familienvater erhält 16 Monate auf Bewährung

Pforzheim. Wenn eine junge Frau aus strenggläubigem christlichen Elternhaus freizügige Aufnahmen von sich selbst macht und sie einem vermeintlich guten Freund schickt, ist das eine riskante Angelegenheit.

Diese bittere Erfahrung musste 2015 eine 19-Jährige machen, die zwei Jahre zuvor einer Chat-Bekanntschaft ein leicht- und ein unbekleidetes Video auf dessen Bitte hin geschickt hatte. Der Chat-Partner meldete sich lange nicht mehr. Im Vorjahr plötzlich tauchte er wieder auf, verlangte jetzt plötzlich Beischlaf in einem Pforzheimer Hotel. In der strenggläubigen Gemeinschaft, der das Opfer angehört, ist Sex nur nach dem Gang zum Traualtar möglich. Sonst ist die Ehre der Frau (und ihrer Familie) dahin. Die inzwischen 19-Jährige lehnte das Treffen also ab. Woraufhin der 34-Jährige, am Mittwoch angeklagt wegen versuchter Nötigung in einem besonders schweren Fall, drohte, die intimen Aufnahmen ins Internet zu stellen. Was er nach erneuter Weigerung der jungen Frau auch tat.

Sie geriet in Panik und willigte schließlich in ein Treffen ein, wenn er das Video aus dem Internet nehme. Ihrer Familie hätte sie sich nicht anvertrauen können. Ihre bevorstehende Ehe wäre „geplatzt“. Nach erneuten Drohungen wendete sie sich an die Polizei. Und so nahmen die Beamten den liebeshungrigen dreifachen Familienvater fest, als er aus Norddeutschland in Pforzheim ankam.

Er gehört derselben Religionsgemeinschaft an, wie sein Opfer. Er wusste also genau, was er der jungen Frau antat. Er hätte sehenden Auges ihr Leben zerstört. „Eine Schweinerei“ nannte seine Tat denn auch sein Verteidiger Lutz Klose. Nach eindringlichen Gespräch mit dem Verteidiger räumte der Angeklagte die Vorwürfe ein, ohne dass sein Opfer ausführlich aussagen musste. Er entschuldigte sich. Nie mehr werde so etwas vorkommen, versicherte er.

Die Zeugin zitterte bei ihrer Aussage. Nächstenliebe und Erbarmen scheint ihrer christlichen Gemeinde und Familie eher fern zu liegen. In welchen Nöten sie sich befand, konnten die Prozessbeteiligten gestern nur erahnen.

Staatsanwalt Mario Nitschmann beantragte 16 Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung für die „rücksichtslose Tat“. Verteidiger Klose hielt ein Jahr Bewährungsstrafe als „Denkzettel“ für ausreichend. Richterin Alena Kehret kam unter „Qualen“, wie sie sagte, zu einer 16-monatigen Bewährungsstrafe. Der Angeklagte hat als Auflage 200 gemeinnützige Arbeitsstunden abzuleisten, einen Kurs über sexuelle Selbstbestimmung zu absolvieren und dem Opfer 240 Euro als Schmerzensgeld in Raten zu überweisen.