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Mohamad Diyab im Pforzheimer Schloßpark. Er ist froh, dass er in Deutschland sein darf und nicht mehr um sein Leben fürchten muss. Dass einige Flüchtlinge nun gewalttätig werden oder undankbar sind, macht ihn fassungslos. Foto: Meyer
Mohamad Diyab im Pforzheimer Schloßpark. Er ist froh, dass er in Deutschland sein darf und nicht mehr um sein Leben fürchten muss. Dass einige Flüchtlinge nun gewalttätig werden oder undankbar sind, macht ihn fassungslos. Foto: Meyer
Fünf Asylbewerber und eine 17-jährige Deutsche sollen Anfang Oktober im Schloßpark nachts Passanten getreten, geschlagen und ausgeraubt haben. In Mohamad Diyab ruft so etwas Scham hervor. Er bittet die Deutschen aber auch darum, nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. Foto: Meyer
Fünf Asylbewerber und eine 17-jährige Deutsche sollen Anfang Oktober im Schloßpark nachts Passanten getreten, geschlagen und ausgeraubt haben. In Mohamad Diyab ruft so etwas Scham hervor. Er bittet die Deutschen aber auch darum, nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. Foto: Meyer
Beim Gedanken an die Übergriffe in Pforzheim wird Mohamad wütend. Foto: Meyer
Beim Gedanken an die Übergriffe in Pforzheim wird Mohamad wütend. Foto: Meyer
27.10.2017

Syrischer Flüchtling Mohamad Diyab: „Manche haben vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind“

Mohamad Diyab gehört zu den vielen Tausend Menschen, die 2015 vor den Gräueln des syrischen Krieges geflohen und schließlich in Deutschland gelandet sind. Derzeit absolviert der 25-Jährige ein Praktikum bei der „Pforzheimer Zeitung“ – und bekommt so aus erster Hand mit, wenn es gewalttätige Übergriffe von Flüchtlingen gibt. Genau das ist in den vergangenen Wochen in Pforzheim mehrfach geschehen. Diyab machen solche Taten fassungslos und wütend. So wütend, dass er sich eines Nachts hingesetzt und seine Gedanken aufgeschrieben hat. Auf Deutsch. Ohne Hilfe. Aber umso eindrücklicher.

Nach meiner Ankunft in Deutschland im Mai 2015 bin ich mit dem Zug von München nach Karlsruhe gefahren. Auf meiner Flucht von Griechenland über Mazedonien und Serbien hatte ich gehört, dass es in Karlsruhe eine gute Unterkunft geben würde.

Einer der Beamten war an der Tür und er fragte mich, wer ich sei? Ich habe mit ihm Englisch gesprochen, weil ich damals erst seit einigen Stunden in Deutschland war, und dann habe ich bei ihm meine Papiere abgegeben und ihm gesagt, dass ich aus Syrien komme. Er begrüßte mich sehr freundlich und ich bin dort ungefähr zehn Tage geblieben.

Dann wurde ich mit anderen nach Ellwangen verlegt. Ich habe dort fast zwei Monate verbracht, in denen ich den Asylantrag, das Interview und die medizinische Untersuchung erledigt habe. Deutsche Freiwillige sind regelmäßig in die Unterkunft gekommen und sie haben allen, die Hilfe brauchten, so viel wie möglich geholfen, ohne Murren und Zögern. Außer den Leuten, die ich beim Übersetzen unterstützte und die ich zum Arzt oder zum Büro begleitete, hatte ich nicht viel Kontakt mit Flüchtlingen und Deutschen. Das ist normal in solch einer Situation: die Heimat verloren, allein, in einem neuen Land, zwischen Fremden, voller Sorge und eine unberechenbare Zukunft vor Augen. Ich aß nur ein Mal am Tag. Ich war in einer Stimmung, in der ich nicht dreimal pro Tag zum Essen gehen und mit den Leuten umgehen konnte. Auch das Essen habe ich nicht gemocht, obwohl es sehr reichlich und gesund war.

Aber habe ich die Deutschen wegen des Essens und wegen unserer schwierigen Lage oder wegen meiner Gefühle beschuldigt? Natürlich nicht. Ich weiß, dass der Mensch sehr gemein sein kann, aber ich dachte nicht, dass es möglich wäre, dass man das Land und die Leute, die einen schützen und umarmen, beschuldigen oder beleidigen könnte. Aber leider habe ich diese Art von Menschen gesehen.

Nachdem mein Asylverfahren abgeschlossen war, mussten ich und vier andere Flüchtlinge in eine kleine Wohnung in einem kleinen, schönen und ruhigen Ort umziehen, nach Friolzheim, wo es schon drei andere Flüchtlinge gab. Gleich am ersten Tag unserer Ankunft in Friolzheim besuchten uns ein paar Leute, um uns zu begrüßen und zu fragen, ob wir irgendwas brauchen. Wir haben uns kurz vorgestellt und sie haben sich auch vorgestellt, danach tranken wir Kaffee und haben ein bisschen über Syrien und Deutschland gesprochen. Dann bin ich in mein Zimmer gegangen, da es mir immer noch schlecht ging.

Aber habe ich die Deutschen dafür beschuldigt? Natürlich nicht. Ich weiß, dass der Mensch sehr gemein sein kann, aber ich dachte nicht, dass es möglich wäre, dass man das Land und die Leute, die einen schützen und umarmen, beschuldigen oder beleidigen könnte.

Nach ein paar Tagen besuchten uns mehrere Leute, die bei uns und mit uns diskutiert haben und die Aufgaben verteilten: Wer uns zum Arzt bringt, wenn jemand von uns krank wird. Wer uns zur Behörden begleitet und wer uns in die Stadt führt, wenn wir etwas benötigen.

Während der Zeit in diesem Ort habe ich eine Deutsche kennengelernt, die mir sehr geholfen hat, so viel, dass ich mich verlegen fühlte, weil sie so viel Zeit für mich geopfert hat. Sie begleitete mich zum Jobcenter, um ein paar Sachen zu erledigen, sie hat mir die Schreiben in meiner Post erklärt, da ich damals kein Deutsch konnte.

Aber habe ich die Deutschen beschuldigt oder ihre schweren Sprache verhöhnt? Natürlich nicht. Ich weiß, dass der Mensch sehr gemein sein kann, aber ich dachte nicht, dass es möglich wäre, dass man das Land und die Leute, die einen schützen und umarmen, beschuldigen oder beleidigen könnte.

Sie hat angefangen, für mich nach einer Wohnung zu suchen, und das hat mich mehr und mehr verlegen gemacht. Viele Wochen sind wir regelmäßig von Ort zu Ort gefahren, um Wohnungen zu besichtigen, besonders in der Stadt, denn sie sagte mir, dass es besser wäre, wenn ich dort eine Wohnung finden würde, weil ich kein Auto habe und dort alles in der Nähe ist, die Schule, das Jobcenter, der Supermarkt…

Während der Suche mussten ich und andere Flüchtlinge, die auch die Anerkennung bekommen haben, von Friolzheim nach Ötisheim umziehen. Am letzten Tag in Friolzheim kamen wieder die Freiwilligen zu uns, die uns während unseres Aufenthaltes geholfen haben, um Goodbye zu sagen und uns alles Gute für unsere Zukunft in diesem Land zu wünschen. Einige haben sogar geweint. Da fühlte ich mich traurig und glücklich zugleich. Traurig, weil ich mich von solchen guten Leuten verabschieden musste und glücklich, weil ich in dieser kurzen Zeit ihre Herzen berührt hatte. Ich versprach ihnen, dass ich mit ihnen in Kontakt bleiben würde und natürlich habe ich das gemacht.

In Ötisheim habe ich eine Familie kennengelernt, die mich wie Vater und Mutter aufgenommen haben, mir fehlen die Wörter, wenn ich über sie sprechen will. Nicht, weil ich nicht gut im Deutschen bin, sondern weil es tatsächlich keine Wörter im Arabischen oder im Deutschen gibt, die diese Familie beschreiben könnten. Es gibt nichts, wobei sie mir nicht geholfen haben: beim Kauf der Möbel, beim Einrichten der Wohnung, die ich durch die deutsche Freundin aus Friolzheim nach langer Zeit gefunden habe. Wir haben viel zusammen gesprochen, über meine Lieblingsthemen: Philosophie, Literatur, Geschichte und Kunst und ich habe von ihnen viel gelernt, sie waren für mich nicht nur Bekannte, sondern Lehrer. Mein Deutsch ist durch den Umgang und die Diskussionen mit ihnen wesentlich besser geworden. Sie haben mich in ihren Geschenken ertrinken lassen. Ich habe sie gebeten, damit aufzuhören, weil mich das traurig gemacht hat, weil ich das nicht mehr akzeptieren wollte, weil ich nichts im Gegenzug anbieten konnte, weil ich hier immer noch auf dem Boden lebe und nichts habe. Sie sagten mir, dass ich mir darüber keine Gedanken machen solle, es genüge ihnen, mich froh und glücklich zu sehen.

Und alles, alles, was ich in diesem Text erwähnt habe, ist nicht nur mir passiert, sondern Hunderten von Flüchtlingen, die ich kenne und Hunderttausenden von Flüchtlingen, die ich nicht kenne.

Die meisten der Deutschen, die ich kennenlernte, waren höflich und freundlich zu mir und alles, was ich in Deutschland erlebt habe, ließ mich fragen: Wieso denkt man in der Welt immer noch von den Deutschen, dass sie nicht offen oder sogar Nazis seien? Natürlich habe ich manche Leute getroffen, die verschlossen sind und die Vorurteile gegenüber Ausländer haben, aber so ist das in allen Ländern der Welt. Manche Flüchtlinge haben alles, was hier gut ist, vergessen. Haben alles, was die Deutschen uns angeboten haben, nicht geschätzt und sich nur auf die negativen Sachen konzentriert.

Manche haben, anstatt zu danken, vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind und manche haben Verbrechen begangen: Diebstahl, Morde, Vergewaltigungen oder sogar Terroranschläge wegen dieser dummen Ideologie des Islamismus.

Und ich kann ganz klar spüren, wie schwer es für die Deutschen ist, dieses Verhalten zu ernten. Ich weiß, es macht sie traurig, aber glauben Sie mir, das macht mich noch trauriger. Erstens, weil es immer traurig ist, wenn Unschuldige verletzt oder getötet werden, egal wo und von wem. Zweitens, weil wir wegen solchen Verbrechen einen sehr schlechten Ruf bekommen und damit die Vorurteile anderer bestätigen. Drittens, weil ich mich schäme, wenn etwas Schlimmes passiert. Viertens, weil ich inzwischen wirklich ganz müde bin von den Entschuldigungen für die Fehler, die ich nicht gemacht habe und nie machen werde.

Trotzdem möchte ich mich bei Ihnen, den Deutschen, mit diesem Schreiben noch einmal für das alles entschuldigen und Sie darauf hinweisen, dass wir nicht alle gleich sind. Es gibt bei uns solche, die Sie, Ihr Land, Ihre Gesetze und Ihre Freiheit schätzen und respektieren. Und es gibt die, das nicht tun. Es gibt die, die hier hergekommen sind, um sich ein neues friedliches Leben aufzubauen, sich zu bemühen, die Sprache zu lernen und zu arbeiten, nachdem wir unser Land im Krieg verloren haben. Und es gibt die Faulen, die nichts machen möchten, die wollen, dass Sie alles für sie erledigen.

Bitte sehen Sie den Unterschied und gehen Sie mit jedem so um, wie er mit Ihnen umgeht.

Am Ende möchte ich sagen, dass ich diesem Land und seinen Bürgern wirklich dankbar bin und dass ich glücklich bin, weil ich in Deutschland bin. Es gibt kaum etwas, das ich mehr hasse als Übertreibungen, Schmeichelei und Betteln. Aber was ich noch mehr hasse, ist, das Gute zu verweigern und die Undankbarkeit.

Alles, was ich hoffe, ist, dass ich heute und in der Zukunft etwas Gutes für dieses Land tun kann, so wie es mir Gutes getan hat.

Über Mohamad Diyab:

Der 25-Jährige wurde im Januar 1992 in der syrischen Stadt Lattakia geboren. Dort machte er 2009 seinen Oberschulabschluss, der in Deutschland als Mittlere Reife anerkannt wird. Bis 2015 war er in verschiedenen Unternehmen in Syrien und Abu Dhabi als Sekretär tätig. Schließlich zwang ihn der mörderische Krieg zur Flucht, die zunächst in Friolzheim und dann in Pforzhei endete. Diyab spricht Arabisch und Englisch, seine Deutschkenntnisse waren schnell so gut, dass er bei der Polizei in Mühlacker, in der FLüchtlingsunterkunft in Ötisheim in Schulen und Kindergärten sowie bei Behörden und Ärzten als Dolmetscher tätig war. Außerdem arbeitete er als Assistent im Fachdienst Asyl von Miteinanderleben e.V. in Pforzheim.

Wie bereits in der Vergangenheit möchte Diyab sich auch in Zukunft weiterbilden und seine Sprachkenntnisse verbessern. Dabei hilft ihm sein Interesse an Literatur, insbesondere an Franz Kafka. Diyab ist ledig.

Schneefuchs
29.10.2017
Syrischer Flüchtling Mohamad Diyab: „Manche haben vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind“

Ich wünsche Mohamad Diyab eine gute und sichere Zukunft in Deutschland. Vor allem dass wir seine Worte ernst nehmen, genau hinschauen und dementsprechend handeln. Hilfe wem Hilfe gebührt . mehr...

Eiermann
29.10.2017
Syrischer Flüchtling Mohamad Diyab: „Manche haben vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind“

Auch ich wünsche Mohamad Diyab alles Gute. Nicht nur "wir" sollten seine Worte ernst nehmen - andere, die wie er bei uns in Deutschland aufgenommen wurden, sollten ihn sich zum Beispiel nehmen. Hätten wir nur Menschen wie ihn unter den Flüchtlingen, so hätten wir keine Probleme und die Stimmung wäre eine ganz andere. mehr...

PF-West
30.10.2017
Syrischer Flüchtling Mohamad Diyab: „Manche haben vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind“

Ich finde es super das endlich auch mal ein Flüchtling zu Wort kommt, das sollte viel häufiger der Fall sein. Genau so baut man Vorurteile ab! Ständig wird von Deutschen über Flüchtlinge gesprochen anstatt auchmal zuzuhören. mehr...

Faelchle
30.10.2017
Syrischer Flüchtling Mohamad Diyab: „Manche haben vergessen, dass sie Gäste in diesem Land sind“

Wer hier arbeitet und für seinen Unterhalt sorgt, soll auch eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis bekommen, zuerst befristet, später unbefristet. Wer hier jahrelang nichts tut, der soll das Land auch wieder verlassen, sobald das möglich ist. mehr...