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Der Historiker Olaf Schulze bringt den Besuchern die Architektur der Schloss- und Stiftskirche St. Michael näher.
Der Historiker Olaf Schulze bringt den Besuchern die Architektur der Schloss- und Stiftskirche St. Michael näher.
13.09.2015

Tag des offenen Denkmals: Vielfalt in Handwerk, Technik und Industrie

Pforzheim ist bekannt für seine starke Nachkriegsarchitektur, dass sie aber dennoch an historischen Denkmälern etwas vorzuweisen hat, zeigte sie am Wochenende. Am alljährlichen und bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ öffnete die Goldstadt wieder ihre Pforten zu zahlreichen historischen Bauten und Stätten.

Unter dem Motto „Handwerk, Technik, Industrie“ führten ausgewählte Personen Besucher unter anderem durch das Kreativzentrum Emma, über die stadtarchäologische Grabung auf dem ehemaligen Schulplatz beim Rathaus oder ins Gasometer.

„Auf den ersten Blick findet man keine Parallelen zwischen der Schlosskirche und dem diesjährigen Motto, jedoch wurde auch sie von Handwerkern erbaut,“ eröffnete der Historiker Olaf Schulze seine Führung durch die Schloss- und Stiftskirche St. Michael. Sie entstand aus einer Schlosskapelle heraus, die im elften Jahrhundert zu einem stattlichen Herrschaftsbau umgebaut wurde. Schulze unterstrich: „Bis 1460 fiel die Kirche in einen Dornröschenschlaf, als sie fast ausschließlich als Grabanlage für die Fürstenfamilie genutzt wurde. Dadurch besitzen wir heute einen großen Schatz an alten Grabsteinen, der ansonsten bei regelmäßigen Bestattungen verloren gegangen wäre.“

Stellvertretend für Pforzheims wichtigsten Industriezweig erstreckt sich in der Bleichstraße das „Kollmar & Jourdan-Haus“. Das ehemalige Geschäftsgebäude des Kaufmanns Wilhelm Jourdan und des Schmuckkünstlers, Emil Kollmar wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und beherbergte zu Hochzeiten fast tausend Mitarbeiter, die sich vom Entwurf bis zur Politur dem Schmuckstück annahmen. Kuratorin Dr. Chris Gerbing wies bei ihrer Führung auf die einladenden Fenster. Da Pforzheim neben Berlin zu einer der ersten Städte mit Elektrizität gehörte, war diese Art von Architektur nur möglich. Sehnsuchtsvolle Momente an eine grüne Oase rief die Bemerkung Gerbings hervor, dass sich vor der Bebauung des Areals von Kollmar und Jourdan eine Wiese erstreckte, auf der an Waschtagen die Hausfrauen ihre Wäsche zum Trocknen ausbreiteten.

Durch den Stadtpark ging es zum nächsten stadtbekannten Denkmal, dem Schmuckmuseum im Reuchlinhaus, das vom Museumsarchitekten Manfred Lehmbruck entworfen wurde. Die Außenfassade des „Schmuckkästchens“, wie ein Kubus des Museums liebevoll genannt wird, mit seinen Rohglasplatten aus Industrieglas, verweist auf die Zeit der Mondlandung. „Mit etwas Fantasie kann durch eine künstlerische Interpretation auf den Glasplatten die Mondoberfläche erkannt werden“, betonte Gerbing. „Mich beeindruckt jedes Jahr aufs Neue, was Pforzheim an tollen Gebäuden zu bieten hat, obwohl es zum großen Teil im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Und immer wieder ist es ein strammer Zeitplan den man einhalten muss, um so viel wie möglich zu sehen,“ würdigte eine Besucherin und eilte auch schon zum nächsten Denkmal.