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Vernissage im Reuchlinhaus: Ursula Schuerle (vorne) und Regina Poerschke schauen sich die Bilder von Bernhard Friese an. Foto: Tilo Keller
Vernissage im Reuchlinhaus: Ursula Schuerle (vorne) und Regina Poerschke schauen sich die Bilder von Bernhard Friese an. Foto: Tilo Keller
Sie machten die Fotos vom Technisches Rathaus in Pforzheim: (von links) Winfried Reinhardt, Silke Helmerding, Rosemarie Kraus und Bernhard Friese. Foto: Tilo Keller
Sie machten die Fotos vom Technisches Rathaus in Pforzheim: (von links) Winfried Reinhardt, Silke Helmerding, Rosemarie Kraus und Bernhard Friese. Foto: Tilo Keller
30.10.2016

Technisches Rathaus: Ein umstrittener Bau wird zur Augenweide

Pforzheim. Für die einen ist es ein architektonisches Meisterwerk und ein wichtiges Kulturdenkmal. Für die anderen ist es das Paradebeispiel eines Sanierungsstaus, das einer positiven Entwicklung der City im Wege steht. Dieses kommunalpolitische Spannungsfeld macht die am Sonntag eröffnete Schau in der „Galerie zum Hof“ im Reuchlinhaus hochbrisant. Absolut sehenswert sind die Aufnahmen des Technischen Rathauses zweifelsohne.

Umfrage

Die Bausubstanz des Technischen Rathauses ist marode. Was tun?

Abreißen und Platz machen für einen Neubau 54%
Sanieren und als Denkmal bewahren 42%
Weiß nicht 4%
Stimmen gesamt 639

Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Methoden haben die Fotografen Silke Helmerdig, Rosemarie Kraus, Winfried Reinhardt und Bernhard Friese die bildschönen Seiten dieses sanierungsbedürftigen, unter Denkmalschutz stehenden Baus in der östlichen City herausgearbeitet. „Er hat für seine Gebäude gelebt und jedes Detail geplant“, berichtete im PZ-Gespräch Ursula Schürle, die Witwe des Erbauers, die mit dem Besuch ihre Wertschätzung für das Engagement der Initiatoren zum Ausdruck brachte: „Da habe ich alle Hochachtung.“ Rund 70 Besucher bevölkerten die Galerie, doch die Rathausspitze war nicht vertreten, vom Gemeinderat waren lediglich Florentin Goldmann (CDU) und Christof Weisenbacher (WiP) auszumachen. Das zeigt, welch heißes Eisen Kulturrat und Kunstverein da angepackt haben.

Es gehe darum, die Diskussion um Erhalt oder Abriss „hoffentlich noch einmal anzufachen“, sagte der Kunstvereinsvorsitzende Stefan Kagerhuber. Er mahnte – anders als bei der Hafner-Ansiedlung in Wimsheim oder bei der Windkraft in Büchenbronn, wo teils „ohne Fakten und mit Lügen“ argumentiert worden sei – einen fairen Diskurs an. Das 1956 entstandene Technische Rathaus sei als „herausragendes Gebäude seiner Zeit“ erhaltenswert, man dürfe aber die Entwicklungschancen der City-Ost nicht außer Acht lassen. Das Problem sei, dass man zu wenig Einblick in Planungen erhalte – potenzielle Investoren ließen sich nicht in die Karten schauen.

Ob „am Reißbrett“ eine neue Stadtmitte entworfen und Vorhandenes „abgeräumt“ werden müsse, zog Sibylle Burrer vom Kulturrat in Zweifel. Das Technische Rathaus sei eine „schlichte Schönheit“, die mit Altem und Neuem Rathaus ein „gewachsenes städtebauliches Ganzes“ bilde, der Stadt „Identität und Selbstbewusstsein“ gebe. Fotografin Helmerdig habe durch Mehrfachbelichtungen Bewegungen und Orte in zwei Aufnahmen gebannt, die versinnbildlichten, dass die Zukunft offen, nichts entschieden ist. Rosemarie Kraus arbeitet in Fotomontagen den sparsamen wie effektiven Umgang mit Formen und Baugliedern heraus. Laut Burrer fordern die Montagen dazu auf, Bekanntes neu wertzuschätzen. Winfried Reinhardt hat mit der Lochkamera die „innere Dynamik des Baukörpers“ festgehalten, der Bewuchs außen erinnere an einen verwunschenen Garten. Bernhard Frieses dokumentarische Fotografien setzen die Vielfalt der Räume in Szene – „Proportionen, in denen sich Menschen wohlfühlen können“, so Burrer.

„Was hat Denkmalschutz für einen Sinn, wenn Gebäude doch abgerissen werden?“, fragte Ursula Schürle am Rande der Eröffnung. Den Sanierungsstau sieht sie als hausgemacht: „Man hätte rechtzeitig anfangen sollen, die Substanz zu erhalten.“ WiP-Stadtrat Weisenbacher gestand, vor einer schwierigen Entscheidung zu stehen. Anders als große Teile seiner Fraktion, befürworte er das Projekt City-Ost. Doch er tendiere zum Erhalt, ziehe die Sanierungskosten infrage und halte eine andere Nutzung, etwa als Wohnraum, nicht für unmöglich. Wenn es doch zum Abriss komme, sollte der Neubau „etwas für unsere Zeit architektonisch Herausragendes sein – das wäre ein kleiner Trost.“ Auch CDU-Chef Goldmann weiß um die historische Bedeutung. Doch „was außen höchst interessant aussieht, ist für die Menschen, die darin arbeiten, weder angenehm noch zeitgemäß“. Gerade mit Blick auf den Brandschutz müsse man gut abwägen. Er hoffe, dass ein Investor – ähnlich wie beim Industriehaus – im Neubau die alte Form aufnehme. Kagerhuber sagte der PZ, dass Kulturverein und -rat über eine weitere Diskussionsveranstaltung nachdächten – „aber nur, wenn wir Neuigkeiten auf den Tisch kriegen“.

Das sind die Zahlen

Nach PZ-Informationen geht die Stadtverwaltung fürs Technische Rathaus von Sanierungskosten in Höhe von 24,1 Millionen Euro aus. Bei Abriss und Neubau durch einen Investor und dann zu mietende Verwaltungsbüros sei mit 11,7 Millionen zu rechnen. Die Stadt müsste 12,4 Millionen Euro weniger ausgeben – zu schweigen von privaten Folgeinvestitionen im dreistelligen Millionenbereich und positiven Auswirkungen auf die Stadt, die die Verwaltung durch das Projekt City-Ost erwartet. Wie berichtet, hat das Landesamt für Denkmalschutz den städtischen Antrag auf Abriss abgelehnt. Stimmt der Gemeinderat zu, kann unter Verweis auf wirtschaftliche Aspekte beim Karlsruher Regierungspräsidium ein Abbruchantrag gestellt werden. Keiner der sieben potenziellen Investoren für die City-Ost hat überzeugende Pläne zur Integration des Gebäudes in den Gesamtentwurf vorgelegt. erb