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Traditioneller Neujahrsgruß der Löblichen: Referent Hendrick Stössel (Mitte) mit den Obermeistern Christoph Mährlein (links) und Claus Kuge, der ein „Singerlaible“ in Händen hält. Foto: Ketterl
Traditioneller Neujahrsgruß der Löblichen: Referent Hendrick Stössel (Mitte) mit den Obermeistern Christoph Mährlein (links) und Claus Kuge, der ein „Singerlaible“ in Händen hält. Foto: Ketterl
06.01.2017

Theologe Hendrik Stössel gibt Einblicke in die Gedanken Martin Luthers

Pforzheim. Nach der Tagesordnung, den Reden der Obermeister, der Entlastung des Vorstands folgt bei der Hauptversammlung der Löblichen ein Vortrag, bevor das Singermahl den Tag beschließt. Im Lutherjahr sprach gestern Hendrik Stössel über dessen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Der frühere Dekan und promovierte Theologe wirkt heute als theologischer Referent der Evangelischen Landeskirche in Baden an der Europäischen Melanchthon-Akademie in Bretten.

Er gab den Zuhörern einen Einblick in den Freiheitsbegriff des Reformators und die Gedanken hinter der bekannten Formel „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Stössel richtete den Blick auf die Unterschiede zum gängigen Freiheitsbegriff der Gegenwart, geprägt durch Idealismus und Aufklärung. Sähen Denker wie Friedrich Schiller den Menschen ungeachtet aller Hilfebedürftigkeit von Geburt als frei an – „und würd’ er in Ketten geboren“ –, kann die Freiheit eines Christen nach Luther nur von Gott, vom Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus kommen. Eine Freiheit von Angst und Zweifeln. „Der Christenmensch soll in großer Entspanntheit tun, was nötig ist“, so Stössel. Aus dem guten Mensch kommt nach Luther die gute Tat – nicht die gute Tat mache den guten Menschen.

„Freiheit ist anstrengend“

Stössel bleibt nicht im Historischen, sondern blickt kritisch auf die Bilanz des 20. und 21. Jahrhunderts, auf Leid und Zerstörung, auf aus seiner Sicht vertane Chancen bei Fragen wie Klimawandel oder Weltwirtschaftsordnung – und auf den Lebensalltag jedes Einzelnen, von Wertegerüsten, die inmitten äußerer Freiheit von innerer Unfreiheit zeugen. Vom Vorrang des Geldes, des Prestiges. „Ich habe nicht wenige beerdigt, die sich sprichwörtlich zu Tode gearbeitet haben“, sagte Stössel. Er erinnert auch an die Gefahren einer – vermeintlichen – absoluten Freiheit, scheinbar unbegrenzter Auswahl an persönlichen Entscheidungen, die ohne Festlegung, etwa bei der Berufswahl, fruchtlos bleibt. Hier wie da gelte: „Freiheit ist ohne Bindung nicht zu haben.“ Doch „nicht wenige verweigern sich der Anstrengung der Freiheit“.