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Das „Tiny House“ wird in eine Plane verpackt und geht weiter auf Deutschland-Tour. Foto Tilo Keller
Das „Tiny House“ wird in eine Plane verpackt und geht weiter auf Deutschland-Tour. Foto Tilo Keller
Abschluss-Brunch vor dem Mini-Haus: Fabian Faylona wohnte zwei Wochen lang auf dem Marktplatz. Foto: Tilo Keller
Abschluss-Brunch vor dem Mini-Haus: Fabian Faylona wohnte zwei Wochen lang auf dem Marktplatz. Foto: Tilo Keller
10.06.2019

Tschüss, Tiny House! – Wie ein Experiment einen Studenten verändert hat

Am Sonntag war großer Abschluss-Bruch mit Besuchern, am Montag dann der Abbau: Das Tiny House ist wieder vom Marktplatz verschwunden. Was bleibt, erzählt Fabian Faylona, der sich für sein Studium auf das Experiment einließ, zwei Wochen lang konsumfrei in dieser Miniatur des Dessauer Bauhaus-Gebäudes zu leben.

Weil ihm Höflichkeitsfloskeln zu viel Distanz schaffen, bevorzugt er das Duzen.

PZ: Fabian, 15 Tage auf 15 Quadratmetern mitten auf dem Marktplatz – bist Du froh oder traurig, dass es nun vorbei ist?

Fabian Faylona: Einerseits bin ich froh, dass ich nun Zeit habe, all die Eindrücke zu verarbeiten. Das Experiment war sehr intensiv, ich habe mit so vielen Menschen geredet. Traurig bin ich, weil es jetzt keine solche Institution mehr in der Stadt gibt. Das wäre mein Wunsch: ein dauerhafter Ort, an dem Geld keine Rolle spielt, zu dem man geht, um etwas zu bauen, Freunde zu treffen, sich auf Augenhöhe auszutauschen.

PZ: Was viele unserer Leser beschäftigte: Hattest Du gar keine Angst? Gab es unheimliche oder gar gefährliche Situationen?

Fabian Faylona: Gefährlich war es gar nicht. Angst hatte ich auch keine. Ein paar Mal kamen Betrunkene vorbei und haben mich angesprochen. Aber wenn man standhaft ist und klar vermittelt, dass zum Beispiel jetzt gerade keine Besuchszeit ist, dann verstehen die meisten das auch. Es hat mich selbst überrascht, dass kein Einziger mir gegenüber aggressiv aufgetreten ist. Wenn man alles, was man über die Menschen und die Welt zu wissen meint, über soziale Medien oder aus dritter Hand erfahren hat, ergibt sich ein viel schlimmeres Bild, als es tatsächlich ist. Es waren so viele Leute da, mit unterschiedlichster religiöser oder politischer Prägung, die meinem Denken teils widersprach. Aber ich wollte nie belehren, sondern habe meine Ansichten einfach vorgelebt. Wer unmittelbar mit Menschen in Kontakt tritt, wird überrascht sein, wie positiv und freundlich die Begegnungen sind. Und er wird bemerken, wie viele unbewusste Vorurteile man hat.

PZ: Schüler, die Dich besuchten, stellten kluge Fragen. Lebt der, der auf Geld verzichtet, nicht auf Kosten anderer? Oder: Wie sollte man mit diesem Lebensstil eine Familie ernähren?

Das sind sehr anspruchsvolle Fragen, auf die ich keine ultimativen Antworten habe. Aber ich arbeite ja mit Abfallmaterialien, die die Gesellschaft schon als wertlos eingestuft hatte. Und ich bin zwar ganz gerührt davon, wie viele liebe und fürsorgliche Menschen mir Essensspenden vorbeigebracht haben, aber ich lebte ja nach dem Foodsharing-Prinzip – alles, was ich nicht brauchte, stellte ich anderen zur Verfügung. Den Freiraum, den ich mir schaffte, nutzte ich, um der Gesellschaft etwas zurückgeben: eben diese Institution, die ich zwei Wochen lang betrieben habe. Ich persönlich habe auch keinen Zweifel daran, dass man mit dem geldfreien Lebensstil Kinder ernähren könnte. Aber die Frage ist: Welche Perspektive möchte ich meinem Kind bieten, ohne ihm meinen Stil aufzuzwingen? Man möchte einem Kind ja alle Möglichkeiten offenhalten, und der generelle Lebensstil in unserer Gesellschaft ist nun einmal von Arbeit und Geld geprägt. Ich bin für einen weniger dogmatischen Ansatz. Man sollte bei allem, von dem man denkt, dass man es braucht, überlegen: Brauche ich es wirklich? Und sich dann fragen, ob man es sich auch ausleihen, es eintauschen oder irgendwie umsonst bekommen kann.

PZ: Hat Dich dieses Experiment verändert?

Fabian Faylona: Auf jeden Fall! Wenn man es pathetisch sagen wollte, habe ich den Glauben an die Menschheit wiedererlangt. Was ich meine: Im unmittelbaren Austausch sieht man das Schöne an jedem Menschen. Ich trete jetzt Fremden mit einer sehr viel positiveren Grundeinstellung gegenüber und bin fest überzeugt, dass das auch Positiveres anzieht und das eigene Leben schöner macht. Und es gibt mir großes Selbstbewusstsein, zu wissen, dass ich nicht ins Nichts falle, sollte ich mal keinen Job oder kein Geld haben. Man kann in jeder Situation bestehen, solange man gut mit seinen Mitmenschen umgeht. Das gibt einem Freiheit, etwa einen Job, der einem nicht gefällt, nicht annehmen zu müssen, oder einfach zu gehen, wenn ein Arbeitgeber mir gegenüber total respektlos ist.

Mehr lesen Sie am Dienstag, 11. Juni, in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.

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