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Rocker kontra Türsteher - Hells Angels, United Tribuns, Black Jackets, Gremium, Red Legion

Am Tatort sichern Polizeibeamte Spuren der Bluttat im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses an der Jörg-Ratgeb-Straße./PZ-Archiv
Am Tatort sichern Polizeibeamte Spuren der Bluttat im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses an der Jörg-Ratgeb-Straße./PZ-Archiv
06.03.2017

Um Haaresbreite überlebt: Anklage wegen versuchten Totschlags

Ende September 2016 treffen zwei Brüder wenige Meter von der Enz entfernt am Mittag im Hinterhof einer Wohnanlage im Herzen der Stadt aufeinander. Es ist der Geburtstag des Angeklagten Stefan V. Sein älterer Bruder Andreas (alle Namen geändert) hatte ihm per WhatsApp gratuliert, dafür allerdings von Stefan keinen Dank sondern Beschimpfungen erhalten. Aber auch er hält sich damit nicht zurück. Schließlich fährt er nach Pforzheim und verkündet Stefan, dass er nun da sei. Dieser schnappt sich auf dem Weg nach unten, eigenen Angaben zufolge, ein etwa acht Zentimeter langes Springmesser vom Wohnzimmertisch.

Im Hof schließlich kommt es zu einem Gerangel, Andreas steckt vier Schläge in Bauch- und Brustgegend ein – so denkt er. Als er schließlich Stefan zu Boden gerungen, in den Schwitzkasten genommen und kurzzeitig in eine Ohnmacht gewürgt hat, wird ihm klar, dass er blutet. Sein ganzer Oberkörper ist voller Blut. Ein Messer, dass er in der durch die Ohnmacht locker gewordenen Hand des Bruders gefunden habe, habe er im Hof in Richtung Tor geworfen, dann sei er in sich zusammen gesackt.

Als Stefan wieder klar wird, realisiert er, was er getan hat. Spurtet in seine Wohnung im ersten Stock, wo zwei Freunde auf ihn warten und weist sie an, einen Krankenwagen zu alarmieren. Sofort begibt er sich zurück in den Hof, verwendet das T-Shirt seines Bruders als auch das eigene, um die Wunden an Bauch, Brust und dem Rücken abzudrücken. Eine Nachbarin wirft Kühlakkus herunter. Die letzten Sekunden der Auseinandersetzung hat sie mit ihrem Smartphone aufgezeichnet, weil sie das Messer gesehen habe, wie sie später bei der Polizei aussagt.

Wenige Minuten vergehen, bis der erste Streifenwagen am Tatort eintrifft und Stefan den Beamten gesteht, dass er auf seinen Bruder eingestochen hat. Die Tatwaffe allerdings ist bis heute verschollen.

Die große Frage nach dem Warum blieb am ersten Verhandlungstag vor dem Schwurgericht in Karlsruhe teilweise schleierhaft. Dort muss sich Stefan V. wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung verantworten. Seit langem habe ein Streit zwischen den beiden geschwelt, der sich nach Aussage des 36 Jahre alten Angeklagten vor allem um einen Geldbetrag von rund 11 000 Euro, aber auch um lange Jahre vorausgegangene Demütigungen und Provokationen durch seinen Bruder gedreht habe.

Im Jahr 2008, so sagten er als auch seine Mutter gestern aus, habe er Andreas diesen Betrag geliehen, um sich eine Harley zu kaufen. Den Rest der fast 20 000 Euro habe seine Mutter zugeschossen. Beide hatten einen jeweils bestehenden Kredit aufgestockt und keine schriftliche Vereinbarung mit Andreas getroffen, und beide sagen aus, dass sie bis heute nichts von dem Geld zurückerhalten hätten.

Andreas allerdings sieht das anders, behauptet, sein Bruder habe ihm lediglich etwa 3000 bis 4000 Euro gegeben, die Mutter gar nichts. Die wiederum wird in ihrer Aussage vom Richter nach dem Verhältnis zu Andreas gefragt und gibt an, mit ihm nichts mehr zu tun haben zu wollen. Auf die Frage, ob sie wisse, wozu Andreas eine Harley gebraucht habe, sagt sie bestimmt: „Selbstverständlich! Wenn man heutzutage zu den Hells Angels will, dann braucht man eine Harley.“

Motorrad und Schulden hin oder her, Andreas V. ist an diesem 22. September knapp mit dem Leben davon gekommen. Ein Stich hatte nur um Millimeter das Herz verfehlt, seine Lunge konnte noch im Krankenwagen stabilisiert und auch die anderen Stichwunden ohne bleibende Folgeschäden versorgt werden.

Die Verhandlung wird am Mittwoch im Landgericht in Karlsruhe fortgesetzt.