760_0900_113412_123572406.jpg
Wer derzeit mit Kind und Kegel im Homeoffice sitzt, kann gute Tipps sicherlich gebrauchen.  Foto: dpa-Archiv 

Und plötzlich sind alle daheim: Wie Familien nun klarkommen - Acht Tipps vom Leiter der Beratungsstelle

Pforzheim. Die wenigsten Familien sind es gewohnt, dass alle Mitglieder gleichzeitig zu Hause sind. Und dann fehlen auch noch die Rückzugsmöglichkeiten. Da kann es schon einmal zu Konflikten kommen. Tom Handtmann, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und deren Familien aus Pforzheim, hat der PZ einige Tipps verraten, wie Familien nicht den Lagerkoller bekommen. Oft hilft es schon, sich darauf einzustellen, dass es Reibungen geben wird.  

Dem Tag eine Struktur geben: Das bedeutet: klar definierte Arbeitszeiten für die Eltern und festgelegte Lern- und Spielzeiten für die Kinder und Jugendlichen. Außerdem geregelte Onlinezeiten – im besten Fall für alle. Handtmann, diese Woche selbst im Homeoffice, ist zur gewohnten Zeit aufgestanden, hat zur selben Uhrzeit wie sonst mit der Arbeit begonnen. „In der derzeitigen Situation verlieren wir viele gewohnte Rituale“, so der Diplom-Psychologe. „Durch eine gewisse Struktur gewinnen wir ein Stück Kontrolle zurück.“ Empfehlenswert seien darüber hinaus Regeln in der Familie samt einer klaren Aufgabenverteilung, etwa wer kocht und wer den Hamsterkäfig putzt.

Mit den Kindern reden: Es ist ein Unterschied, ob man freiwillig zu Hause bleibt, oder aber, weil es einem auferlegt wurde. „Letzteres ist schwieriger auszuhalten“, sagt Handtmann. „Wenn man darin aber ein sinnvolles Moment entdeckt, fällt es leichter.“ So könnten Eltern dem Nachwuchs erklären, dass man mit diesem Verhalten die Großeltern schütze.

Coronafreie Zeit einführen: Über Corona reden ja, aber nicht rund um die Uhr. Handtmann hilft Musik beim Abschalten. Er rät Eltern, Zuversicht zu leben, die sich dann auf die Kinder übertrage. „Wenn ich mich nur mit meiner Angst beschäftige, stecke ich meine Kinder damit an.“ Besser, man übertrage Optimismus.

Die Zeit nutzen: Handtmann hat viele Ideen für Familien parat, wie sie die gewonnene Zeit gestalten können. Ausmisten zum Beispiel, das habe etwas Befreiendes. Mit den Kindern alte Brett- und Kartenspiele hervorkramen, basteln oder ein Insektenhotel bauen. Zudem ermuntert er insbesondere junge Menschen, sich wieder längeren Texten zu widmen. Wie wäre es mit einem guten Buch? „Und dann ist ja so viel Mehl gekauft worden, damit könnte man ja nun backen“, so der Psychologe mit einem Augenzwinkern.

In Bewegung bleiben: Auch wenn die Bewegungsfreiheit derzeit deutlich eingeschränkt ist, ist Handtmann froh, dass es keine Ausgangssperre gibt. Er empfiehlt, in Bewegung zu bleiben, etwa durch einen Spaziergang. Frische Luft und Sonnenschein seien eine Wohltat. Zudem beuge man durch das helle Licht depressiven Gedanken vor. Außerdem schlägt er ein Workout mit den Kindern vor. Entsprechende Apps und Videoanleitungen erleichtern das gemeinsame Yoga oder Tanzen. „Körperliche Bewegung hält einen auch geistig in Bewegung und seelisch in Balance“, so Handtmann.

Kontakt halten: Der Psychologe empfiehlt, öfter mit Freunden und Verwandten zu telefonieren oder zu skypen, auch wenn dies vor allem die Jugendlichen gar nicht mehr gewohnt seien. Doch ein Telefonat sei lebendiger als der WhatsApp-Chat, schaffe eine engere Bindung.

Langeweile zulassen: „Wir müssen Kinder nicht andauernd unterhalten, damit es ihnen nicht langweilig wird“, so Handtmann. Dies geschehe leider auch im Alltag viel zu oft. „Langeweile ist wichtig“, ist der Experte überzeugt. Diese rege das Gehirn an, die Leute würden wieder kreativ. „Da kommen Ideen auf, wie man sich beschäftigen kann, auf die man unter normalen Umständen nicht gekommen wäre.“ Um diesen ungestört nachgehen zu können, gelte es, Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen.

Das Positive sehen: Handtmann findet, es sollte nicht vergessen werden, dass die Zeit zu Hause auch etwas Gutes hat. „Die Situation sorgt für Entschleunigung“, so der Fachmann. „Wir haben mehr Zeit für das Miteinander.“ Und man besinne sich in diesen Zeiten auf das Wesentliche.

Die Beratungsstelle ist montags bis freitags von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr telefonisch unter (0 72 31) 28 17 00 erreichbar. Onlineberatung ist auf www.beratung-pf.de möglich.

Anke Baumgärtel 2

Anke Baumgärtel

Zur Autorenseite