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Diskutieren miteinander: Anita Gondek, Fereshteh Mohammadi, Jürgen Sczepanek, Dorothea Wirag, Raya Daoud, Norman Gutscher, Marscel Zalfa und Astrid Kehder-Mürrle (von links).  Foto: Roller 

Ungewöhnliche Orte der Zuflucht: Migranten und Flüchtlinge berichten im Interkulturellen Salon von Integrationserfahrungen

Pforzheim. Schon in Damaskus hatte Raya Daoud studiert: Betriebswirtschaftslehre im Bereich Versicherung und Banken. Als die junge Frau 2016 nach Deutschland kam, änderte sich alles für sie: Wegen der Sprachbarriere durfte sie nicht sofort arbeiten. Daoud absolvierte Deutschkurse und begann eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau. Probleme bereiteten ihr nicht nur die vielen Fachbegriffe, sondern auch der Umstand, dass die übrigen, zum Teil deutlich jüngeren Auszubildenden ihr gegenüber zunächst nicht gerade aufgeschlossen waren.

Als sie Dorothea Wirag traf, änderte sich alles: Sie übernahm eine Ausbildungspatenschaft für die junge Syrerin und versuchte, ihr Mut zu machen. Sie ging ehrlich mit ihr um und zeigte ihr, wie sie Freunde finden kann. Auch wenn sich Wirag mit Versicherungswesen überhaupt nicht auskennt, schafften es die beiden, ein Referat über Online-Marketing im Versicherungswesen zu erstellen. Am Montagabend sitzen sie auf der Bühne des Stadttheaters und berichten im Interkulturellen Salon über ihre Erfahrungen. Dort hat auch Marscel Zalfa einiges zu erzählen: Seit sieben Jahren lebt er mittlerweile in Deutschland. Aktuell studiert er in Karlsruhe Chemie auf Bachelor. Sein Traum ist die Promotion. Astrid Kehder-Mürrle kennt Zalfa schon seit einigen Jahren. Nachdem die pensionierte Lehrerin schon seine Schwester erfolgreich zur Fachhochschulreife geführt hatte, unterstütze sie Zalfa in den Fächern Deutsch und Geschichte. Denn er und seine Geschwister waren es in ihrem Heimatland nicht gewohnt, fiktionale Texte zu lesen, geschweige denn sie zu interpretieren. „Frau Astrid ist wie eine zweite Familie für uns“, sagt der Student und erklärt, die Lektüre der Texte habe ihn dazu gebracht, die deutsche Kultur zu verstehen. „Wenn sich hier jemand integrieren will, dann soll er unbedingt den ,Faust‘ lesen.“ Auf dem besten Weg zur Integration ist auch Fereshteh Mohammadi: Nachdem sie bei Mahle Behr in Mühlacker ein Praktikum für die Einstiegsqualifizierung absolviert hatte, bot ihr die Firma eine Ausbildung zur Fachlageristin an. Sie sagte sofort zu, obwohl sie gar nicht wusste, was eine Fachlageristin ist. „Ich war nur froh, dass ich bei der Firma Mahle überhaupt eine Ausbildung machen durfte.“ Mohammadi legte sich ins Zeug und schloss mit 1,7 so gut ab, dass sie noch ein drittes Lehrjahr für die Fachkraft zur Lagerlogistik dranhängen durfte. Firmen seien schon immer Orte der Integration gewesen, sagt die städtische Integrationsbeauftragte Anita Gondek und bezieht das auch auf das Pforzheimer Traditionsunternehmen G. Rau, das im Jahr 2016, in der heißen Phase der Flüchtlingskrise, nach Mitarbeitern für die Produktion suchte und vier Flüchtlinge einstellte.