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Wie es mit dem Unteren Enztal weitergeht, ist mit einem Fragezeichen behaftet. Jürgen Ransiek, Leiter des Wichernhauses, will so viele Menschen wie möglich aus der Siedlung herausholen.
16.04.2010

Unteres Enztal: „Ein vergessener Stadtteil“

Ob die Kommune eine Obdachlosensiedlung braucht, darüber diskutiert der Jugendhilfeausschuss am Donnerstag. Für Jürgen Ransiek, Leiter des Wichernhauses, ist klar: Mittelfristig müssen die Betroffenen dezentral in der Stadt untergebracht werden. Über Mindeststandards beim Wohnen sprach PZ-Redakteurin Martina Schaefer mit dem 59-Jährigen.

Bildergalerie: Leben in der Obdachlosensiedlung im Eutinger Tal

PZ: Um die Zukunft des Unteren Enztals geht es am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss. Braucht die Kommune eine Siedlung mit Notunterkünften?
Jürgen Ransiek: Die Siedlung gibt es seit den 50er-Jahren und wird mangels momentan verfügbarer Alternativen als letzte Basis für die ordnungsrechtliche Unterbringung von Menschen ohne Unterkunft benötigt. Wir plädieren aber langfristig für die Unterbringung dieser Menschen, verteilt im Stadtgebiet und begleitet von einem Sozialarbeiter. Unverzichtbar sind menschenwürdigen Unterkünfte auch für Menschen, die aus jeder sozialen Kategorie herausfallen. Wir dürfen den Einzelnen in seiner Bedürftigkeit nicht aufgeben.

Bildergalerie: Obdachlosensiedlung im Unteren Enztal

PZ: Wie stehen Sie zur Überlegung der Stadtverwaltung, das Wichernhaus als Träger der Obdachlosenhilfe von der Westlichen ins Eutinger Tal zu verlegen, um eingewiesene Menschen dort besser zu versorgen?
Ransiek: Dies scheint die Verwaltung in der Tat zu überlegen. Das geht aus der Beilage für den Jugendhilfeausschuss hervor. Mir erscheint das aber nicht sinnvoll, denn unsere Obdachlosen-Einrichtung ist im Stadtteil voll integriert.Von dort aus betreuen wir als Wohnungslosenhilfe unsere Klienten, die dezentral untergebracht sind. Das Wohnen in einer Wohnung und nicht im Heim oder Siedlung dient unserer Meinung nach der Integration ehemals wohnungsloser Menschen.

PZ: Die Stadtverwaltung will die Siedlung verkleinern. Welchen Standard brauchen die verbleibenden Notunterkünfte,um eine menschenwürdige Unterbringung zu gewährleisten?
Ransiek: Da wir die Siedlung momentan brauchen, müssen die Unterkünfte im Eutinger Tal auf ihren baulichen Zustand hin überprüft und vermutlich grundsaniert oder neu gebaut werden. Diese Neubauten müssen dem Standard von Normalwohnungen entsprechen, damit sie später mal vermietet werden können.

PZ: Notunterkünfte sollen nach dem Polizeigesetz Menschen lediglich sechs Monate lang in einer Krisensituation als Überbrückung dienen. Mancher lebt dort aber schon seit vielen Jahren, oft mit psychischen Auffälligkeiten oder alkoholkrank. Das Wichernhaus soll die Bewohner betreuen und beim Wegzug helfen. Wieviele Bewohner kämen in einem normalen Wohnumfeld zurecht?
Ransiek: Das wissen wir nicht genau, weil wir bislang nur ein Drittel der Bewohner befragen konnten. Die Siedlung war bislang ein vergessener Stadtteil. Was jetzt stattfindet, ist eine gesellschaftliche Bewegung, mit der öffentlichen Meinung, dass es dort so nicht bleiben kann. Nicht zu unterschätzen ist aber der Anteil an Menschen, die sich in diesem Wohnumfeld gut eingerichtet haben. Diese Menschen haben sich eine Wohn- und Lebenskultur erarbeitet. Warum sollten sie ihr Zuhause aufgeben? Auch die für unsere Wahrnehmung auffälligen Menschen leben dort und dies seit Jahren. Aber sie leben dort, selbstbestimmt, befriedet im sozialen Umfeld und mit sich selbst. Könnte ein normales Wohnumfeld diesen Menschen diese Lebensqualität bieten?

PZ: Das Ziel der Kommune muss trotzdem Integration dieser Menschen sein. Was kann dafür getan werden, sie aus der Isolation der Siedlung zu holen?
Ransiek: Integration ja, aber wohin, in welches soziale Wohn-Umfeld, möglicherweise gegen den Widerstand des Betroffenen? Eine Zwangsumsiedlung ? Hier muss für jeden Bewohner eine individuelle Beratung und tragfähige, verlässliche Hilfe angeboten werden. Wenn die Sanierung der Wohnungen abgeschlossen ist, spräche ja nichts dagegen, dass, wer dort eine Wohnung beziehen möchte, auch weiterhin dort wohnen kann, ein ganz normaler Vorgang. Wer wegziehen möchte, bekommt beratende und darum auch praktische Unterstützung.

PZ: Was soll aus Ihrer Sicht mit den 39 älteren Bewohnern zwischen 60 und 90 Jahren geschehen, die teilweise starke körperliche und psychische Einschränkungen haben?
Ransiek: Jegliche beratende und unterstützende Tätigkeit kann nur mit Zustimmung der Betroffenen passieren. In Grenzfällen etwa bei Selbst– oder bei Fremdgefährdung müssen die Behörden reagieren.