760_0900_90762_MIN_Freunde_4.jpg
Für die Ausbildung zum Freundschaftscoach kommen der Schulungsleiter für ganzheitliche Seelsorge Walter Nitsche, Expertin Sina Wagner sowie die Teilnehmer Laurence Huet, Jessica Werner, Fabienne Huet, Joelle Huet, Lukas Sommer, Jonathan Walenta, Jonas Gnoyke und Sandra Werner (von links) zusammen. Fotos: Ketterl
760_0900_90764_MIN_Freunde_1.jpg
Viel Gefragt und diskutiert wird bei der Ausbildung zum Freundschaftscoach – hier etwa Laurence Huet, Joelle Huet und Jonathan Walenta (von links).
760_0900_90763_MIN_Freunde_5.jpg
Geleitet wird die Ausbildung von Walter Nitsche.

Unterstützung in Notsituationen: Wie Jugendliche zu Freundschaftscoach ausgebildet werden

Mühlacker. In Mühlacker und Illingen werden Jugendliche und junge Erwachsene zu Freundschaftscoachs ausgebildet. Das heißt: Sie erfahren, wie sie Gleichaltrige in Notsituationen unterstützen können – etwa, wenn diese an einer Essstörung erkrankt sind, sich selbst verletzen oder beispielsweise an Alkohol- oder Internetsucht leiden.

Die Geschichte über Freundschaftscoachs kann man mit den bis zu 15 jungen Erwachsenen beginnen, die sich monatlich in Mühlacker treffen, um zu lernen, wie sie anderen in Zeiten der Not beistehen können. Oder mit Walter Nitsche, der diese Seminare in der Region ins Leben rief und mit seinem gepflegten weißen Bart wie ein Ratgeber aus dem Bilderbuch wirkt. Am besten aber lässt sich die Bedeutung des Projekts an einer Frau erkennen, die die Gruppe nur an diesem einen Freitagabend besucht, an dem auch die PZ zu Gast ist: Sina Wagner. „Löchert mich“ fordert die 22-Jährige die Freundschaftscoachs in spe gleich zu Beginn auf. Und doch herrscht zunächst einmal Schweigen – und gespanntes Zuhören – als sie erzählt, wie es war, an Bulimie zu leiden. Wie es sie einerseits stolz machte, hungrig ins Bett zu gehen, „weil es mir das Gefühl gab, endlich etwas geschafft zu haben“. Wie sie aber andererseits auch Schuldgefühle, Ekel und Selbsthass verspürte. „Ich habe mir immer niedrigere Tagesziele gesetzt“, blickt sie zurück. „Irgendwann waren es nur noch 400 Kalorien – das sind vier Äpfel.“ Ein gesundheitsschädlicher, auf Dauer potenziell tödlicher Minuswert. Nach diesen persönlichen Einblicken brechen die Zuhörer im Mühlacker Gruppenraum schnell ihr Schweigen. Es folgen Fragen. Viele Fragen. Was löst eine Essstörung aus? Wann ist es nur normaler Heißhunger, viel zu essen, wann eine krankhafte Esssucht? Und vor allem: Wie spreche ich Freunde darauf an?

Liebe, Annahme, Wertschätzung

„Seht euch selbst nicht als Therapeut, wenn ihr auf einen Betroffenen zugeht“, rät Wagner, die bei Walter Nitsche die Ausbildung in ganzheitlicher Seelsorge absolvierte und mit dem sie bis heute befreundet ist. „Versucht nicht, den Schmerz, der das auslöste, auf Biegen und Brechen rauszuschütteln. Begleitet die Person liebevoll, geht mit ihr dem Schmerz so Stück für Stück auf den Grund.“ Details können die Teilnehmer auch im begleitenden Seminarordner nachlesen. „Du kannst deinem Freund nichts abnehmen“, ist da etwa zu lesen. Und auch, dass man nicht kontrollierend werden solle – etwa, indem man Essen aufzwinge oder Süßigkeiten versteckte. Stattdessen: ein offenes Ohr haben, den beispielsweise magersüchtigen Freund nicht abwerten, sondern Verständnis zeigen. Und – wenn die Beziehung eng genug ist – gemeinsam versuchen, herauszufinden, was den Gegenüber wirklich bedrückt. „LAW“ ist das Kürzel, das Walter Nitsche in diesem Zusammenhang gerne anspricht. Liebevoll, voller Annahme und wertschätzend solle man seinem Gegenüber begegnen, sagt der Schulungsleiter der Arbeitsgemeinschaft seelsorglicher Berater.

Mehr lesen Sie am Samstag, 24. November, in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.