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Um den Verkehr in der Region und ganz Deutschland zukunftstauglich zu machen, ist der Staat gefragt. Und zwar mit Vehemenz.
Um den Verkehr in der Region und ganz Deutschland zukunftstauglich zu machen, ist der Staat gefragt. Und zwar mit Vehemenz. © fotolia.com © Rainer Fuhrmann
In manchen ländlichen Kommunen herrscht Verkehr auf Großstad-Niveau. Hier müssen viel mehr Umgehungsstraßen her.
In manchen ländlichen Kommunen herrscht Verkehr auf Großstad-Niveau. Hier müssen viel mehr Umgehungsstraßen her. © fotolia.com © Kara
Beim Ausbau der Stromtankstellen allein auf die Privatwirtschaft zu vertrauen, ist ein Fehler. Hier kann nur der Staat die nötigen Tatsachen schaffen.
Beim Ausbau der Stromtankstellen allein auf die Privatwirtschaft zu vertrauen, ist ein Fehler. Hier kann nur der Staat die nötigen Tatsachen schaffen. © fotolia.com © pureshot
11.09.2018

Verkehrsinfrastruktur in Pforzheim: Das sind die Baustellen der Zukunft

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Brummipiloten, Autofahrer, Radler und Fußgänger sind sich oft nicht eins. Was aber von allen Verkehrsteilnehmern gleichermaßen bemängelt wird, ist, dass Verkehrsinfrastruktur heute, höflich ausgedrückt, suboptimal ist – und damit sind nicht nur die Krater-artigen Schlaglöcher der Region gemeint. Der folgende Artikel kann deshalb auch als kleiner Pflichtenkatalog gesehen werden, von dem die Verantwortlichen gerne den einen oder anderen Punkt zeitnah abarbeiten können. Nicht nur bei uns, sondern deutschlandweit.

  1. Steuern zweckbinden

Eigentlich widerspricht es den Grundsätzen der bundesdeutschen Steuerpolitik: „Jeder Steuer-Euro fließt unabhängig von der Steuerart in die Gesamtmasse des Haushalts, aus dem wiederum alle Ausgaben finanziert werden“. Auf gut Deutsch: Steuern dürfen nicht zweckgebunden verwendet werden.

Allerdings befindet sich die Verkehrsinfrastruktur mittlerweile streckenweise in einem dermaßen desolaten Zustand, dass es an der Zeit wäre, von dieser Politik abzurücken. Einige Experten sehen aktuell einen Investitionsstau, der für zehn Jahre jährlich vier Milliarden Euro benötigt, um abgebaut zu werden. Das lässt sich nur auf eine Weise stemmen:

All diese Gelder sollten nicht im Bundeshalt aufgehen, sondern für einige Jahre dazu verwendet werden, a) die Schäden der Vernachlässigung zu beseitigen und b) besonders zukunftsträchtige Projekte zu finanzieren.

  1. Ortskerne entlasten

Die gute Nachricht: Das Bundesverkehrsministerium erwartet nicht, dass die Ausweitung der LKW-Maut zu einer Verlagerung des Güterverkehrs auf Land- und Dorfstraßen führen wird. Die schlechte Nachricht: Auch ohne diese (im Übrigen spekulative) Aussage ächzen die Anwohner selbst in kleinen Orten heute über Verkehrsbelastungen, die sich streckenweise Innenstadt-Niveau annähern.

Der Grund: Immer mehr Menschen ziehen hinaus auf die stadtnahen Dörfer. Das führt dazu, dass es dort alltäglich zu Verkehrslagen kommt, für die die dortige Verkehrsinfrastruktur niemals gedacht war – und zu einer von den Anwohnern zurecht beklagten Lärmbelästigung, die nichts mit „Jammern auf hohem Niveau“ zu tun hat.

Geld muss also in die Errichtung von Umgehungsstraßen und bessere Anbindung an bestehende Schnellstraßen fließen, damit auch morgen noch das Landleben ruhig und lebenswert ist und nicht dank des städtischen Verkehrsniveaus wie eine Art „Pforzheim nur ohne Geschäfte“.

  1. Leitsysteme ausbauen

Es ist ein Teil der Infrastruktur, von dem nicht wenige Politiker glauben, sie könnten hierbei ein paar schnelle Euros sparen. Die Rede ist von Leitsystemen oder besser: Schilder, Weg- und Hinweiser, Parkleitsysteme. Jeder Verkehrsteilnehmer hat unterschiedliche Ansprüche; Autofahrer benötigen andere Leitsysteme als Radfahrer und diese wiederum andere als Touristen.

Allen gemein ist, dass wirklich moderne Wege, um Verkehr systematisch zu leiten und seine Teilnehmer zu informieren, heute vielerorts jenseits der normalen Straßenschilder Mangelware sind. Der Grund: Leitsysteme, deren Errichtung, Wartung und Reparatur, kosten Geld. Ein massenhaft gefertigtes Straßenschild zwar nur niedrige zweistellige Beträge, doch bei Einzelanfertigungen zahlt der Staat auch schnell 300 und mehr Euros. So viel Kleinvieh macht Mist, den man sich mancherorts zu sparen glaubt – es besitzen ja 81% aller Deutschen ein Smartphone und damit automatisch auch ein Navigationssystem sowohl fürs Auto wie zu Fuß.

Doch so läuft es nicht. Ein Staat kann sich nicht nur darauf verlassen, dass schon alle, die in einer Stadt unterwegs sind, Google Maps geöffnet haben. Leitsysteme, insbesondere mit zukünftigen Mobilitätskonzepten, müssen daher ausgebaut statt klammheimlich abgebaut werden.

  1. Radfahrer mitnehmen

Die Vernunft, die Umwelt, der Geldbeutel und letztlich die Politik gebieten es, künftig wesentlich stärker aufs Fahrrad zu setzen. Und Projekte wie „Mehr Platz fürs Rad“ weisen auch den richtigen Weg. Aber oftmals sind sie nicht mehr als kleine Prestigeprojekte, die nur gut wirken.

In Wirklichkeit werden Radfahrer heute vielfach als „Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse“ behandelt. Das zeigt sich nirgendwo besser als bei Radwegen. Oft sind sie räumlich von der Fahrbahn getrennt; erhöhen so die Unfallrate und machen das Radeln unsicherer – falls sie nicht so merkwürdig geplant wurden, dass sie praktisch im Nichts beginnen und enden oder von Parktaschen blockiert werden.

Zudem führt dieses Konzept der Trennung zu einer Gefahr: Autofahrer gewöhnen sich nicht an die Präsenz von Radfahrern. Dort, wo dann dank der wirren Radwegführung wieder Radler auf der Fahrbahn auftauchen, passieren dann auch die Unfälle.

Ziel muss also sein, die Radwege generell gleichberechtigt zu den „normalen“ Fahrbahnen auszubauen und zu pflegen. Nicht nur entlang malerischer Freizeitradler-Routen, sondern vor allem dort, wo es darauf ankommt, dass Menschen das Rad ohne Gefahr für Leib und Leben zu ihrem Alltagstransportmittel machen können – inmitten der Städte und dazwischen.

 

  1. Stromtankstellen her – aber nicht privat

Seit vielen Jahrzehnten hat sich in Deutschland (und weltweit) das Prinzip der privat betriebenen Tankstelle bewährt. Und es war von Anbeginn an eine rein private Dienstleistung. Und so glauben sehr viele Politiker heute, dass sich nach dem gleichen Prinzip auch der Ausbau der Stromtankstellen von selbst einstellen werde, sobald erst einmal die Zahlen der sie benötigenden Fahrzeuge steigen.

Leider funktioniert dieses Prinzip jedoch nicht. Die Stromtankstelle, selbst bei Schnellladekonzepten, ist kein „Hinfahren-Wegfahren“-Konstrukt. Sie benötigt Zeit und Raum, damit Autofahrer ihre Akkus laden können. Das zentralisierte Prinzip der ca. 14.000 Tankstellen in Deutschland lässt sich nicht auf Elektrofahrzeuge umlegen. Das braucht dezentrale Struktur, braucht verstromte Parkplätze, Straßenlaternen mit Stecker, braucht Systeme (womit wir wieder bei Leitsystemen wären), die verhindern, dass Verbrenner die Stromer-Tankplätze zuparken.

Das alles benötigt einen staatlichen Eingriff und natürlich auch das einmalige In-Die-Hand-Nehmen von viel Geld. Aber nur wenn die Infrastruktur bereitsteht, wenn man nicht stundenlang suchen muss, kann der Staat auch erwarten, dass die Verbraucher seine hochgesteckten Ziele des Mobilitätswandels auch mittragen. 

  1. Pendler beim ÖPNV mitnehmen

Bei vielen Politikern und noch mehr Aktivisten herrscht ein Irrglaube vor. Der, nachdem angenommen wird, dass nur deshalb heute noch so viele Pendler aufs eigene Auto setzen, weil der öffentliche Personennahverkehr so teuer wäre. Dementsprechend laut und regelmäßig sind auch die Rufe „wir brauchen kostenlosen ÖPNV“.

In der Realität sieht es jedoch folgendermaßen aus:

  • Die Städte, die als Testobjekt vorgesehen sind (unter anderem Reutlingen), wehren sich teilweise vehement dagegen
  • Die meisten kostenlos-Modelle sehen einfach nur eine Umwandlung des bestehenden ÖPNV in ein kostenloses Angebot vor

Dabei geht die Sache meilenweit an der Realität vorbei: Pendler stören nicht so sehr die Kosten des ÖPNV, wie es dessen absolut nichtvorhandene Konkurrenzfähigkeit in Sachen Lebenszeit tut. Nein, man kann natürlich nicht erwarten, vor der Haustüre vom Bus abgeholt und vor seinem Arbeitsplatz abgesetzt zu werden; das macht aber auch niemand.

Aber wenn man mit dem Auto für die Strecke von zuhause bis zum Job 30 Minuten braucht und alternativ per ÖPNV wegen der schlecht abgestimmten Taktung, mehrfachen Umsteigens usw. 90 Minuten, dann ist die Sachlage für die meisten Menschen einfach klar.

Das Ziel muss also nicht lauten, den bestehenden ÖPNV einfach kostenlos zu machen, sondern ihn viel effizienter zu machen:

  • Mehr Haltestellen
  • Mehr Fahrzeuge
  • Engere Taktung
  • Bessere zeitliche Abstimmung zur Verminderung von Wartezeiten
  • Verringerung des Umsteigezwangs

Wenn man das geschafft hat, werden auch die Menschen umsteigen. Denn für die meisten ist das Selberfahren nur Mittel zum Zweck, um wenigstens noch etwas Freizeit haben zu können – und selbst im Stau verbringt die sich im eigenen Auto noch besser als an einer zugigen Bushaltestelle.

Fazit

Der Mobilitätswandel muss kommen. Allerdings darf man nicht nur die Hände in den Schoß legen, und hoffen, dass Markt und Verbraucher alles schon richten werden. Verkehrsinfrastruktur ist eine zentrale Aufgabe der Regierung. Und als solche ist es höchste Zeit, die Politik des ewigen Kleckerns aufzugeben und für einige Jahre richtig Geld in die Hand zu nehmen und zu klotzen.