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Eine Übung mit vielen Verletzten hat die Pforzheimer Feuerwehr im Oberen Enztal absolviert. © Ketterl
06.11.2010

Viele Verletzte im Oberen Enztal - Feuerwehr übt Ernstfall

PFORZHEIM. Großbrand im Industriegebiet Oberes Enztal, Herrenstriet-Siedlung evakuiert, 500 Helfer und 80 Fahrzeuge im Einsatz: Zum Glück war am Samstag von 9 bis 15 Uhr alles nur eine Übung.

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„Das war schon aufregend. Meldungen im Minutentakt. Eine schlimmer als die andere. Da bräuchte man die Arme eines Tintenfisches, um alle gleichzeitig bedienen zu können. Vieles musste improvisiert werden, aber immer mit Vorrang für die Menschenrettung“, sagte Feuerwehrkommandant Volker Velten.

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Das Grundkonzept sowie das Übungszenario wurden von Simon Ludäscher, Student an der Fachhochschule in Köln im Studiengang Rettungsingenieurwesen, im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit erstellt. Zu diesem Zweck absolvierte er im Frühjahr 2010 ein zweimonatiges Praktikum bei der Feuerwehr Pforzheim. Die weitere Detailplanung erfolgte mit allen im Bevölkerungsschutz mitwirkenden Organisationen.

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Die Galvanikfirma „Heimerle & Meule“ stellte ihr Betriebsgelände an der Denningstraße (Industriegebiet Oberes Enztal) zur Verfügung. Ausgehend von einer angenommenen Explosion in diesem Gewerbebetrieb mit anschließendem Brand, wurden mehrere Mitarbeiter der Firma unter Trümmerteilen verschüttet und eingeklemmt. Austretende Säure führte zu zusätzlichen Verletzungen. Der starke Brand breitete sich über die Lüftung rasch auf das Flachdach aus. Eine erhebliche Menge Rauch trat aus und zog in Richtung der Wohnsiedlung Herrenstriet ab. Durch die Wucht der Explosion wurden Teile im oberen Bereich der Westfassade herausgebrochen und beschädigten einen Druckgasbehälter. Es trat Schwefelwasserstoff aus, der je nach Witterungslage eine Gefahr für die Bewohner des Herrenstriets bedeutet hätte.

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Vorsorglich wurde die Siedlung evakuiert. Am südlichen Ende des Herrenstriets hatte eine Pfadfindergruppe mit zwölf Kindern im Alter von neun bis 13 Jahren und drei Betreuern ihr Zeltlager aufgeschlagen. Die Kinder befanden sich bei einem Versteckspiel im angrenzenden Wald. Im Einsatz war auch die Rettungshundestaffel, deren Hunde Verletzte aufspürten und die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, die eine Person aus der Enz rettete.

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Rund 20 von 200 Bewohnern im Bereich Herrenstriet übernahmen die Rolle als zu evakuierende Personen. Es ging darum, realistische Erfahrungen zu machen. Wie wichtig die Erkenntnisse bei einer Umsetzung sind, zeigte sich erst vor wenigen Wochen, als die Evakuierung eines Wohngebietes beim Kupferhammer zum Zweck einer möglichen Bombenräumung vorgeplant werden musste (die PZ berichtete). Erstmals wurde das Manf-Konzept (Massenanfall von Erkrankten und Verletzten) in Pforzheim umgesetzt und geübt. Das Rote Kreuz, das mit 172 Helfern und 42 Fahrzeugen im Einsatz war, baute ein Versorgungszelt für die Verletzten auf dem Messplatz auf. „Der Wind war am Samstag so stark, dass eine besondere Sicherung des Zeltes notwendig wurde und uns das Technische Hilfswerk glücklicherweise mit Sandsäcken ausgeholfen hat“, sagte DRK-Einsatzleiter Christof Fischer.

Volker Hohmann vom Technischen Hilfswerk, das mit den Ortsgruppen Niefern und Pforzheim vor Ort war, sagte: „Wir haben mit unserer Pumpe 348 000 Liter Wasser in der Stunde aus der Enz zur Brandbekämpfung entnommen – und wieder in den Fluss zurückgeführt.“

„Die Polizei leitete den Verkehr unter Federführung von Frank Krebs so um, dass einerseits die Übung nicht beeinträchtigt wurde, andererseits aber auch die wichtigen Betriebe im Industriegebiet angefahren werden konnten“, so Oliver Hiller von der Polizeidirektion Pforzheim.

Die ersten Erkenntnisse der Übung fasste Volker Velten zusammen: „Für die genaue Auswertung brauchen wir noch einige Monate, aber ich kann jetzt schon sagen, dass das Zusammenspiel von Feuerwehr, Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk, Bergwacht, Lebensrettungsgesellschaft, Notfallseelsorge und Notfallnachsorge, Bundeswehr, Rettungshundestaffel, Polizei und städtischer Ämter gut funktioniert hat. Wir sind technisch für einen Massenanfall von Verletzten ausgestattet.“ Auch aus dem Enzkreis und aus dem Landkreis Calw seien Fahrzeuge in die Übung einbezogen worden. Die Entnahme des Wassers aus der Enz habe hervorragend geklappt. „Weniger gut war die Funkverbindung. Da waren einfach zu viele Teilnehmer auf zu engem Raum beieinander, so dass es häufig zu Rückkoppelungen kam“, so Velten. Neben der Rettung und Versorgung von Menschen sowie der Schadensbekämpfung verfolgte die Stadt in ihrer Eigenschaft als untere Katastrophenschutzbehörde das wichtige Übungsziel, eine große Zahl von Helfern aus den unterschiedlichen Organisationen des Bevölkerungsschutzes zu führen und zu koordinieren. Auch die Krisenkommunikation und die Betreuung der Vertreter der Aufsichts- und Sonderbehörden gehörten zum Trainingsportfolio. Jetzt gelte es, die gemachten Erfahrungen der übenden Führungskräfte als auch die Dokumentation der Übungsbeobachter auszuwerten und für die künftige Gefahrenabwehrplanung sorgfältig aufzubereiten.