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23.10.2012

Voller Erwartung vor halbleerem Lager: Amazon

Pforzheim. «Work hard. Have fun. Make history.» Amazon ist ein sehr amerikanisches Unternehmen und das wird auch am neuen Standort Pforzheim sofort klar. Der Wahlspruch über harte Arbeit, die Spaß machen soll, hängt gleich im kargen Treppenhaus des gerade eröffneten Logistikzentrums - und in den Hallen geht es weiter.

Bildergalerie: Logistikzentrum des Versandriesen Amazon in Pforzheim

Englische Ausdrücke prägen die Arbeitsabläufe, durchmischen die Anweisungen von Standortleiter Alexander Bruggner. Es gibt Packer, die packen, Picker, die Waren aus den Regalen nehmen, Stower, die Ware einlagern, und vor allem harte Arbeit, sprich: «hard work».

Rund 110 000 Quadratmeter Fläche hat das sogenannte Fulfillmentcenter, Amazonsprech für: Standort. Es ist das neueste der nunmehr acht Logistikzentren, die der Online-Versandhändler in Deutschland in den vergangenen Jahren eröffnet hat. Jedes ist - gerne wird der Vergleich bemüht - etwa so groß wie 17 Fußballfelder. Hier allerdings noch ziemlich leere Felder, denn die deep shelves und high racks - Regale für Klein- und Großkram - füllen sich erst allmählich.

Von den zwei riesigen Warenlagern ist eines noch ganz leer und das andere noch nicht mal halbvoll. Warenpaletten stehen auf gelb umrandeten Parkplätzen, blaue Streifen kennzeichnen Fußwege, orangene die Fahrwege von Gabelstaplern und Handwagen. An großen, gelben Säulen hängen Besen, Handfeger und Schaufel.

«Ordnung und Sauberkeit - das ist bei Amazon ganz wichtig», erzählt Bruggner bei der Führung durch die mindestens zwölf Meter hohen Hallen. Leise ist es dort, quasi geruchlos und viel weniger automatisiert als man es erwarten würde. «Vieles passiert hier händisch. Das macht uns flexibler», erklärt Bruggner.

Rund 100 Mitarbeiter sind beim Versandriesen in Pforzheim inzwischen fest angestellt. Hinzu kommen rund 600 saisonale Kräfte, die für das Weihnachtsgeschäft in den kommenden Wochen nach und nach auf 2000 aufgestockt werden sollen. «Mehrere 100 davon übernehmen wir erfahrungsgemäß in die Festanstellung», erklärt Amazon-Sprecherin Ulrike Stöcker. In den nächsten Jahre sollen rund 1000 Menschen einen Dauerarbeitsplatz finden. Wie viele Waren tagtäglich den Standort verlassen, welcher Umsatz - dazu hüllt sich Amazon in Schweigen.

Die Stadt freut sich, liegt die Arbeitslosenquote doch bisher bei 8,1 Prozent. Damit ist sie fast doppelt so hoch ist wie im Landesschnitt. Darüber wiederum freute sich Amazon bei der Entscheidung für den Standort: «Wir gehen gerne dahin, wo es neben Faktoren wie Autobahnanbindung auch die realistische Chance gibt, in recht kurzer Zeit sehr viele Arbeitskräfte zu finden», erklärt Sprecherin Stöcker.

Bereits die nächste Studie wird zeigen, wie sehr sich die Quote dank Amazon erholt hat. Auch als Gewerbesteuerzahler ist Amazon in der verschuldeten Kommune sehr willkommen, Schätzungen über die erwarteten Summen will aber keiner abgeben. «Es ist nicht unsere größte Firma, aber eine gute», sagt Klaus Seemann, Hauptabteilungsleiter Kassen und Steuer. Im vergangenen Jahr nahm die Stadt insgesamt rund 80 Millionen Euro Gewerbesteuern ein.

Vom ersten Kontakt mit Amazon bis zum Baubeginn des Lagers durch den Investor Goodman vergingen gerade mal vier Monate, erzählt Joachim Müller vom Stadtplanungsamt. Dafür wurden die Erschließungspläne rasch geändert und zwei Grundstücksbesitzer entschädigt - «die Zusammenarbeit verlief erstaunlich reibungslos».

Und jetzt «work hard»: Seit 26. September läuft der Betrieb. Trotz der vielbeschworenen Ordnung liegt in den Regalen alles kunterbunt durcheinander: Playmobil neben Fahrradhaltern, Plüschschweinchen neben Radios, DVD-Spieler neben Rattansessel. Aber das Chaos hat System. Der Versandmitarbeiter schaut selber wo Platz ist, stapelt die Ware dann in der Lücke, weiter geht's. «Das spart im Zweifel Wege», erklärt Bruggner.

«Have fun»: «Ein Superjob ist das hier», freut sich Arsin Linami, der es schon zum Co-Worker gebracht hat. Amazon arbeitet im Zweischicht-Betrieb, 9,65 Euro Brutto-Stundenlohn werden gezahlt - «deutlich mehr als der Mindestlohn für Zeitarbeit von unter acht Euro», betont Bruggner. Vorwürfe der Gewerkschaft Verdi, das Unternehmen beschäftige Arbeiter zunächst auf Kosten der Arbeitsagentur, um sie dann wieder loszuwerden, weist die Sprecherin zurück.

«Make history»: Mal sehen, wie sich Amazon in die Annalen von Pforzheim schreibt. Einstweilen nur soviel: Eine Amazonstraße gibt es schon und ab Dezember auch eine gleichnamige Bushaltestelle. Dafür hat die Stadt extra die Linie 6 erweitert.

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