nach oben
12.05.2013

Vom United-Tribuns-Chef zum Gorilla-Legionär

Die Homepage von „Gorilla Legion“ verherrlicht in einem Video die Gewalt gegen feindliche Rapper. Das Impressum führt den ehemaligen inoffiziellen Cliquen-Chef der Pforzheimer United Tribuns als Label-Verantwortlichen.

Bildergalerie: Waffenfunde bei Razzia gegen die United Tribuns in Pforzheim

Bildergalerie: Großrazzia bei den United Tribuns in Pforzheim und im Enzkreis

An einem Friseurriemen werden Scheren geschärft, der Kopf eines der Festgeschnallten wird gepackt – und seine Zunge abgeschnitten. Das Körperteil fällt zu Boden, das Gesicht ist blutverschmiert – Szenen eines Videos, mutmaßlich gedreht in Pforzheim. Die Folter ist nicht echt, genauso die Entführung von drei Rappern in Wien, Berlin und Stuttgart. Man fixiert sie in einem Folterkeller, dazu rappt Baba Saad, ein deutscher Rapper libanesischer Herkunft, von 2005 bis 2011 bei Bushidos Label unter Vertrag. Sieht aber teuflisch echt aus, das Video der „Gorilla Legion“ auf Youtube.

Das Label vertreibt im Internet „Fightware“ – Trikots, Jacken, Bandagen für Kickboxer – mit dem Logo eines kraftsportgestählten Mannes. Eine Mercedes-Sportlimousine fährt mit dem auffälligen Schriftzug durch Pforzheim. Ausweislich des Impressums ist Metin R. (Name geändert), in Pforzheim aufgewachsen, wohnhaft an der Östlichen, verantwortlich für die Homepage von „Gorilla Legion“ – und er war inoffizieller Chef der Türsteher-Clique United Tribuns. Im Jugendzentrum Eastend, betrieben und betreut vom Stadtjugendring, trainierte er vor allem junge Türken und Kurden aus der Oststadt in Thai- und Kickboxen.

Hausverbot vom SJR

Nach der Groß-Razzia von Spezialkräften der Polizei gegen die United Tribuns im Februar 2011, bei der Waffen und Drogen sichergestellt und über ein Dutzend Männer vorübergehend festgenommen wurden, erhielt der Tribuns-Chef vom Stadtjugendring (SJR) Hausverbot.

Am Anfang stand Schlägerei

Auslöser für die massiven Polizei-Einsätze war eine Massenschlägerei zwischen den Rockern der Hells Angels und den Türstehern der United Tribuns im November 2010 gewesen. In den frühen Morgenstunden waren die Rivalen um den Platz an der Tür der Diskotheken mit Messern, Macheten, Baseballschlägern, Reizgas und scharfen Schusswaffen aufeinander losgegangen. Mertin R., wie es sich für einen Chef und Kampfsportler gehört, war an vorderster Front, wurde mit einem Machetenhieb am Hinterkopf getroffen – konnte sich aber in der Gerichtsverhandlung gegen den Hells-Vize an nichts mehr erinnern.

Das lässt die Ehre der Gangs untereinander nicht zu. Polizei und Justiz – das ist etwas für Memmen. Folgerichtig lehnten Metin K. und sein Bruder auch Polizeischutz ab, nachdem es sich in der Szene herumgesprochen hatte, dass die beiden Chefs der Tribuns auf der Todesliste der Hells Angels standen.

Offenbar als Reaktion darauf schienen die Tribuns aufrüsten zu wollen. Die Polizei hörte mit, als Tribuns sich am Mobiltelefon unterhielten, es seien Maschinenpistolen nach Pforzheim unterwegs – dann schrillten die Alarmglocken. Nach der Razzia bei den Hells Angels zwei Monate zuvor rückte das Spezialeinsatzkommando des Landes erneut an.

Hauptquartier ausgelöst

Von den Tribuns hat man seither nichts gehört. Von den Hells nach einer weiteren Razzia im Juni 2011 auch nicht mehr – der „Ortsverein“, das „Charter Borderland“ – wurde verboten. Die Rocker gaben ihr Hauptquartier in der Nordstadt auf und zerstreuten sich in alle Winde.

„Nach unseren Erkenntnissen handelt es sich nicht um eine neue Gang“, sagt Polizeisprecher Frank Otruba. Natürlich kennt man auch bei der Polizei das Video und die Person, die im Impressum als Ansprechpartner des Labels „Gorilla Legion Fightware“ verantwortlich zeichnet – der sich auf PZ-Mail-Anfrage bis gestern nicht meldete.

„Rap nicht stigmatisieren“

Auch Hardy Wagner, Geschäftsführer des Stadtjugendrings, hat das Video gesehen. „Natürlich gibt es Rapper mit krimineller Vergangenheit oder undurchsichtigen Beziehungen“, sagt Wagner, „und sicherlich sind einige Songs gewaltverherrlichend und frauenfeindlich.“ Doch man dürfe den Rap „nicht stigmatisieren – die Musikrichtung kann nichts dafür“. Glaubt man den Ankündigungen von „battles“ – also Schlachten – in einer Pforzheimer Disko mit Teilnehmern aus ganz Deutschland und Breakdance-Videos im Internet bei Gorilla Legion, gewinnt man den Eindruck: Die wollen nur tanzen.

Wenn nur nicht das widerliche Video wäre.

Leserkommentare (0)