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Mit der Benennung "Hoyerswerda-Ufer" des Wegs, der von der Altstadt in den Enzauenpark führt, wurde 1998 die Aufbauhilfe für die sächsische Stadt beendet. Oberbürgermeister Joachim Becker (links) und sein OB-Kollege Horst-Dieter Brähmig (rechts) setzten zusammen mit Superintendent Friedhart Vogel bei der Enthüllung der Schilder den Schlusspunkt.
Mit der Benennung "Hoyerswerda-Ufer" des Wegs, der von der Altstadt in den Enzauenpark führt, wurde 1998 die Aufbauhilfe für die sächsische Stadt beendet. Oberbürgermeister Joachim Becker (links) und sein OB-Kollege Horst-Dieter Brähmig (rechts) setzten zusammen mit Superintendent Friedhart Vogel bei der Enthüllung der Schilder den Schlusspunkt. © PZ-Archiv
03.10.2010

Von der "Schwarzen Pumpe" ins Rathaus

Hoyerswerda? Nie gehört - oder doch? Zumindest das in der Oberlausitz Braunkohle-Kombinat "Schwarze Pumpe", das bis zu mehr als 15000 Personen beschäftigte, war nicht unbekannt. Und das in der Nähe liegende Hoyerswerda wurde zur Wohnstadt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Plattenbau nach Plattenbau wurde von Mitte der 50er-Jahre an hochgezogen. Zu DDR-Zeiten lebten hier über 70000 Personen, heute sind es nur noch rund 40000. Die Arbeitslosigkeit beträgt 19 Prozent.

Es war Anfang März 1990 auf der ITB, der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, als Pforzheims damaliger Oberbürgermeister Joachim Becker beiläufig wissen ließ, dass er Kontakte nach Hoyerswerda geknüpft habe, die über den Superintendenten der dortigen evangelischen Kirche, Friedhart Vogel, zustande gekommen waren. Das hatte neugierig gemacht. Also: Nichts wie hin nach Hoyerswerda.

Vorgefunden wurde eine Stadt der Kontraste. Hier der historische Kern mit schmuckem Rathaus am Marktplatz, restaurierten Bürgerhäusern, der Stiftskirche und einem Wasserschloss. Jenseits der Schwarzen Elster dann die neue Stadt mit ihren Wohnblocks und einem Kulturhaus als Zentrum. Eine Drogerie in der Nähe verweist darauf, dass es als Sonderaktion jetzt Farbbilder gebe, die innerhalb einer Woche geliefert werden können.Nebenan, im kleinen Büro der "Lausitzer Rundschau", war der Zeitungskollege am frühen Vormittag im Endspurt, die Manuskripte für der Ausgabe des nächsten Tages zu bearbeiten, die gegen 11 Uhr nach Cottbus geschickt werden mussten. Er hatte also keine Zeit, sich um den neugierigen Gast aus dem Westen zu kümmern. Aber er wies den Weg zum Superintendenten.

Bananen in größerer Menge

Friedhart Vogel, der auch Vorsitzender des "runden Tisches" war, befand sich offensichtlich nicht zu Hause, denn auf das Klingeln hin öffnete niemand. "Wollen Sie zu meinem Mann? Der ist leider unterwegs", gab eine Stimme von hinten kund. Frau Vogel kam gerade vom Einkauf zurück und bat den Fremden ins Büro. Das Gespräch war herzlich, vor allem auch, nachdem sie erfahren hatte, dass ein Pforzheimer nach Hoyerswerda gekommen war. Und beim Abschied drückte sie noch eine besondere Freude aus: "Heute hat es erstmals Bananen in einer größeren Menge gegeben", das musste sie einfach sagen.

Superintendent Vogel und eine Abordnung von Verwaltung und Gemeinderat kamen dann an Pfingsten nach Pforzheim. Und langsam lief die Pforzheimer Hilfe zur Selbsthilfe auf allen denkbaren Ebenen an: von der Verwaltung über den Sozialbereich und Schulbereich bis zum Rettungswesen. In Hoyerswerda war alles neu oder veraltet. Nach den ersten freien Kommunalwahlen zogen Personen ins Rathaus ein, die mit Aufgaben betraut wurden, die mit ihrer bisherigen Tätigkeit nichts zu tun hatten. Zu ihnen zählte Ulf Scholz.

Der einstige Schichtführer im Kombinat "Schwarze Pumpe" wurde zum Stadtdezernenten für die Hauptverwaltung ernannt und bezog ein karg ausgestattetes Zimmer.

Ausreise über Ungarn geplant

Es war eine glückliche Fügung, dass es überhaupt dazu kommen konnte. Denn nachdem sich im Eisernen Vorhang an der ungarisch-österreichischen Grenze ein Fluchtloch ergeben hatte, beschlossen Ulf Scholz und seine Frau, mit Sohn und Tochter die DDR zu verlassen. Am 9. November machten sie sich auf, doch an der Grenze zu Ungarn hieß es "Umkehren!". Die Pässe waren nach all der Aufregung in den zurückliegenen Tagen zu Hause vergessen worden. Notgedrungen ging es zurück nach Hoyerswerda. Dort wurde beschlossen, nach der strapaziösen Fahrt die Kinder erstmals ausschlafen zu lassen. Spätabends schaltete Ulf Scholz dann den Fernseher ein und. Überraschung wie Freude waren gleichermaßen groß: Die Mauer war offen. An Ausreise dachte niemand mehr, jetzt lockte Berlin. Ein knappes Jahr später packte Ulf Scholz wieder seine Koffer. Dieses Mal ging es nach Pforzheim. Dort sollte er "Nachhilfe" darin erhalten, wie im Westen bei einer Kommunalverwaltung gearbeitet wird. Vom Oberbürgermeister wurde ihm sogar dessen Dienstwagen, ein Lada, zur Verfügung gestellt. Vier Wochen später ging es den Kopf voller Eindrücke und mit dem Bewusstsein "zu Hause wird's noch lange nicht so laufen wie hier" wieder nach Hause. Sein "sprechen bei Ihnen alle so?", das er nach einem Besuch bei ihm im Rathaus von Hoyerswerda ein paar Monate zuvor fragend in den Raum gestellt hatte, wurde für den Sachsen zu keinem Problem. Aber mit Linsen und Spätzle, oder sauren Nierle hat er sich nicht anfreunden können.

Geballte Verwaltungskraft machte sich Ende Februar 1992 auf nach Hoyerswerda: OB Becker führte eine Delegation mit den Amtsleitern Dieter Bolz (Stadtkämmerei), Alfred Hübner (Kulturamt), Friedrich von Massow (Stadtplanung), Wolf-Kersten Meyer (Rechtsamt), Peter Bossert (Leiter Stadtwerke) sowie Vertretern von Tiefbauamt, Liegenschaften, Vermessung, Stadtbau und Personal an. Auch Pensionäre der Stadtwerke und der Verkehrsbetriebe brachten vor Ort in der Lausitz mehrere Jahre ihre Erfahrung ein. Zuletzt war der frühere Bäderamt-Chef Bruno Rupp gefragter Fachmann in Hoyerswerda, als es um ein Gutachten für das dortige Spaßbad ging.

Viele Plattenbauten abgerissen

Längst steht die Stadtverwaltung in Hoyerswerda auf eigenen Beinen. Das Stadtbild hat sich gewandelt. Die Plattenbauten sind freundlich gestaltet , andere abgerissen worden. Nicht vergessen sind die ausländerfeindlichen Krawalle gegen Asylbewerber von Anfang der 90er-Jahre. Im Stadtpark wird 135 polnische KZ-Häftlinge gedacht, die hier bei einem Todesmarsch ermordet wurden. Ebenso deutschen, polnischen und sowjetischen Soldaten, die kurz vor Kriegsende in und um Hoyerswerda fielen.

Was ist nun nach 20 Jahren aus der Verbindung zwischen Pforzheim und Hoyerswerda geblieben? Es bestehen immer noch persönliche, freundschaftliche wie kollegiale Kontakte. Es hat auch familiäre Beziehungen gegeben. Das Stadtmuseum hat von den Beziehungen nach Hoyerswerda profitiert, denn dort wurden zum Darstellen der Fürstenhochzeit von 1477 rund 1500 Figuren per Hand gefertigt. Zudem erinnert der Pforzheimer Platz in Hoyerswerda und das Hoyerswerda-Ufer (Enz- auenpark) in Pforzheim daran, dass beide Städte - wenn sie auch keine Partnerschaft geschlossen haben - einmal eng miteinander verbunden waren. 

www.hoyerswerda.de