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Diskutieren über Diskriminierung: Ditib-Koordinator Murat Kayman, Kriminalhauptkommissarin Andrea Glück, Moderator Mathieu Coquelin, Armin Langer, Begründer der Salaam-Schalom-Initiative, sowie Buchautor Eren Güvercin (von links). Frommer
Diskutieren über Diskriminierung: Ditib-Koordinator Murat Kayman, Kriminalhauptkommissarin Andrea Glück, Moderator Mathieu Coquelin, Armin Langer, Begründer der Salaam-Schalom-Initiative, sowie Buchautor Eren Güvercin (von links). Frommer
16.12.2016

Von der Spaltkraft der Sprache: Podiumsdiskussion im PZ-Forum gegen Hassbotschaften im Netz

Alltag im Internet: Sprache wird zum Spalten benutzt. Hassbotschaften, pauschale Hetze und Diskriminierung sind ein bedenklicher Teil der allzu oft anonym und einseitig geführten „Kommunikation“ in den sogenannten sozialen Netzen. Betreffen kann dies jeden, keineswegs nur die Personen des öffentlichen Lebens, die sich gegen lancierte Falschmeldungen und Hass-Mails per Strafanzeige zu wehren beginnen.

Wie können aber in Deutschland aufwachsende, junge Muslime mit Anfeindungen im Netz umgehen? Wie mit pauschaler Diffamierung und Diskriminierung? Was ist wahr, was ist unwahr? Diese und ähnliche Fragen waren Inhalt der am Donnerstagabend im PZ-Forum ausgerichteten Podiumsdiskussion unter dem Motto „Reloaded – gegen Hass im Netz“.

Das illuster besetzte Podium bestand aus der Kriminalhauptkommissarin Andrea Glück (43), dem Buchautor Eren Güvercin (36), dem Ditib-Koordinator Murat Kayman (43) und dem Gründer der Salaam-Schalom-Initiative Armin Langer (26). Die Moderation der Diskussion lag beim eloquenten Mathieu Coquelin (34) von der Stuttgarter Fachstelle für Extremismusdistanzierung (FEX). Der Pforzheimer Abendveranstaltung vorangegangen waren drei Workshops für junge Muslimas und Muslime in Hockenheim, Offenburg und Villingen-Schwenningen; die Seminare sollten sie in die Lage versetzten, Hass-Texte zu erkennen und auch damit angemessen umgehen zu können.

Strategien gegen Hass-Mails

Der aus Köln stammende Publizist Eren Güvercin propagierte eingangs den sachlichen Blick auf die Verhältnismäßigkeit: „Manche junge Muslime sind so sehr mit Islam-Feindlichkeit beschäftigt, dass sie das Gute im Land gar nicht mehr wahrnehmen.“ Ebenfalls in Nordrhein-Westfalen ist der Koordinator des Moscheen-Verbands Ditib, Rechtsanwalt und häufige Talkshow-Gast Murat Kayman zu Hause. Er sagte: „Eigentlich neige ich dazu, auf Hass-Mails nicht zu antworten.“

Ironie kann Schärfe mildern, auch das Stilmittel der Polemik, führte Kayman weiter aus. Auch der Wahl-Berliner Armin Langer gab sich als „Verfechter der Ironisierung“ zu erkennen: „Ich antworte mit Teufel-Emojis (Piktogrammen) und poste die lustigsten Hass-Mails mit meinen Kommentaren.“ Kriminalkommissarin Andrea Glück machte darauf aufmerksam, dass man Quellen und Wahrheitsgehalt von Mitteilungen grundsätzlich immer prüfen und hinterfragen müsse: „Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt, der nicht mehr Weihnachtsmarkt heißen dürfe, kommt alle Jahre wieder.“ Die Grundlagen für eine Strafanzeige, so führte die in der Kriminalprävention tätige Ludwigsburgerin aus, ist im Paragrafen 130 „Volksverhetzung“ geregelt; strafbar sei demnach Verhalten, das „geeignet ist, gegen eine bestimmte Gruppe zu Hass und Gewalttaten anzustacheln“. Drohungen, so Andrea Glück weiter, führten in der Praxis jedoch äußerst selten zu Angriffen.

Anfeindungen anzeigen

Aus dem Publikum folgten Fragen wie: „Wann bringen Sie selbst etwas zur Anzeige?“ Rechtsanwalt Murat Kayman antwortete, dies sei immer im Einzelfall abzuwägen, schließlich bekommt der Angeklagte über die Akteneinsicht seines Verteidigers Kenntnis zur Person und zum Wohnort des Klägers. Glück betonte, sie könne bei persönlichen Anfeindungen „nur dazu ermutigen, diese zur Anzeige zu bringen. Die Strafen sind überraschend hoch“.