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Eine historische, colorierte Zeichnung zeigt. Bertha Benz mit ihren Söhnen Eugen und Richard, bei ihrer Fernfahrt Anfang August 1888 von Mannheim nach Pforzheim mit dem Benz Patent-Motorwagen. Foto: Archiv Daimler AG
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Das Brautpaar Bertha Ringer und Carl Benz im Jahr 1870. Foto: Archiv Daimler AG
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Bertha Benz im Jahr 1883 mit ihren Kindern Richard, Eugen, Klara und Mathilde (von rechts) . Nesthäkchen Ellen wird 1890 geboren. Foto: Archiv Daimler AG
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Mit seiner Frau Bertha posiert Carl Benz 1894 in Mannheim auf seinem Benz-Viktoria-Kraftwagen. Foto: Archiv Daimler AG

Vor 75 Jahren gestorben: Bertha Benz sattelte den Wagen ohne Pferde

Am 5. Mai vor 75 Jahren ist die gebürtige Pforzheimerin und Frau des Automobil-Erfinders Carl Benz gestorben. Anfang August 1888 startete Bertha Benz zur ersten Fernfahrt der Welt.

Es war Anfang August 1888, als Bertha Benz mit ihren Söhnen Eugen (15) und Richard (13) mit dem zwei Jahre zuvor von ihrem Mann Carl konstruierten Patent-Motorwagen heimlich zu einer Fahrt von Mannheim in ihre rund 120 Kilometer entfernte Geburtsstadt Pforzheim aufbrach und damit der Erfindung des Autos, damals noch mit drei Rädern, zum Durchbruch verhalf. In diesen Tagen wird die couragierte Frau wieder fast weltweit gefeiert, denn vor 75 Jahren war sie am 5. Mai 1944 im Alter von 95 Jahren gestorben.

PZ-news erinnert mit einem >>> Quiz <<< an die erste automobile Fernfahrt und die große, mutige Tat der Pforzheimer Autopionierin.

Der frühere Leiter der Redaktion der „Pforzheimer Zeitung“, Werner Augenstein, schrieb in einem Bericht in der PZ vom 3. August 1963, als der 75. Wiederkehr des historischen Ereignisses mit einer Bertha-Benz-Gedächtnisfahrt gedacht wurde, über seine Begegnung mit der vitalen Seniorin im Jahr 1938 an ihrem Wohnort in Ladenburg bei Heidelberg: „Der weißhaarigen, zierlichen, aber immer noch ungemein lebendig wirkenden 89-jährigen Dame, die vor 25 Jahren den jungen Journalisten aus ihrer Heimatstadt empfing, sah man ihr Alter nicht an. Die großen Augen, die ihrem Gesicht einen ruhigen Glanz und eine eigenartige Faszination gaben, spiegelten waches Interesse. Auch die Söhne Richard (64) und Eugen (65) wirkten jünger, besonders dann, wenn im Laufe des Gesprächs die Rede auf Besonderheiten der gemeinsamen Fahrt nach Pforzheim zur Sprache kamen.“

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Autopionierin Bertha Benz

Wie Augenstein schildert, wollte er über die berühmte erste Fernfahrt zunächst mit den beiden Söhnen sprechen, um die bald 90-Jährige zu schonen. Doch daraus sei nichts geworden. „Mit charmanter Bestimmtheit setzte Frau Benz durch, während der ganzen fast zwei Stunden dauernden Unterhaltung dabei zu sein. Sie verwickelte den Besucher aus Pforzheim dann schnell in ein Gespräch, das sie auch nach so langer Abwesenheit als ein echtes Kind der Goldstadt auswies; vielseitig interessiert, von einer wahren Aufgeschlossenheit und von einem bemerkenswerten Menschenverständnis“, hat der PZ-Redakteur festgehalten.

Nachdem die Söhne die technischen Daten des Gefährts geschildert hatten und der Besucher auch „die vielen netten Histörchen um den ,Teufelswagen‘ gebührend zur Kenntnis genommen hat“, hätte sich aus den Einwürfen von Bertha Benz der eigentliche Grund jener Fahrt herausgeschält: Sie wollte zwei Menschen, die ihrem Herzen besonders nahe standen, eine Freude bereiten – ihrem Mann und ihrer Mutter!

Bei Benckiser beschäftigt

Am 3. Mai 1849 als drittes von insgesamt neun Kindern von Auguste Friederike und Karl Friedrich Ringer an der Unteren Ispringer Straße (heute Berliner Straße) in Pforzheim geboren, wurde das Baby auf den Namen Cäcilie Bertha getauft. Der Vater, als Zimmermann und Baumeister zu Wohlstand gekommen, ermöglichte seinen Kindern eine gute Schulausbildung. Bertha ging auf die Höhere Töchterschule (heute Hilda-Gymnasium). Im Sommer 1870 lernte sie den gut aussehenden, fünf Jahre älteren Carl Benz kennen. Aus Karlsruhe stammend, hatte er dort das Polytechnikum besucht, musste aber sein Hochschulstudium abbrechen, um Geld zu verdienen. Er erlernte Maschinenbau von der Pike auf und kam 1869 zur Eisenwerke- und Maschinenfabrik Gebrüder Benckiser nach Pforzheim, bei der er seiner Verlobten zuvor in Mannheim mit einer mechanischen Werkstätte zur Herstellung technischer Geräte selbstständig gemacht. Überliefert ist, dass Benz zwar ein genialer Erfinder gewesen sei, aber wenig Geschick fürs Geschäftliche hatte. Mehrmals gerät er mit wechselnden Teilhabern und Geldgebern an den Rand des Ruins. Doch Bertha, die Familie und ihre vier Kinder lebten in einem Zwei-Zimmer-Anbau der Werkstatt, war ihm eine verlässliche Stütze.

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Mercedes widmet Bertha Benz einen eigenen Film

Carl Benz konstruierte Gasmotoren, und gründete 1883 mit zwei Teilhabern die Firma „Benz & Cie.“, doch in seiner Freizeit bastelte er an einem Motorwagen. Eine erste Testfahrt erfolgte 1885 hinter verschlossenen Türen auf dem Hof der Werkstatt. Bald danach ging es auf Mannheims Straßen. Bertha ist stets mit dabei. Als am 29. Januar 1886 das Patent auf den Benz-Motorwagen zugelassen wird, wurde dies zur Geburtsstunde des Automobils. Aber die geschäftlichen Erfolge bleiben zunächst aus. Erste Zeitungsberichte stießen auf wenig Resonanz. Und trotz aller Widrigkeiten, immer wieder mussten Reparaturen vorgenommen werden, glaubte Bertha unerschütterlich an die Zuverlässigkeit der Erfindung ihres Mannes. Um dies zu unterstreichen, rollte sie an jenem Augustmorgen 1888 in aller Frühe mit ihre Söhnen Eugen und Richard das „Modell 3“ des Patent-Motorwagens aus der Werkstatt, um ihre Mutter in Pforzheim zu besuchen.

Zunächst ging es in Richtung Weinheim, von dort nach Wiesloch. In der Stadtapotheke, später auch in Langenbrücken und Bruchsal kauften sie Ligroin, das als Kraftstoff diente. Reifenpannen gab es nicht, denn die hinteren Räder trugen Eisenringe, das Vorderrad war mit Vollgummi überzogen. Bei größeren Steigungen mussten die Brüder das 2 PS-Gefährt schieben. Zwischendurch wurden mit der Hutnadel die verstopfte Benzinleitung gereinigt und mit Berthas Strumpfband die die Isolierung des durchgescheuerten Zündkabels geflickt. Auf der Rückfahrt sollte dann der Schuster Karl Britsch in Bauschlott gewisse Berühmtheit erlangen, da er die Bremsen mit neuen Belägen versah.

Nach zwölf Stunden in Pforzheim angekommen, telegrafierte Bertha ihrem Mann vom Hotel „Post“ aus, dass sie mit seinem Wagen in ihrer Geburtsstadt sei. Denn ihre Mutter hatte sie leider nicht angetroffen. In den nächsten Tagen machte sie mit Verwandten ein paar Spritztouren, bevor es wieder zurück nach Mannheim ging.

Ein „teuflisches Gefährt“

Was die Zeitungen über die aufsehenerregende Fahrt des „teuflischen Gefährts“ geschrieben haben ist nicht bekannt. In keinem Archiv ist eine Ausgabe von Anfang 1888 erhalten. Aber vom „Modell 3“ des Benz Patent-Motorwagens entstehen rund 25 Exemplare. Er hat seine Bewährungsprobe bestanden und wird weiterentwickelt. Die Werkstatt wird erweitert, die Familie mit mittlerweile fünf Kindern kann in eine größere Wohnung einziehen.

1903 verlässt Carl aufgrund von Unstimmigkeiten mit anderen Teilnehmern sein Unternehmen in Mannheim und siedelt nach Ladenburg über, wo er die Fabrik „Carl Benz Söhne“ gründet. Der Automobil-Erfinder stirbt 1929 im Alter von 84 Jahren. 57 Jahre war er mit Bertha verheiratet. Sie wird anlässlich ihres 95. Geburtstags von der Technischen Universität Karlsruhe zu deren Ehrensenatorin ernannt– zwei Tage vor ihrem Tod am 5. Mai 1944.

Die Bertha-Benz-Fahrt 2019 von Mannheim nach Pforzheim und zurück findet am 10./11. August mit rund 100 Oldtimern statt.