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An der Anzeigetafel werden die Busfahrgäste über den Streik informiert – zu spät, finden viele. © Moritz
Viele warten am Donnerstagmorgen auf den Bus – vergeblich. © Ruf
09.05.2019

Warnstreik der Busfahrer sorgt für Chaos und Frust am Leo

Pforzheim. Chaos, Unverständnis und Frust am Donnerstagmorgen am Leo: Zwischen 4 Uhr und 9 Uhr streiken die Busfahrer. Das bringt für viele Fahrgäste Probleme, sie fühlen sich nicht ausreichend informiert.

"Ich hasse Busstreik", sagt eine Schülerin, die kurz nach 7 Uhr frustriert von der Haltestelle weggeht. Ein anderer 14-Jähriger wartet – "mir bleibt nichts anderes übrig", sagt er. Lehrerin Sabine Kuch geht es ähnlich: Die Birkenfelderin muss auf den Buckenberg, am Leo will sie umsteigen, doch der Anschlussbus bleibt aus. "Zum Glück plane ich immer genug Zeit ein, deshalb habe ich einen Puffer, aber ich muss jetzt wohl einen Überlandbus nehmen", erklärt sie. Im Laufe des Vormittags werden es immer mehr Schüler und Pendler, die warten. Ein paar Ersatzbusse sind unterwegs, doch wann kommen sie, wo halten sie – das ist nicht klar. Auch an der Bahnhofstraße stehen Fahrgäste. Dort hält irgendwann ein Überlandbus, der Fahrer macht alle Hoffnung zunichte: "Die Stadtbusse fahren gar nicht, Sie brauchen nicht zu warten. Bis die wieder regulär unterwegs sind, wird es sicher 10 Uhr", ruft er aus der offenen Tür. Die Wartenden schauen sich ratlos an – und jetzt?

Bildergalerie: Warnstreik der Busfahrer sorgt für Frust bei den Fahrgästen

Berufstätige steigen auf das Taxi um 

Viele fühlen sich nicht ausreichend informiert. "Ich fahre jeden Morgen mit diesem Bus, aber gestern kam keine Durchsage oder ähnliches, damit ich mich darauf hätte einstellen können", sagt ein Mann. Sie könne die Busfahrer ja verstehen, pflichtet die Frau neben ihm bei, aber für die Berufstätigen sei es einfach furchtbar, wenn der Bus ausfällt. Ein Handy habe sie nicht dabei, um ihren Arbeitgeber zu informieren. Auch sie werde wohl einfach warten. Aufs Taxi umsteigen bringe nichts – die seien überfüllt, das kenne sie bereits vom letzten Streik. Tatsächlich machen die Taxifahrer an diesem Donnerstagmorgen ein gutes Geschäft. Immer wieder winken Leute an der Haltestelle eines zu sich und steigen ein. 

Reaktionen der Fahrgäste auf den Streik

Kathrin Schlagentweith aus Lienzingen hat sich per E-Mail an PZ-news gewandt: "Ich bin fast eine halbe Stunde am Bahnhof gestanden und habe dabei beobachten können, dass viele der anderen Wartenden von Autofahrern abgeholt worden sind. Inzwischen fahren auch schon wieder vereinzelt Busse. Mich regt es trotzdem auf, da ich Berufsschülerin bin und heute wirklich sehen musste, wie ich in die Schule komme. Ich hab sowieso schon einen Anfahrtsweg von einer knappen Stunde und mit dem Streik dauert das nur noch länger."

Margit Rapp schrieb: "Ich hatte heute Morgen früh einen Artzermin. Ich durfte von der Bauschlotter Straße bis zur Baumstraße laufen und wieder zurück. Bin eben nach Hause gekommen. Habe meine 10.000 Schritte voll. Wohl dem, der das noch kann. Ich bin72 Jahre jung und recht fit. Die Schulkinder standen verloren an der Haltestelle. Ich finde das nicht richtig. Wir mussten hart arbeiten und konnten auch nicht dauernd streiken. Das ist nicht gerecht, auf dem Rücken der Bevölkerung die Probleme auszutragen."

Angelika Harke aus Pforzheim hat via Mail ihre Erfahrungen kund getan: "Ich bin auf den Bus angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Die Linie 5 fuhr um 06.54 Uhr nicht zum Hauptbahnhof. Bis ein Mann kam und die Wartenden an der Haltestelle Keplerstraße über den Streik informierte, wussten wir nichts davon. Ich machte mich dann zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof, erreichte aber die Linie 733 um 07.18 Uhr Richtung Bauschlott nicht mehr. Da diese von Fa. Wolf bedient wird, fuhr dieser Bus. Hätte ich vom Streik früher erfahren, wäre ich schon früher zu Fuß zum Bahnhof und hätte problemlos den Anschluss erreicht. Um 08.58 Uhr kam dann ein Bus der Fa. Binder, mit dem ich nach Bauschlott fahren konnte. Am Arbeitsplatz war ich dann um 09.30 Uhr. Wieso kann man nicht mindestens zwei Tage vorher über den Streik informieren? Das nennt sich Dienstleister!"

Heike Schöner aus Tiefenbronn schrieb: "Ich musste heute zweimal nach Pforzheim fahren. Erst unseren einen Sohn vor 6.00 Uhr zum Bahnhof, damit er weiter nach Karlsruhe kommt und dann unseren zweiten Sohn um 7.30, damit er pünklich in der Ludwig Erhard Schule ist. Ich habe für solche Streiks absolut kein Verständnis. Wo kommen wir hin, wenn es immer zu Lasten anderer geht?"

Simon Jeske schreibt kurz und knapp: "Meine Mutter musste mich fahren."

Über WhatsApp meldet eine Schülerin: "Ich komme wegen dem Streik zu spät zur Schule und bekomme deshalb Ärger..."

Auch über den Snapchat-Kanal von PZ-news kommen zahlreiche Reaktionen. "Wenn sie streiken, sollen sie wenigstens für Ersatz sorgen", ärgert sich eine Nutzerin. "Begeistert bin ich nicht gerade. Ich pendle jeden Tag zum Studium in die Gegend Stuttgart. Konnte heute zum Glück bei jemandem mitfahren", schreibt ein anderer. "Dann muss ich wohl laufen", resümiert eine andere Userin. "Beim letzten Streik war ich erst um 11 in der Schule. Ich bin leider auf die Busse angewiesen. Ich hoffe, dass ich heute nicht später als letztes Mal komme, da ich eine Arbeit schreibe", erzählt eine Schülerin. Manche reagieren verständnisvoll: "Sie verdienen halt wenig. Es gibt nette Busfahrer, die trotzdem fahren, aber ich verstehe, dass sie streiken."

Warnstreik der Busfahrer in Pforzheim

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat ihre bei der Regionalbusverkehr Südwest (RVS) beschäftigten Mitglieder für Donnerstag, 9. Mai 2019, zu einem Warnstreik aufgerufen. Arbeitsniederlegungen sind für die gesamte RVS geplant, einschließlich des Stadtverkehrs in Pforzheim.

PZ-news berichtet am Donnerstagvormittag über die Auswirkungen des Arbeitskampfes. Hierzu sind wir auch auf Ihre Hinweise angewiesen: Welche Folgen hatte der Busstreik für Sie? Staute sich der Pkw-Verkehr irgendwo noch länger als sonst? Warteten Sie vergeblich auf den Bus? Fühlten Sie sich vor Ort ausreichend informiert? Wie umgingen Sie den Streik? Schreiben Sie uns Ihre Eindrücke - möglichst unter Angabe Ihres Vor- und Nachnamens sowie Wohnorts - an internet@pz-news.de. Gerne können Sie auch Fotos einsenden!*

Das fordert die EVG für die Busfahrer

"Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren, das derzeit vorliegende Angebot des Arbeitgebers ist für uns nicht akzeptabel", erläutert der zuständige Gewerkschaftssekretär, Frank-Michael Hänel. 

So werde zwischenzeitlich zwar eine Lohnerhöhung für die Busfahrer angeboten, die gehe aber zu Lasten der übrigen Beschäftigten. "Das kommt für uns überhaupt nicht in Frage, in der EVG leben wir Gemeinschaft, von unseren Tarifverhandlungen sollen alle Beschäftigten gleichermaßen profitieren", stellte Michael Hänel fest.

Die EVG fordert für ihre bei der RVS beschäftigten Mitglieder die Anpassung der Lohnstruktur an das landesübliche Entgeltniveau in Baden-Württemberg, mindestens aber 300 Euro mehr, die Erhöhung der Ausbildungsvergütung sowie die Erhöhung der arbeitgeberfinanzierten betrieblichen Altersvorsorge.

Dritter Warnstreik, bevor die Verhandlungen fortgesetzt werden

"Unsere beiden ersten Warnstreiks haben die nötige Bewegung in die Verhandlungen gebracht, jetzt ist es am Arbeitgeber, sein Angebot weiter zu verbessern. Die Mitglieder der EVG werden mit dem nunmehr dritten Warnstreik deutlich machen, dass sie ihre berechtigten Forderungen noch nicht erfüllt sehen und dafür weiterhin kämpfen werden", machte EVG-Gewerkschaftssekretär Michael Hänel deutlich.

Die Verhandlungen bei der RVS sollen am Montag, 13. Mai 2019, fortgesetzt werden. Danach werde man gegebenenfalls über weitere Streiks nachdenken.

Frank-Michael Hänel sprach am Donnerstag von einem "vollen Erfolg". Insgesamt hätten sich in Pforzheim 102 Personen an dem Warnstreik beteiligt, das entspreche 100 Prozent.

Mehr zum Thema:

RVS-Busse im Streik: So verlief der Streik in Pforzheim und der Region

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RVS-Busfahrer streiken: Infos für Fahrgäste blieben aus

chaifrio
09.05.2019
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Wenn in Japan die Busfahrer streiken, legen sie die Arbeit nicht nieder sondern lassen die Kunden kostenlos fahren. Das sorgt für Einnahmeausfälle beim Busunternehmen, was ihm mehr schaden als nützen kann. Hier denkt keiner soweit. Hier sorgen sie durch den gewohnten Streik einmal mehr für Chaos und Unzufriedenheit. mehr...

helmut
09.05.2019
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Gefühlsmäßig waren die letzten Lohnabschlüsse erst gestern. Jetzt sind die schon wieder hinter den Lohnentwicklungen zurück. So schaukelt sich im Wechsel jede Gewerkschaft immer höher. Dass der Fahrpreis sich danach regelmäßig erhöht, wird nicht zur Kenntnis genommen. Zu loben ist die Solidarität unter der Belegschaft: So werde zwischenzeitlich zwar eine Lohnerhöhung für die Busfahrer angeboten, die gehe aber zu Lasten der übrigen Beschäftigten. "Das kommt für uns überhaupt nicht in Frage, in ...... mehr...

pforzheimer007
09.05.2019
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grundsätzlich kann ich alle verstehen, die dadurch ein problem haben sich von a nach b zu bewegen und nicht den luxus haben ein eigenes auto zu haben oder zu fuß gehen zu können  ABER  ohne streikrecht wären wir heute nicht da wo wir sind....das darf defintiv nicht vergessen werden...fakt ist doch, die leute müssen ausreichend und gut bezahlt werden....ob das so ist kann ich nicht beurteilen...  die idee von chaifrio mit dem japan-beispiel "kostenlos fahren" finde ich ne ...... mehr...

maninblack
09.05.2019
Warnstreik der Busfahrer sorgt für Chaos und Frust am Leo

Sind die heutigen Streikenden nicht die Streikbrecher von damals als es um den Erhalt des Pforzheimer Busverkehrs ging? Ich finde das sehr abstrus. mehr...