760_0900_118518_ROL_RADFAHRER_OPEN_AIR_KINO_1_.jpg
Im Innenhof des Kulturhauses Osterfeld zeigt Dennis Kailing (Mitte, mit Basecap) seinen Film, davor spricht er mit Winfried Thein (links daneben). Zahlreiche Radler der Critical Mass waren anwesend, auch Christine Fischer (Zweite von rechts).  Foto: Roller 

Wenn der eigene Radweg geradezu unendlich ist: Fahrradlobbyisten von Critical Mass treffen Weltreisenden

Pforzheim. Im Iran hat er Schafskopf zum Frühstück gegessen, in Kathmandu eine hinduistische Totenzeremonie gesehen, in Myanmar Weihnachten gefeiert, in Timor-Leste die befestigten Straßen gesucht und im australischen Northern Territory tagelang nichts als Wüste zu Gesicht bekommen: Mehr als zwei Jahre war Dennis Kailing mit dem Fahrrad unterwegs, fuhr auf sechs Kontinenten durch 41 Länder und legte insgesamt 43.600 Kilometer zurück. Auf seiner Tour hat er sich mit der Kamera begleitet. Aus den Aufnahmen entstand später der Film „Besser Welt als Nie“, den es am Freitagabend beim Open Air Kino im Innenhof des Kulturhauses Osterfeld zu sehen gab.

„Werden wahrgenommen“

An diesem Abend dreht sich alles um das Thema Fahrrad. Mit dem kommen ein paar Minuten vor Filmbeginn etwa drei Dutzend Menschen am Osterfeld an. Sie bezeichnen sich selbst als „Critical Mass“ und machen sich jeden letzten Freitag im Monat auf, um bei einer gemeinsamen Spazierfahrt ihre Forderung nach einem zusammenhängenden und sicheren Radwegenetz in und um Pforzheim in die Öffentlichkeit zu tragen. Dieses Mal ging es vom Waisenhausplatz zum Osterfeld.

„Mittlerweile werden wir wahrgenommen“, sagt Christine Fischer, die im Innenhof einen Infostand mit zahlreichen Flyern betreut.

Im PZ-Gespräch lobt die Aktivistin, dass es inzwischen deutlich mehr sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder gibt, dass der Jugendgemeinderat eine Reparatursäule auf dem Waisenhausplatz aufgebaut hat und, dass die Critical Mass im Mobilitätsbeirat vertreten ist. Mittlerweile habe man es geschafft, ein weitverzweigtes Netzwerk aufzubauen, das stetig wachse. Auch mit der Hochschule Karlsruhe stehe man in Kontakt, wo es seit kurzem eine Stiftungsprofessur Radverkehr gibt. Mit dem kommunalen Kino kooperiert man schon lange und immer wieder.

Man muss kein Athlet sein

Ende Januar gab es die Dokumentation „Bikes vs. Cars“ zu sehen, nun den Film von Dennis Kailing, der am Freitagabend auch vor Ort ist, Bücher signiert und Fragen zu seinem zwei Jahre dauernden Abenteuer beantwortet. Vor der Tour sei er kein großer Radfahrer gewesen und habe die ganzen Vorzüge nicht gekannt, sagt der mittlerweile 29-Jährige im PZ-Gespräch: Aber man müsse auch kein großer Athlet sein, man müsse nur ein Fahrrad fahren und dabei die Balance halten können.

760_0900_118519_ROL_RADFAHRER_OPEN_AIR_KINO_2_.jpg
Kailing berichtet, was er auf seiner Radtour erlebt hat, aus der anschließend der Film „Besser Welt als Nie“ wurde. Foto: Roller

Kailing gibt sich locker – auch in seinem Film, den er selbst geschnitten hat. Um die Nachbearbeitung und den Ton haben sich Experten gekümmert. Zwei Stunden lang erzählt der Film von traumhaften Aussichten, von hilfsbereiten Menschen, von steilen Anstiegen, vom Übernachten im Zelt – und von vielen platten Reifen. Bevor der Streifen gezeigt wird, gehört die Bühne im Innenhof des Osterfelds dem spielfreudigen Morisot-Quartett und der klassischen Musik, die es dynamisch und nuanciert zum Vortrag bringt.