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Ohne Smartphone geht heute fast nichts mehr. Das hat positive wie auch negative Folgen. Foto: dpa
Ohne Smartphone geht heute fast nichts mehr. Das hat positive wie auch negative Folgen. Foto: dpa
09.10.2015

Whatsapp, Facebook & Co.: „Eltern wissen oft nicht Bescheid“

Sieben von zehn Zwölf- und 13-Jährigen chatten fast täglich über Whatsapp, Facebook und Co. Über den Schutz ihrer Daten wissen sie oft nur wenig Bescheid – doch auch Eltern geht es meist nicht anders. Diplom-Sozialpädagoge Clemens Beisel gibt Tipps, wie die Erziehungsberechtigten mit diesem Unwissen umgehen sollten und erklärt, welche Gefahren in den neuen Medien lauern.

Tipps gibt es sowohl hier im Interview als auch am 3. November im PZ-Forum: Über die Chancen und Risiken der neuen Medien informiert die „Pforzheimer Zeitung“ an diesem Tag ab 19 Uhr im PZ-Forum auf. Dabei wird erklärt, was Eltern, Lehrer und Kinder über Netzwerke wie Whatsapp, Facebook und Snapchat wissen sollten. Neben Diplom-Sozialpädagogen Clemens Beisel wird Polizeioberkommissar Dirk Schäfer über die Gefahren des Online-Mobbings und Petra Fakler vom Netzwerk Looping zur Prävention von Online-Sucht sprechen. Anschließend diskutieren in einer Podiumsdiskussion unter anderem Stadtjugendring-Chef Hartmut Wagner, die Instagramerin Clara Montanus sowie die Youtuber Kid Maestro und Johannes Becht miteinander. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung unter der Nummer (07231)933-125 (montags bis freitags zu erreichen) ist erforderlich.

PZ: Herr Beisel, ist Whatsapp gefährlich?

Clemens Beisel: Ja, so wie es viele verwenden, ist es schon riskant.

PZ: Das heißt? Wie verwenden es viele?

Clemens Beisel: Ohne sich die einfachsten Datenschutzbestimmungen angeschaut zu haben. Mit einem sehr öffentlichen Profil und ohne sich Gedanken darüber zu machen, wer das alles sieht. Wenn beispielsweise ein junger Mensch seine Handynummer in einer Bewerbung angibt, muss die Firma die Nummer nur in ein Handy abspeichern. Dann sieht sie in der Regel schon das Profilbild und den Status der Person. So weiß sie vielleicht, dass der Bewerber gerade auf dem Wasen war und sieht in der Statuszeile, dass er sich von seiner Freundin getrennt hat.

PZ: Welche Daten sammelt ein Dienst wie Whatsapp denn?

Clemens Beisel: Die Sache, in die wir gar keinen Einblick haben, ist die, was Whats- app, Google und Co. mit meinen Daten machen. Jedoch kann sich das nun durch das Urteil zum Safe-Harbor-Abkommen verändern (Der Europäische Gerichtshof hat am Dienstag das bestehende Datenabkommen mit den USA für ungültig erklärt, Anm. d. Red.). Bisher ist es ja so: Wenn ich mich bei Whatsapp anmelde, werden alle meine Kontakte mit Geburtsdatum, mit Adresse, mit Telefonnummer auf einen Server in den USA hochgeladen. Und das Programm erhält Zugriff auf meine Fotos und Videos. Und wenn man weiß, dass der Dienst zu Facebook und zu Instagram gehört, kann man sich vorstellen, was da für eine Datenwolke entsteht. Dementsprechend wichtig ist es, Kindern beizubringen, eigenverantwortlich zu handeln: Gebe ich an, wann ich geboren bin? Schreibe ich, dass ich einen Brass auf einen Lehrer habe? Es liegt auch in den eigenen Händen, was man Preis gibt. Man braucht die gesunde Mitte: So, dass man bei seinen Freunden noch interessant ist, aber auch so, dass es nicht ausartet.

PZ: Wer weiß über die Gefahren denn besser Bescheid? Die Eltern oder die Kinder?

Clemens Beisel: Bei Kindern ist es „learning by doing“. Das heißt, sie kriegen es irgendwann mit – vielleicht auch schmerzhaft, wenn jemand etwas Privates mitbekommt. Bei den Eltern verschiebt sich etwas: Früher war es so, dass sie ihren Kindern in vielem voraus waren. Was neue Medien angeht, ist es heute umgekehrt: Eltern wissen oft nicht Bescheid undbekommen von ihren Kindern erklärt, was da passiert. Oder eben auch nicht.

PZ: Und wie sollten Vater und Mutter mit dem eigenen Unwissen umgehen?

Clemens Beisel: Ich glaube es ist wichtig, dass sie Interesse für ihre Kinder haben und akzeptieren, dass soziale Medien in Jugendzimmer Einzug gehalten haben. Und sie sollten in einem engen Kontakt mit ihren Kindern bleiben und auch mal nachfragen: „Hey, was machst du da? Hast du Fragen? Sollen wir uns mal zusammensetzen und uns informieren?“ Pädagogisch hat sich da gar nicht so viel geändert: Wenn der Vater früher den Sohn beim Rauchen erwischt hat, war es sinnvoller, mit einem Gespräch beispielsweise über gesundheitliche Folgen als mit dem Holzhammer zu reagieren. Genauso ist auch heute ein Gespräch sinnvoller als ein Wutausbruch, wenn man mitbekommt, dass das Kind Nacktfotos oder Gewaltvideos auf dem Handy hat. Auch sollten Eltern nicht gleich sanktionieren, wenn mal etwas blöd läuft.

PZ: Also ist es keine Lösung, der Tochter Whatsapp zu verbieten?

Clemens Beisel: Eines der schlimmsten Dinge, was Kindern heute passieren kann, ist, in einer Schulklasse kein Whatsapp zu haben, wenn es dort eine gemeinsame Gruppe gibt. Sie bekommen dann einen großen Teil der Kommunikation ihrer Freunde nicht mehr mit. Was aber nicht heißt, dass es nicht geht: Ich kenne zwei 18-Jährige, die ohne Smartphone leben und völlig glücklich sind. Da gehört aber großes Selbstvertrauen und Rückhalt von Familie und Freunden dazu. Doch ich war zuletzt immer wieder in vierten Klassen, in denen zwei Drittel Whatsapp haben ...

PZ: . . . ein Programm, das ab wie vielen Jahren erlaubt ist?

Clemens Beisel: Rechtlich ab 16, im Gegensatz zu Facebook, das ab 13 ist.

PZ: Wie nutzen die Jugendlichen denn diese Apps und Medien?

Clemens Beisel: Inflationär. Das beste Beispiel für die Nutzungshäufigkeit ist ja, dass es in Bussen – wo man sich früher über den Lärm beschwert hat – heute recht ruhig ist. Ich sehe dort lauter Menschen, die auf ihre Smartphones schauen. Es wird in jeder freien Minute genutzt. Das stellt auch Schulen vor ganz neue Herausforderungen. Etwas übertrieben kann man sagen, dass nicht Luft und Wasser, sondern WLAN und Akku die neuen Grundbedürfnisse der jungen Menschensind. Das heißt: Die Smartphones sind aus keinen Lebensbereichen mehr rauszudenken. Beim Treffpunkt des Sportvereins, bei der Verabredung mit Freunden, bei der Wahl des Geschenks. Da kommen auf Whats- app Hunderte Nachrichten und Sprachmemos pro Tag zusammen. Das artet oft in Stress aus.

PZ: Und worauf kommt es den Jugendlichen auf Facebook an?

Clemens Beisel: Da erlebt man sehr stark, dass es ihnen sehr wichtig ist, sich gut darzustellen und dass sie geknickt sind, wenn sie für ihre Bilder zu wenige Likes kriegen. Junge Menschen trennen nicht mehr zwischen virtueller und realer Welt. Was online passiert, hat offline direkte Auswirkungen. Wir reden da aber immer auch von einer massiven Idealisierung. Wenn man die Bilder auf Facebook sieht, erkennt man die Menschen im realen Leben manchmal nicht mehr wieder.

PZ: Immerhin kennen sich die Teenager dann mit Bildbearbeitungsprogrammen aus ...

Clemens Beisel: ... das stimmt, sie lernen dadurch auch. Sie eignen sich Kompetenzen an, die im Beruf von Vorteil sein können. Von der Bild- und Videobearbeitung, über Marketing bis hin zur Frage, wie Kommunikation im Netz funktioniert. Und etwa durch die Möglichkeit, den Nachwuchs zu kontaktieren, können die Neuen Medien auch Eltern etwas bringen. Aber es darf nicht in die komplette Kontrolle ausarten. Der gesunde Mittelweg gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Diese haben Vorbildcharakter: Wenn der Papa in Gruppen dumme Fotos austauscht und der Sohn das sieht, macht der das halt auch.

Auf www.clemenshilft.de und in Seminaren berät der Pforzheimer Diplom-Sozialpädagoge Clemens Beisel Lehrer, Eltern und Senioren über den sicheren Umgang mit den Neuen Medien. Seit 2008 arbeitet er für den Stadtjugendring, seit 2012 ist er Referent für Social Media bei verschiedenen Organisationen. Am 3. November veranstaltet der 33-Jährige gemeinsam mit der PZ im PZ-Forum die Veranstaltung „Junge Menschen auf Facebook, Whatsapp und Co.“.

Das Interview führte Simon Walter, den Sie hier über Twitter kontaktieren können.