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14.10.2015

Wie kann die Radikalisierung junger Leute verhindert werden?

Ein Jugendlicher in Pforzheim – eher unauffällig in der Schule – erleidet einen Schicksalsschlag: Die Mutter stirbt. Er ist in der Pubertät, sucht nach Halt und Sinn – und findet ihn für sich im Islamismus.

Zusehends radikalisiert er sich, nimmt an Salafisten-Demonstrationen und Koran-Verteilaktionen teil. Am Ende reist der damals 19-Jährige mit eritreischen Wurzeln über die Türkei nach Syrien aus, wird einer der rund 700 „Gotteskrieger“ des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Syrien aus Deutschland, einer von rund 50 aus Baden-Württemberg. Seit Januar dieses Jahres ist er einer von rund 100 toten deutschen IS-Kämpfern.

Ein Fall wie der von Mounir I. soll sich nicht wiederholen. Auch nicht das Hereinfallen auf Rattenfänger aus der rechtsextremistischen Szene – das ist der Hintergrund des Fachtags „Radikalisierungstendenzen junger Menschen in Schulen“ am Mittwoch im Karlsruher Schloss. Vittorio Lazaridis, Präsident der Abteilung Schule und Bildung im Regierungspräsidium Karlsruhe, sieht die Schulen in einer Partnerschaft mit Institutionen der Jugendhilfe, mit Sozialarbeitern – und der Polizei.

Gegen das Abdriften

„Habt Ihr noch etwas anderes zu tun vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik?“ Diese Frage bekommt Günther Freisleben, Präsident des auch für Pforzheim und den Enzkreis zuständigen Polizeipräsidiums Karlsruhe, häufiger gestellt. Und er hält dagegen: „Prävention geht vor Repression.“ Radikalisierungstendenzen hätten unstreitig zugenommen. Die Gefahr des Abdriftens in radikale Gruppierungen könne Ausdruck jugendlicher Orientierungssuche sein, der man entschieden entgegnen müsse.

Dierk Marckwardt, Vize-Chef des Referats Prävention beim Landeskriminalamt, sieht das LKA als Impulsgeber für die landesweite Veranstaltungsreihe. Besonders nach den Terroranschlägen von Islamisten in Brüssel und Paris habe man verstärkt Anfragen erhalten. Man wolle seitens der Schulen weitergebildet werden unter dem Motto der Fachtagung: wahrnehmen – deuten – handeln.

In Vorträgen und Workshops befassten sich die Teilnehmer unter anderem mit der Grenzziehung zwischen Islam und Islamismus und dem Phänomen eines islamisch geprägten Terrorismus. Einen der Wokshops leitete unter anderem der frühere Leiter der Kriminalprävention der früheren Polizeidirektion Pforzheim, Rüdiger Schilling.

„Die Teilnehmer sollen in die Lage versetzt werden, die Grenze zwischen pubertärem Verhalten und beginnendem Fundamentalismus besser einschätzen zu können“, so Lazaridis. Eine wertschätzende Präventionskultur innerhalb der Schule ermögliche es, ein eigenes Selbstwertgefühl zu entwickeln und mutig schwierige Lebenssituationen zu meistern. Das landesweite Präventionskonzept „stark.stärker. WIR“ und die im Bildungsplan verankerte Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“ unterstützten die Schulen bei der Stärkung dieser „lebensnotwendigen Lebenskompetenzen“.

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