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Der Russlanddeutsche Waldemar Meser sieht bei der Wahl die CDU auf Kosten der AfD erstarken – gar so optimistisch ist Sergej Herdt, Spätaussiedler aus Kasachstan, (noch) nicht. Beide nennen die Landtagswahl 2016 eine „Protestwahl“.
Der Russlanddeutsche Waldemar Meser sieht bei der Wahl die CDU auf Kosten der AfD erstarken – gar so optimistisch ist Sergej Herdt, Spätaussiedler aus Kasachstan, (noch) nicht. Beide nennen die Landtagswahl 2016 eine „Protestwahl“.
27.08.2017

„Wir werden pauschal diffamiert“: Pforzheimer Spätaussiedler wehren sich gegen mediale Verallgemeinerung

Die Landtagswahl im Frühjahr vergangenen Jahres sei – mit Blick auf das unerwartet gute Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD), gerade in Pforzheim und Mannheim – „eine Protestwahl“ gewesen.

Da ist sich der 66-jährige russlanddeutsche Spätaussiedler aus Sibirien, Waldemar Meser, der in Irkutsk geboren wurde und seit 40 Jahren auf dem Haidach lebt, einig mit dem 30 Jahre jüngeren Sergej Herdt, Sohn eines Deutschstämmigen und einer Russin, geboren in Kasachstan, seit 1995 in Deutschland und in Pforzheim wohnhaft seit 2004.

Beim Blick in die Zukunft liegen die beiden Mitglieder der CDU nicht mehr so eng zusammen: „Bei der Bundestagswahl wird es anders“, sagt Meser. Anders heißt für ihn: besser für die CDU, schlechter für die AfD. Oder erst bei der nächsten Wahl, sagt Herdt, deutlich vorsichtiger. Wäre man in Bayern, sähe das Ergebnis im Bundesland besser aus: „Die konservativen Werte – vor allem, was die Familie betrifft – sehen die Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in der CSU besser aufgehoben als in der CDU.“

Herdt hat in Mannheim beim Zentrum für Europäische Sozialforschung nachgefragt. Fazit: Es gebe keine statistischen Zahlen über Spätaussiedler aus GUS-Staaten und deren Wahlverhalten. Ein Rückschluss auf die Wahl der AfD könne nicht gezogen werden.

Über einen Kamm geschoren

Einig sind sich der junge Technische Leiter der Entwicklungsabteilung in einem großen Pforzheimer Unternehmen und der pensionierte frühere Berufsfeuerwehrmann bei einem Redaktionsgespräch darin, dass sie sich durch die mediale Berichterstattung, die flutartig über die vermeintliche „AfD-Hochburg“, „Klein-Moskau“ oder den „Russen-Hügel“ hereingebrochen sei, diffamiert, stigmatisiert und über einen Kamm geschoren vorkämen – „Hauptsache, Klischees wurden bedient“, so Meser. Und wehe, der Eindruck von Filmteams stimme nicht mit der sich selbst erfüllenden Prophezeiung überein – dann verschwinde das Filmvorhaben eben in der Versenkung. Oder anders herum: Man walze das Thema – wie jüngst die ZDF-Journalistin und Moderatorin ihrer eigenen Talk-Show Dunja Hayali (mit dem AfD-Bundestagskandidaten Waldemar Birkle, die PZ berichtete).

Der Sender habe sich auf falsch recherchierte, übertriebene Zahlen verlassen und die von Herdt nachträglich korrigierten Zahlen ignoriert. Was Meser und Herdt am meisten empört hat: dass ein Nachbarschaftsfest an der Glogauer Straße in der Sendung filmisch habe herhalten müssen als Kulisse für die angebliche AfD-Affinität der Bewohner des Stadtteils. Meser: „Spätaussiedler ebenso wie alte Haidacher sind an ihren Arbeitsplätzen angesprochen worden, ob sie AfD gewählt hätten.“

Zahlen sind das eine: Forschungsergebnisse beispielsweise des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die unter anderem den Spätaussiedlern von der Straffälligkeit bis zu Bildungsabschlüssen keine Abweichungen zu in Deutschland geborenen Deutschen attestiert und sogar eine höhere Zufriedenheit mit den Lebensumständen. Emotionen das andere: zum Beispiel, dass sich hin und wieder alteingesessene und in Deutschland geborene Haidacher wegen mancher Spätaussiedler gestört fühlen. Oder wenn sich junge Menschen nicht in der Sprache ihrer neuen Heimat – sondern auf Russisch unterhalten. Protest? Ein altersbedingtes Phänomen? Gruppenzusammengehörigkeit – wie dies (unter anderem) Sozialarbeiter ins Feld führen? Oder vielmehr die – früher verbindliche – russische Sprache als Bindeglied zwischen Angehörigen verschiedener Staaten im Dunstkreis des sowjetischen Herrschaftsbereichs, vom Baltikum bis zum Balkan?

Oder das Resultat, dass die Mehrzahl der Spätaussiedler aus Russland und Kasachstan (1,8 Millionen) in den 1990er-Jahren kamen, und zwar oft in Begleitung eines nicht-deutschstämmigen Ehepartners – im Gegensatz zu den rein russlanddeutschen Paaren, die in den 1970er- und 1980er-Jahren nach Westen aufbrachen? „Es war eine stille Integration damals“, sagt Meser.

Vor einigen Jahren appellierte der Vorsitzende der Elterninitiative Buckenberg-Haidach und Hagenschieß und unter anderem Integrationsbeauftragte des im Eingliederungsprozess stark engagierten FSV Buckenberg an die Verwaltungsspitze, speziell für die vielen Spätaussiedler in Pforzheim – rund 20 000 – einen Ansprechpartner zu benennen. Er habe zu hören bekommen: Man habe ja einen Integrationsausschuss. Punkt. Der heißt zwar nicht mehr so, sondern Internationaler Beirat – aber der hat sich nun mit einem Problem zu befassen, das immer größer wird: Vielen Spätaussiedler, die aufgrund ihrer Herkunft bis zu 40 Prozent weniger Rentenansprüche trotz gleicher Lebensarbeitszeit haben, droht die Altersarmut. Diese sich abzeichnende soziale Verwerfung wurde nun auch bei der Stadt erkannt (die PZ berichtete). Die Anfangsfrage stellt sich erneut: Wer macht das dann zum Wahlkampfthema?

nanos
28.08.2017
„Wir werden pauschal diffamiert“: Pforzheimer Spätaussiedler wehren sich gegen mediale Verallgemeinerung

Früher wählten die Russlanddeutschen CDU. Man könnte sogar den Verdacht hegen, dass die Einwanderung von Russlanddeutschen von der damaligen Regierung auch deshalb forciert wurde, um einen dankbaren Wählerstamm zu rekrutieren. Dieses CDU Affinität war aber kein Thema und hätte nie und nimmer Anlass für Recherchen gegeben. Inzwischen haben sich die von der CDU einst vertretenen Standpunkte stark verändert. Deshalb wählen heute manche die AfD, weil sie zum Teil Postionen vertritt, die an man ...... mehr...

helmut
28.08.2017
„Wir werden pauschal diffamiert“: Pforzheimer Spätaussiedler wehren sich gegen mediale Verallgemeinerung

Der Gründer und geistige Vater der AfD war Bernd Lucke. Die ist als liberal-konservative Partei entstanden was durch den Beitritt von Olaf Henkel bestätigt wurde. Das einzige Zielscheibe war der Euro und die EU. Ohne Grund wurden die von allen anderen Parteien in die Rechte Ecke gestellt. Die "Rechten" aller Schattierungen fanden so nach und nach in der AfD ihre Heimat. Ausspruch von Goethes Zauberlehrling: 'Die Geister dieich rief, die werde ich nicht mehr los.' N24 27.02.2014 AfD bei ...... mehr...

ROSAROT
28.08.2017
„Wir werden pauschal diffamiert“: Pforzheimer Spätaussiedler wehren sich gegen mediale Verallgemeinerung

Das Thema hier ist aber keine allgemeine Diskussion der Partei AfD. Denn sonst müßte man ja nur wieder mal lesen, was ein gewisser Herr Gauland beim Besuch seines Freundes Bernd Höcke zum Thema "Migranten" sagte. Allein schon interessant, wie sich der AfD - Spitzenmann zusammen mit diesem Rechtsaussen aus Thüringen aufführt. Denn immerhin gibt es über diesen derzeit ein "Parteiausschlußverfahren", was Gauland gar nicht kümmerte. Nein, hier geht es um das Wahlverhalten der Spätaussiedler ...... mehr...

nanos
28.08.2017
„Wir werden pauschal diffamiert“: Pforzheimer Spätaussiedler wehren sich gegen mediale Verallgemeinerung

Ich wollte da nichts glauben naschen, sondern hatte eine falsche Zahl im Kopf. Entschuldigung. Woran diese "Fast - Mehrheit" der AfD bei den Aussiedlern wohl liegen mag ??? Dieses näher zu untersuchen, ist das eigentlich Thema. Deckt sich z.T. mit meiner abschließenden Frage, warum sich eine AfD überhaupt etablieren konnte. Und gibt es dazu schon eine Antwort?... mehr...