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10.02.2009

Wolfgang Tiefensee: Lernen aus der friedlichen Revolution

Die Junge Union, die vor dem PZ-Forum demonstrierte, ist schon wieder weg. Die Besucher im ausverkauften Forum sind unruhig, rutschen auf den Stühlen hin und her. Der Projektor, der das Bild von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee und den Titel seines Vortrags auf die Leinwand transportiert, summt leise.

Im Vorraum gibt es Kaffee, Cola, Apfelschorle – aber auch einiges zu tun. Man richtet den Blick erwartungsvoll in Richtung Tür, durch die Tiefensees Tross schon lange hätte kommen sollen.

Ein jeder, der hier wartet auf Tiefensee, hat noch eine Aufgabe zu erledigen, ehe der Vortrag zur friedlichen Revolution von 1989 beginnt. PZ-Chefredakteur Jürgen Metkemeyer will ihn begrüßen. Dietlinde Hess vom Bürgerverein Dillweißenstein und Anlieger der Autobahn im Enztal wollen ihm Petitionen übergeben. Ein paar Schüler wollen Tiefensee die Hand schütteln, ein bisschen plaudern mit einem aktiven Zeitzeugen der DDR-Revolution, die sie nur theoretisch aus der Schule kennen. Manch anderer will bei all dem einfach nur zusehen, nah dran sein.

Dann kommt er – besser spät als nie. Eine halbe Stunde Verspätung, für die der Redner des Abends nichts kann. Im Vorraum bekommen alle, was sie wollen. Tiefensee gibt sich bürgernah, professionell, geduldig, herzlich im Plausch, ehe er staatsmännisch in Richtung Redner-Pult schreitet.

Was er zu sagen hat, ist nicht rückwärts gerichtet. Gegenwart und Zukunft hat Tiefensee im Blick. Er sieht sich nicht als Bürgerrechtler; Glorifizierung ist ihm fremd; er will nicht mehr als nötig von damals erzählen. Worauf er eigentlich hinaus will: Was kann man heute von damals lernen?

Seine Antwort ist deutlich: Zivilcourage. Die fange in der Schule an, wenn man sich mal gegen die vorherrschende Meinung stellt. Weitere Anlässe, Zivilcourage zu demonstrieren, böten sich bei der Arbeit, wenn rechtes Gedankengut an der Tagesordnung steht. Oder in der U-Bahn. Oder auf der Straße. Das könne man von damals lernen, von der friedlichen Revolution – sie ist ein Beispiel für Zivilcourage.

Tiefensee will nicht endlose Monologe halten. Sein Vortrag: kurz und gut. Einige Zuhörer fügen das Attribut „authentisch“ hinzu. Nach dem Vortrag ist vor dem Dialog. Tiefensee hat Zeit für Fragen mitgebracht. Fragen zu damals und zu heute, beantwortet von Tiefensee, dem Minister, DDR-Zeitzeugen und ehemaligem Oberbürgermeister Leipzigs. Es geht um Zusammenwachsen von Ost und West, Solidarität, um sein Erleben der Revolution.

Es ist nach neun. Tiefensee müsste eigentlich schon wieder weg sein. Doch er hat noch einiges zu bereden. Mit den Zuhörern im PZ-Forum. Kaum ist er vom Rednerpult weg, bilden sich Menschentrauben um den 54-Jährigen. Man will ihm nahe sein, dem aktiven Zeitzeugen eines bedeutenden Kapitels deutscher Geschichte.