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24.07.2009

Zerstörungswut verursacht Zehntausende Euro Schaden

PFORZHEIM. Wände verschmiert, Blumenkübel zerdeppert, Bänke in der Enz versenkt, Scherben auf dem Spielplatz, Unterstände abgefackelt – durch scheinbar blinde Zerstörungswut entstehen jährlich Zehntausende von Euro Schaden. Die Aufklärungsquote: gering. Die tatsächlichen oder mutmaßlichen Täter: meist Jugendliche.

Die Tatorte: Es kann überall sein – mitten in der Stadt, an S-Bahn-Haltestellen, auf Grillplätzen im Würm- oder Nagoldtal, im Hagenschieß, auf der Festwiese im Arlinger oder entlang der Wilferdinger Straße.

„Es gibt keine heilen Stadtgebiete“, sagt Axel Baumbusch, Leiter Jugendarbeit Stadtteile beim Stadtjugendring, „und keine Gesellschafts- oder Bildungsschicht, die nicht betroffen wäre.“ Neu ist die Zerstörung fremden Eigentums nicht. „Aber diese Häufung und das Flächendeckende gab es früher nicht“, sagt Baumbusch.

Mit seinem Kollegen Hardy Wagner, Chef des Stadtjugendrings, ist er sich über die Ursachen der Zerstörung fremden Eigentums einig: Langeweile, das Fehlen von Ansprechpartnern, Gruppenzwang und Perspektivlosigkeit. Baumbusch: „Kindergärten gibt es überall in der Stadt – aber wer kümmert sich um diese Kinder, wenn aus ihnen ein paar Jahre später Jugendliche werden? Westlich vom Haus der Jugend gibt's doch keinen Jugendtreff mehr.“

Die Straße als Lebensraum. Die Polizei oftmals als einziges Korrektiv – weil sich keiner in der Nachbarschaft traut, Grenzen zu setzen. Weil er Angst hat, dass aus Sachbeschädigung Körperverletzung wird.
Erst drischt einer – dann alle

Wie beides zusammengeht, zeigte das Lichterfest im Stadtteil Arlinger: Mehrere Jugendliche schlugen und traten einen 17-jährigen Schüler grundlos krankenhausreif (die PZ berichtete). Wertneutral könnte man von Gruppendynamik sprechen: Einer drischt – in der Folge dreschen alle.

Oder einer zertrümmert sein Weizenbierglas – auf die Gläser wurde beim Fest zum Leidwesen von Ordnungsamtsleiter Wolf-Dietmar Kühn kein Pfand erhoben –, und Dutzende tuen es dem nach, der als erster den Bann bricht. Am Ende sollen laut Kühn rund 200 Gläser absichtlich zu Bruch gegangen sein. Brauerei-Chef Michael Ketterer rückt die Zahl zurecht: Maximal 50 seien es gewesen.

Ein chaotisches Bild bot sich Ende April und einen Monat später auf dem Grillplatz im Würmtal. An der Arkbrücke waren Rückenlehnen an den Sitzgruppen herausgerissen worden. Beim Pavillon zwischen Würm und Hohenwart kletterten Jugendliche aufs Dach und rissen Schindeln herunter. In Waldrennach gleicht der Grillplatz nach Wochenenden mitunter einem Schlachtfeld (die PZ berichtete). Im Pforzheimer Stadtgebiet rückt montagvormittags schon mal ein Trupp der Technischen Dienste vorsorglich aus, um an den bekannten Stellen die Spuren der Gelage zu beseitigen.

Was in früheren Jahren regelmäßig für Unmut bei Anwohnern sorgte, ist – zumindest nach dem, was bekannt wurde – in diesem Jahr bislang ausgeblieben: die Zweckentfremdung von Spielplätzen wie beispielsweise auf dem Sonnenhof oder in Maihälden geschehen.

„Wir beobachten eine Verlagerung hin zum Waisenhausplatz“, stellt Kühn fest. Am vorvergangenen Wochenende hätten sich dort über 100 Jugendliche zwischen Theater und Enz getroffen, verschiedenste Gruppen. Prompt habe es mal wieder Zoff zwischen Rechten und Linksautonomen gegeben.

In diesem Zusammenhang hat Sozialarbeiter Baumbusch eine große Befürchtung: „Die Resignation nimmt zu. Diese Jugendlichen haben der Gesellschaft innerlich gekündigt. Und das wird die Ursache sein für einen steigenden Extremismus – von rechts bis religiös.“
Und wie fängt man die Pferde wieder ein? Zahlreich sind die Präventionsprogramme der Polizei. Sie nennen sich N.O.W.U.M. (Nachhaltige Offensive zur Wertevermittlung und Motivation), „Pro West“ oder „Nössi“ (Niefern-Öschelbronn sauber und sicher). Der Bezirksverein für soziale Rechtspflege veranstaltet soziale Trainingskurse. Ebenso ist er – wie Bürgerverein Nordstadt, der Verein Pforzheim mitgestalten, die Malerinnung und die Polizei – involviert in dem Pforzheimer Vorzeigeprojekt „Anti-Graffiti-Mobil“.

Die Staatsanwaltschaft verdonnert Jugendliche in der Regel zu 20, 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit – wenn man sie denn erwischt. Jugendstaatsanwalt Stephan Höll: „Und wenn sie sich weigern, kommt es zur Anklage. Dann gibt's vom Richter das Doppelte.“
Ein anderes Phänomen, das die Sozialarbeiter bei aller Kritik an mangelnden Jugendräumen fast schon wieder optimistisch macht: Der Bedarf an Sozial- und Benimmtrainings steigt – „und die Nachfrage stammt von den Jugendlichen selbst“. Da ist Hardy Wagner platt. Drei Jahre lang lief das Projekt „JobMobil“, finanziert vom Bundesamt für Integration und Flüchtlinge. Nun läuft die Unterstützung aus – und das weitere Engagement einer Benimm-Trainerin steht auf der Kippe.
Stoff für Schul-Unterricht?

„Das könnte doch als Modul in den Lehrplan aufgenommen werden“, schlägt Wagner – er ist auch Vorsitzender des Gesamtelternbeirats – vor. Es ist nicht das einzige Modul auf seiner Wunschliste. Er fordert Sozialverhalten als Bestandteil des Unterrichts. Beste Erfahrungen hat der Stadtjugendring mit Jugendgruppen im Klettergarten beim Wildpark gemacht – Erlebnispädagogik, die kaum etwas kostet.

Oft genug bekommen die Sozialarbeiter zu hören, sie hätten Verständnis für das, was die Jugendlichen anstellen. Baumbusch: „Ist doch Quatsch, dass wir das angeblich gut finden. Intern sprechen wir eine ganz klare Sprache – aber nach außen sind wir doch das einzige Sprachrohr, das die Jugendlichen haben.“ Olaf Lorc